Travel Diary: Alleine auf Sansibar

8. April 2016 von in

Nachdem ich mich die letzten Jahre urlaubsmäßig zu oft auf jemanden verlassen habe und schließlich immer wieder enttäuscht wurde, entschied ich dieses Mal ganz einfach alleine zu fahren. Wann ich will und wohin ich will. Ohne etwas abklären zu müssen, ohne zu planen und vor allem ohne diese blöden Bedenken: Geht das mit uns beiden auch wirklich gut?

An dem Tag, an dem ich eher sehr spontan in der Mittagspause buchte, war ich voller Euphorie. Am Tag darauf fragte ich mich, was ich da überhaupt mache. Zehn Tage alleine in Afrika. So ging das dann die restlichen Wochen bis zum Abflug – in dem einen Moment freute ich mich auf nichts mehr als auf diese Zeit, im nächsten war ich wieder voller Zweifel, wie das alles werden sollte.

Die Leute, denen ich von meiner Sorge erzählte, konnten das nicht so ganz nachvollziehen. „Da lernst du bestimmt schnell jemand kennen“, war die häufigste Antwort. Das wollte ich aber gar nicht. Ich wollte alleine sein. Nicht, dass man mich hier falsch versteht: Ich umgebe mich gerne mit Menschen, wenn es denn die richtigen sind. Aber ich empfinde es als die schlimmste Zeitverschwendung, mit Menschen zusammen zu sein, mit denen ich nicht zusammen sein möchte.

Was ich also nicht wollte: Smalltalk. Und wo kommst du her? Wo bist du schon gewesen? Was machst du beruflich? Reist du noch weiter? Und am Ende dann große Versprechen, dass man sich ja unbedingt besuchen müsse. Dass man sich ganz bald wiedersieht. Das hatte ich alles schon. Was ich aber noch nie hatte: Nur ich, Bücher, Musik und zehn Tage, an denen es nichts, aber auch wirklich nichts zu tun gibt. Ich wollte Zeit haben, nachdenken, beobachten. All das, wozu ich hier viel zu selten komme.

Nach meiner Ankunft war ich erst einmal nur mit wahrnehmen beschäftigt. Der Flughafen, der eher aussah wie ein verwaistes Wettbüro. 6 Uhr morgens, 29 Grad. Langsamer Sonnenaufgang, die Fahrt vom Flughafen durch die viel zu volle Hauptstadt. Schulkinder in Uniformen. Dreck, unfertige Hütten, Dschungel. Als ich ankam, schlief das ganze Hotel noch. Ich ging zum Strand, rauchte eine Zigarette und war nur glücklich. Diese ersten beiden Tage lassen sich sehr einfach zusammenfassen: Ich las „Die Langsamkeit“ von Kundera, schlief viel und bestellte abends in einer wunderschönen Regelmäßigkeit Fisch und Wein.

Schnell stellte ich fest, dass vor allem zwei Dinge beim Alleinereisen richtig beschissen sind: Rücken eincremen und zu Abendessen. Mein Besuche im Restaurant waren nie länger als eine Stunde. Am Anfang war es mir auch noch irgendwie sehr unangenehm, alleine essen zu gehen. In einem Hotel voll mit Pärchen war ich tatsächlich die Einzige, die alleine war. Meine Angst: Alle haben superviel Spaß um mich herum, während ich alleine und schweigend in meinem Fisch herumstochere. Die Realität war dann aber sehr beruhigend: Pärchen, die sich schweigend gegenübersaßen. Deren Gesichter hell beleuchtet waren, weil sie das ganze Abendessen über auf Instagram waren. Da war alleine essen plötzlich nicht mehr so schlimm.

