Coffee Break: Die zweite Chance

6. September 2015 von in

Man sagt, jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient. Man sagt aber auch, jemand der dich einmal scheiße behandelt hat, wird es wieder tun. Und mein Vater sagt, Fehler machen ist menschlich, aber der, der einen Fehler zweimal macht, ist einfach nur dumm. Tja, und irgendwo dazwischen sagt der Kopf und das Bauchgefühl dann meistens auch noch irgendetwas.

Meine beste Freundin hatte gerade eben diese Situation: Sie hat ihm eine zweite Chance gegeben. Von „ihm“ zu schreiben ist einfacher, als zu erklären, was sie davor waren. Und wir anderen freuen uns natürlich sehr, auch wenn wir zugegebenermaßen skeptisch sind. Weil er viel Mist gebaut ist, weil er sie nicht behandelt hat, wie man das normalerweise tun sollte. Aber ja, es sieht wohl so aus, als hätte er sich wirklich geändert, und das ist sehr gut.

Viele Menschen wünschen sich ja, dass der Ex-Freund oder die Ex-Freundin plötzlich vor der Türe steht mit der Erkenntnis: „Du bist der/die Eine“. Ich glaube, man sollte sehr vorsichtig sein mit seinen Wünschen. Weil der Moment an sich natürlich ein toller Ego-Streichler ist – man bekommt die Bestätigung, die man in der Beziehung wahrscheinlich nicht bekommen hat, man bekommt die Wertschätzung, die einem gefehlt hat, ja, und manchmal bekommt man alles, was man lange Zeit vom Anderen wollte, innerhalb von Minuten auf einem Silbertablett serviert – aber das, was danach folgt, ist eher kompliziert. Denn der Andere wird ja nicht einfach vor der Türe stehen bleiben und einen jedes Mal mit Wertschätzung überschütten, wenn man auf oder zu machst (obwohl das eigentlich eine tolle Sache wäre!). Nein, man muss sich entscheiden, ob man ihn hereinlässt oder ob er draußen stehen bleiben soll. Und das ist in den meisten Fällen nicht ganz so leicht.

Natürlich gibt es keine To-Do-Liste und auch keine vorgefertigten Grußkarten für eine derartige Situation. Und natürlich hat jeder Mensch ein Bauchgefühl, auf das er in jedem Fall hören sollte. Trotzdem glaube ich, dass es nicht verkehrt ist, sich selbst ein paar Fragen zu beantworten, bevor man die Entscheidung trifft, ob man jemanden wieder hereinlässt oder nicht. Es gab ja schließlich auch einen Grund für die Trennung und das vergisst man ganz gerne.

Bei einem Neuanfang fängt man, wie der Name schon sagt, neu an. Heißt also, bei Null. Zuallererst sollte man dementsprechend in der Lage sein, Geschehenes zu verzeihen. Was man allerdings, meiner Meinung nach, nicht machen sollte: Ganz vergessen was war. Es ist nicht allzu schlecht, die Beziehung einmal Revue passieren lassen. Wenn es einem da öfter beschissen als wirklich gut ging, ist das schon mal ein Strich auf der Dagegen-Liste. Und auch wie es einem in der Trennungsphase erging, kann ein nicht außer Acht zu lassender Punkt sein.

Zudem sollte man dem Anderen vertrauen können. Wenn man merkt, dass man das nicht kann, ist auch das eher ungut. In diesem Fall: Mehr Zeit geben lassen oder langsam an die Sache rangehen. Und dann sollte man, nachdem man Vergangenheit und Gegenwart abgehakt hat, fragen was zukünftig sein soll: Haben wir eine Perspektive? Gibt es mehr Gründe, zurückzukehren als die Neugierde, ob es diesmal wirklich anders wäre? (Tipp: Es sollte im besten Fall mehr da sein, als nur der Reiz zu sehen, wie es jetzt funktionieren würde.) Was kann ich von dem Anderen noch lernen oder habe ich längst alles gelernt? Was für einen Grund gibt es, dass unsere Geschichte weitergehen soll oder ist sie eigentlich längst zu Ende? Wo kann ich noch wachsen? Tue ich mir einen Gefallen, wenn ich zurückkomme oder nur ihm? Das ist erst einmal viel Fragerei. Manchmal kann man sich das alles auch sparen, wenn das Herz so laut „Ja!“ schreit, dass Antworten sowieso überhört werden.

Wenn man jemandem dann einen zweite Chance gibt, wird das von den Anderen oft als Schwäche gesehen. Manchmal fühlt man sich selbst auch schwach, verständlich, weil man ja wieder „schwach geworden ist“. Ich dagegen finde, dass eine zweite Chance ein Zeichen von viel Stärke und Kraft ist. Denn der Weg dahin, wo man mal war, ist alles andere als einfach.

2 Antworten zu “Coffee Break: Die zweite Chance”

  1. Die Kaffeepause mit dir spricht mir dieses Mal aus vollem Herzen und ich habe beim lesen die ganze Zeit durchgenickt. :)
    Jemandem eine neue Chance zu geben ist, wie du es sagst, meist ein großes Zeichen von Stärke und Mut. Dafür zu kämpfen was mal war verlangt nämlich meist mehr von einem als man denkt.
    Leider musste ich gerade erleben, dass es auch Menschen gibt, die ihre zweite Chance nicht nutzen.
    Man sollte sich einfach bei der Entscheidung, ob man bereit ist seine Kraft auf eine zweite Chance aufzuwenden versichern, dass der andere Part bereit ebenso viel Kraft in diese Chance zu investiert wie man selbst.

  2. Toller Artikel. Ich lese alles von dir gerne und interessanterweise triffst du immer einen Nerv bei mir, die gerade in dem Moment aktuell sind oder es Sinn macht, sich mal damit zu beschäftigen.

    Ich neige leider nicht nur zur zweiten Chance, sondern auch mal zur 4. oder 5.
    Mein persönliches Fazit daraus: Menschen ändern sich nicht.
    Das ist nichts schlechtes, einfach nur meine Erfahrung.
    Viele haben einfach zu ausgeprägte Muster, in die sie dann allzu schnell wieder hineinwachsen.

    Ich persönlich glaube, die zweite Chance klappt nur, wenn man sich selbst ebenfalls ändert, denn andernfalls spricht der andere auch wieder auf das eigene Muster an. Und schwupps ist man wieder im selben Kreislauf drin.

    Also denke ich, sollte man sich vor der zweiten Chance vielleicht auch fragen, schaffe ich es, auch mich selbst zu ändern, um den anderen nicht unbewusst in der Wiederholung seiner „Fehler“ zu unterstützen.

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