Chick Flicks: Stand-Up gegen Weltschmerz (auf Netflix)

24. Juli 2017 von in

Stand-Up-Comedy. Was assoziierst du damit? Wenn dir als Erstes Mario Barth, Atze Schröder oder Cindy aus Marzahn in den Kopf kommen, dann wird er dir jetzt ordentlich gewaschen.

Zugegeben: Stand-Up Comedy hat ihren schlechten Ruf nicht ganz zu Unrecht. Wer es damit (vor allem in Deutschland) ins Fernsehen schafft, der reißt mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit größtenteils stumpfe Witze über Männer und Frauen, Ausländer, „Asis“, Dumme, Arme… KENNSTE? KENNSTE? Kurz: Es wird sich in der Regel aller Klischees bedient, die es so gibt. Bei diesen Comedians beruht der Spaß darauf, sich über andere lustig zu machen und sich seine Vorurteile bestätigen zu lassen – es sich in seiner Blase gemütlich zu machen und das Gefühl zu haben, dass die Welt ganz einfach ist. Das ist – meiner Meinung nach – nicht die Aufgabe von Comedy, denn so wird die Welt nur zu einem noch hässlicheren Ort. Die Aufgabe von Comedy ist das Gegenteil: Sich die Komplexität und Grausamkeit der Welt bewusst zu machen – und dann darüber zu lachen.

Gott sei Dank gibt es außerhalb von RTL und Co. eine Comedy-Welt jenseits von „ich weiß nicht, ob sie’s wussten“ und „Deutsch – Frau / Frau – Deutsch“. Und die ist gar nicht weit entfernt: Ein Besuch auf Netflix reicht schon, und dir liegt die Welt der cleveren, kritischen, intellektuell herausfordernden und scheißwitzigen Stand-Up-Comedy zu Füßen.

„Comedy is one of the last bastions of where we can talk about dark shit. And we gotta celebrate it, we gotta own that shit, man. What’s better than sitting next to someone and laughing while they’re mad at the same thing you’re both laughing at?“
Comedian Pete Johansson in seinem Netflix-Special.

Comedy, und ganz besonders Stand-Up, bildet ähnlich wie Kabarett und Satire eine der wenigen Grauzonen, in denen man an die Grenzen des Erträglichen gehen kann. Man kann Witze über alle grauenhaften Dinge machen, die zu unserer Welt und zu unserem Leben gehören, egal wie schwerwiegend: Von Rassismus, Sexismus, allen anderen -Ismen, Ungerechtigkeit, Hetze, Krankheit und Trump bis hin zu Menschen, die auf Konzerten Videos mit dem iPad machen oder dem bloßen Fakt, dass Brot fett macht. Und wenn man es richtig macht, dann tut das unfassbar gut: Denn um die Welt zu ertragen, muss man ab und zu über sie lachen. Wenn alles zu viel wird, dann gebe ich „Stand-Up“ in die Netflix-Suchleiste ein – nicht, weil ich Probleme vergessen will, sondern weil ich mich über sie lustig machen will: Comic Relief. Give it a try.

Und weil es in letzter Zeit überdurchschnittlich viel Anlass zum Weltschmerz gab, bin ich nun quasi Expertin. Hier kommen meine Netflix-Stand-Up-Tips für Einsteiger:

Aziz Ansari: Der Mann, der „Master of None“ erfunden hat und früher mal Tom Haverford in „Parks and Recreation“ war, macht Witze über das moderne Leben als PoC-Thirty-Something in der Großstadt.

Bo Burnham: Er ist erst 26 Jahre alt und landete 2006 einen viralen Hit auf Youtube. Seine Comedy ist ziemlich unverwechselbar, artsy, meta, musikalisch, intelligent und hinterlässt einen ein bisschen paralysiert (im besten Sinn).

Chelsea Peretti: Selten hat jemand seine Weirdness mehr embraced als Chelsea Peretti. Für Freunde des abtrünnigen Humors. Du solltest kein Problem mit Fremdscham haben.

Hannibal Buress: Er spielt Ilanas On-Off-Boyfriend Lincoln in „Broad City“ – und sein Stand-Up ist ebenfalls sehr Broad-City-esk.

Louis C.K.: Der Stand-Up-Gott. Guckt einfach alles, was ihr von diesem Mann finden könnt.

Pete Johansson: Klassische Stand-Up-Comedy mit sehr viel Hirnschmalz.

Sarah Silverman: Für mich die lustigste Frau der Welt (bis mich jemand noch mehr überzeugt).

Serdar Somuncu: Der deutsche Satiregott, außerdem neuerdings Kanzlerkandidat für die PARTEI, hat mehrere Specials auf Netflix, die ihr euch alle reinziehen solltet, wenn ihr zu viel angestaute Wut auf alles habt. Aber Obacht: Da geht’s ganz bewusst an die Grenze des Erträglichen.

Trevor Noah: Der Host der Daily Show ist nicht nur dort, sondern auch auf der Stand-Up-Bühne ein extrem schlau-witziger Beobachter der Weltgeschehnisse.

Ich hoffe, dass ihr danach nie wieder an Mario Barth denken müsst. Egal in welcher Situation. Viel Spaß!

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