Am dritten Tag hielt es mich dann nicht mehr am Strand, ich wollte raus und etwas sehen. Ein Ausflug, zwei französische Pärchen und ich. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich ein bisschen froh darüber war, dass mein Französisch so schlecht ist. Somit musste ich nicht jeder Konversation folgen. Ich war einfach dabei und genoss. Schildkröten gucken, auf eine Sandbank fahren, dort alleine spazieren, Vögel beobachten, wieder Fisch essen, abends in der Hauptstadt am Hafen sitzen. Als wir auf der Rückfahrt viel zu lange im Stau standen in diesem viel zu vollen Auto, merkte ich schon wieder, dass mich das alles ein bisschen überforderte. Ich freute mich auf eine Dusche, mein Zimmer, Tür zu, Mückennetz runter, Buch. Die Einladung für den Ausflug am nächsten Tag lehnte ich also dankend ab.

Darauf folgten wieder einige Tage liegen und gucken. Das Meer war immer anders. Manchmal kam ich morgens zum Strand und konnte kilometerweit reingehen. Überall ließen sich winzige Figuren ausmachen, die Seegras, Muscheln und alles sammelten, was man irgendwie verkaufen konnte. Und dann kam es den Tag über immer näher, bis die Wellen fast bei meiner Liege waren. Oder es war genau anders herum: Ich konnte morgens schwimmen und den Tag über zusehen, wie das Wasser immer weiter schwand.

Zudem kamen immer wieder irgendwelche Leute am Strand entlang. Da war die 11-jährige Fee, die ich traf, als ich einmal mehr zum Sonnenaufgang schauen sehr früh alleine am Strand saß. Da war der alte Mann mit den Tüchern, der mir jeden Tag Drogen verkaufen wollte und der immer anmerkte, wie glücklich ich doch aussah. Ich war auch sehr glücklich. Meine Reise alleine lobte er: You’re a strong woman. Naja. Ansonsten traf das Alleinereisen eher auf Unverständnis. Pärchen fragten mich, ob mir denn nicht langweilig wäre. Afrikanische Männer fragten mich, ob ich denn nicht verheiratet sei. Die Kellnerin fragte mich, warum ich denn alleine Urlaub machen wollte. Weil ich sehen will, wie das so ist. Höfliches Nicken.

Zu meinem zweiten Ausflug entschied ich mich sehr spontan, zehn Minuten vor Abfahrt. Wieder zwei französische Pärchen und ich – es schien eine Traumkombination zu sein. Schnorcheln, Babyschildkröten füttern, Oktopus-Salat und Wassermelonensaft. Danach noch ein bisschen am Ballermann-Strand von Sansibar. Fremdschämen für Italiener. Wassergymnastik im Meer und unangenehm nachgebaute Piratenschiffe, die alle zehn Minuten mit lauter Musik vorbeifuhren. Auch hier war ich irgendwie froh, als wir zurückkamen. Ich konnte endlich weiter „Sand“ von Herrndorf lesen, wie gemacht für Afrika-Urlaube.

Die letzten Tage verbrachte ich wie gewohnt. Während alle andere Hotelgäste am Pool abhingen, hatte ich den Strand für mich alleine. Büchermäßig ging es mit Siri Hustvedt, Paul Auster und Maxim Biller weiter. Immer wieder unterbrochen von stundenlangen Rauch-Pausen, in denen ich wahlweise die Liveshow von Broken Social Scene auf KCRW hörte, zu Slow Bicycle von Múm den einsamen Fahrradfahrern am Strand zusah oder zu Rosalie und Wandas Umso mehr einfach verliebt war. Verliebt in meinen Ausblick. Verliebt in eine ganze Insel.

Als ich abfuhr, konnte ich mich nur schwer trennen. Zuvor noch Angst vor zehn Tagen alleine, hätten es jetzt auch ruhig zwei Wochen sein können. Auf der anderen Seite freute ich mich natürlich wieder auf Gesellschaft. Auf Abende beim Italiener mit meiner besten Freundin, auf das letzte Bier mit den Jungs. Aber ich weiß auch: Das war sicherlich nicht das letzte Mal, dass ich alleine weg war. Man kann es nicht mit zusammen reisen vergleichen, es ist komplett anders. Anders schön.

