Ausstellung: Paper Weight im Haus der Kunst

15. Juli 2013 von in

In Zeiten rasender und überall hervorsprießender Online-Medien und rückläufigen Print-Verkaufszahlen könnte man meinen, neue Zeitschriften und Magazine hätten keine Bedeutung mehr. Dass tatsächlich genau das Gegenteil der Fall ist, zeigt die neue Ausstellung „Paper Weight“ im Münchner Haus der Kunst. Sie portraitiert 15 stilbildende Magazine, die seit 2000 unabhängig von großen Verlagshäusern gegründet und publiziert wurden. Sie alle bilden, wie viele zeitgenössische Magazine, einen gewollten Gegenpol zu den Online-Medien und verleihen ihren Themen Gewicht – mit einem hoch qualitativen, oft unkonventionellen und von Subkulturen geprägten Zugang zu Themen wie Kunst, Mode, Kulturpolitik oder Sex.

Die Magazine haben keinen Verlag im Hintergrund, sind nicht auf Profit ausgerichtet und können sich dadurch selbst zum Kunstwerk machen. Nicht nur die 15 in der Ausstellung portraitierten Titel sind Beispiele für kulturprägende, zeitgenössische Magazine abseits des Mainstreams, die diesen wichtigen Gegenpol zur Online-Welt bilden. Durch das Internet haben wir die Möglichkeit, Unkonventionelles zu schaffen, Subkulturen ihren Raum zu geben und uns weg vom Mainstream zu bewegen. Aber doch ist im Internet alles flüchtig und ein Artikel oft so schnell wieder vergessen, wie er entstanden ist. „Altmodische“ Publikationen auf Papier mit zeitgenössischen und freien Thematiken sind das Kulturgut unserer aktuellen Zeit, das bleibt.

Sich in die Welt der kulturell hochwertigen Magazine einzuarbeiten, ist nicht mit einem Fingerschnipp getan. Auch ich befinde mich da noch ziemlich am Anfang. Deshalb hat es mich umso mehr gefreut, dass das Haus der Kunst, das Museum in München, das den Nerv der Zeit am besten trifft, die Thematik in seiner neuen Ausstellung aufgreift.

Die Themen der portraitierten Magazine reichen von Mode und Kultur (Encens, 032c) Architektur und Design (Pin-up, Apartamento), Persönlichkeiten und Geschlechterrollen (Toiletpaper, Gentlewoman, Fantastic Man, Girls Like Us) oder Sexualität (Butt, Magateen, Sang Bleu, Candy) bis hin zu Kulturpolitik (Bidoun). Jedes Magazin hat dazu einen überlebensgroßen Aufsteller gestaltet, der auf der Vorderseite ein ausgewähltes Cover sowie eine Kurzbeschreibung des Magazins zeigt. Die Rückseite der Magazin-Skulptur konnte jede Redaktion selbst gestalten – man tritt als Besucher also selbst ein in die Welt des jeweiligen Magazines, noch mehr, als würde man es lesen.

Beim homoerotischen Ey! Magateen, das den homosexuellen und allgemeinen Jugendwahn auf die Spitze treibt, befindet man sich auf einmal in einem Teenagerzimmer, das über und über mit jungen, halbnackten Boys beklebt ist. Das ehemals an Lesben gerichtete und inzwischen humorvolle und offenere, jedoch immernoch feministische Magazin Girls Like Us zeigt eine Collage der verschiedensten besonderen Frauen (unter anderem Tavi Gevinson und Diane Pernet) sowie Themen und Begriffe, die das Magazin ausmachen, alles unterlegt von lila leuchtenden Neonröhren. The Gentlewoman, ein Mode- und Kulturmagazin, das sich abkehrt von Glamour und Scheinwelten, zeigt eine Vielfalt von Frauen, die bisher darin portraitiert wurden – von Modedesignerin Phoebe Philo über die Kräuterbäuerin Jekka McVicar bis hin zu Christy Turlington oder Beyoncé. Und bei der Installation des Body-Modification-, Tattoo- und Fetisch-Magazins Sang Bleu hängen zu Fetisch-Filmen Lederkunstwerke von der altbekannten Ex-Bloggerin Zana Bayne.

Für jeden, der eintauchen möchte in die Welt der außergewöhnlichen Offline-Publikationen, sei diese Ausstellung wärmstens ans Herz gelegt. Mir hat sie mal wieder gezeigt, wie wunderbar es ist, die Freiheit zu haben, über das zu schreiben oder sich mit dem zu beschäftigen, wonach einem ist. Diese Freiheit haben wir durch das Internet, aber durch die Magazin- oder eher Zine-Kultur wird sie auch wieder in die Print-Welt übertragen und schafft damit Dauerndes statt Flüchtigem. Meist ohne Profit, aber nicht nur das macht diese Art der Magazine zu wirklicher Kunst.

Die Ausstellung Paper Weight läuft seit vergangenem Freitag und ist noch bis zum 27.Oktober im Münchner Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, für 5 Euro zu sehen.

Alle Beiträge zum Thema München

Facebook // Bloglovin // Instagram // Twitter

4 Antworten zu “Ausstellung: Paper Weight im Haus der Kunst”

  1. Vielen Dank für den Tipp!! Das wird (hoffentlich) bald angeschaut! :) Vom Gentlewoman hab ich grad die Ausgabe mit Angela Lansbury, und ich find sie – abgesehen vom Inhalt – auch sehr dekorativ hehe. Darf man das über so ein Magazin überhaupt sagen?? LG

Schreibe einen Kommentar