14 Antworten zu “Travel Diary: Alleine auf Sansibar”

  1. Wow das klingt ja traumhaft. Und die Bilder sind auch wunderschön. Darf ich fragen in welchem Hotel du warst? Ich habe nie groß über Sansibar als Urlaubsort nachgedacht aber jetzt habe ich glaube ich mein nächstes Urlaubsziel!

  2. Traumhafte Eindrücke! Wie schön es dort ist, ein richtiger Sehnsuchtsort. Du sprichst mir aus der Seele, auch ich mag belanglosen Smalltalk nicht und mir ist es oft auch zu viel, tagelang 24 Stunden zusammen zu sein, wenn ich mit jemand anderem verreise. Dass man einfach mal seine Ruhe braucht, verstehen viele nicht. Dabei sollte Urlaub doch Erholung sein. Dein Mut, alleine zu reisen, macht mir Mut, das auch mal auszuprobieren.
    Liebe Grüße

  3. Ich finde es wunderbar & auch völlig normal, dass man alleine in den Urlaub fährt. Man wird mit ganz anderen Eindrücken belohnt, als wenn man in einer ‚Pärchenblubberblase‘ verreist. Auch deine Buchauswahl hat mir gefallen. Genauso soll bitte meine nächste Reise werden. Vielen Dank für die Inspiration.

  4. Sehr coole Eindrücke, danke fürs Teilen! Und hast du vielleicht mal Lust, ein paar deiner Lieblingsbücher vorzustellen? Unser Geschmack scheint ganz ähnlich zu sein! :)

  5. Danke! Einfach Danke für diesen wunderschön geschriebenen Post. Du hast mich gerade in eine Zeitreise versetzt, 4 Jahre zurück, ich bin zum ersten Mal allein verreist, dieselben Gefühle, Wünsche, Bedenken und Erkenntnisse. Ich erinnere mich so gern an diese besondere Erfahrung … so heilsam

  6. Super schöner Artikel. Hat mich in meiner Entscheidung bestärkt meinen Geburtstag dieses Jahr alleine in der Karibik zu verbringen. Einfach nur ich, Sonne, Meer und die Chance sich vollkommen mit sich zu beschäftigen. Danke für deine Eindrücke und ich glaube ich muss dann auch mal endlich meinen Urlaub buchen :)

  7. Super schöner Artikel! Mir geht es gerade auch so, zumindest der Anfang ist absolut passend. Ich fliege im Mai alleine nach Sansibar obwohl ich im September 16 bereits da war, nur nicht alleine. Und selbst da sind mir die vielen Paare und ihre Handys aufgefallen. Trotzdem bin ich hin und her gerissen, ob ich diesen Urlaub wirklich antreten soll. Ich war schon mal alleine im Urlaub, allerdings war das „nur“ Mallorca aber nicht der Ballermann. Und es war toll! Aber Sansibar ist so weit weg und ich fliege nicht gerne… Etwas Zeit zum überlegen habe ich ja noch. Dein Artikel bringt mich immerhin dazu positiv über diese geplante Reise zu denken. Vielen Dank dafür :)

  8. Hi. Was und wie du geschrieben hast, gefällt mir sehr gut. Ich fliege gezwungenermaßen nun auch alleine nach Zanzibar und ich freue mich, habe aber auch Ängste. Mir macht es kummer dass es sich dabei um ein Muslimisches Land handelt und ich als weiße blonde dort alleine bin (29 Jahre). Eigentlich banal denn ich bin 6 Monate von Ecuador nach Mexiko gereist… Naja auf jeden Fall hat mir dein Travel Diary Mut gemacht. Das Alleinesein beim Abendessen finde ich auch in Deutschland komisch, wenn ich auf Terminen Mittags alleine esse, aber man gewöhnt sich dran. Aber ja, dort werden wohl eher verliebte Päarchen sitzen. Aufjeden Fall sehr cool dein DIary!

    LG Cathi

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