Coffee Break: Diese verdammte Angst

27. März 2016 von in

Ich finde es so paradox: Wir leben in einer Zeit, in der man sein Schlafzimmer, den neuen Lace-BH oder ein Morgen-Selfie postet, aber gefühlsmäßig etwas von sich preiszugeben, wird zur intimsten Sache überhaupt. Wir ziehen uns zwar schon mal vor jemandem aus, den wir über eine App kennengelernt haben, mit unseren Gefühlen blank zu ziehen, empfinden wir allerdings als die größte Entblößung. Damit würden wir nur uns nur verletzlich und schwach zeigen – und das will heute niemand mehr sein.

Anstatt dessen verrenken wir uns lieber in kryptischen WhatsApp-Nachrichten. Geißeln uns mit Warten und Nicht-schreiben. Im So-tun-als-ob. Schau mal, das macht mir alles gar nichts. Emoticon. Schreibt. Online. Schreibt. Keine Antwort. Es ist eben immer noch einfacher, jemandem auf Instagram zu folgen, als ihm zu sagen, dass man ihn mag. Und wenn alles vorbei ist, dann gib dem Anderen ja nicht die Genugtuung des Entfolgens – damit würdest du nur zeigen, dass es dir etwas ausmacht. Dass du fühlst. Dass es dir nicht egal ist. Und das können wir mittlerweile fast besser als Gefühle teilen: Uns gegenseitig zeigen, wie egal wir uns sind. Ach, das war doch gar nichts. Ach, das war doch nur Spaß. Das bedeutet doch nichts. Tut mir leid, wenn du dachtest. Ich kann gerade nicht. Ich hänge noch an. Ich muss jetzt mal.

Wo oft zwar kein Platz mehr für ernstgemeinte Fragen, ehrliche Antworten und ein echtes „Du fehlst mir“ ist, passt immer noch ein Face-Swap rein. Also sei schon du selbst, aber bitte die entspanntere, beschäftigtere und weniger verliebte Variante von dir. Auch, wenn es in dir vielleicht ganz anders aussieht. Und fordere ja nichts vom Anderen. Man kann eben nichts mehr erwarten. Was erwartest du denn? Was bedeutet heute überhaupt noch etwas? Also halten wir einmal mehr die Klappe. Weil wir so Angst haben. Angst davor, den Anderen zu vergraulen.

Aus Angst halten wir uns zurück – mit Worten, Taten, mit Gefühlen, vor allem aber mit uns selbst. Das ist natürlich klug, weil man dann, wenn es vorbei ist, nicht so tief fallen kann. Und dass es mit großer Wahrscheinlichkeit vorbeigeht, hat uns doch schon die Vergangenheit gezeigt. Wir haben gelernt: Jeder muss auf sich selbst aufpassen, weil das sonst niemand mehr tut. Daraus resultiert, dass wir uns alle nicht mehr wirklich vertrauen. Dass wir obwohl wir innerlich „Ja“ schreien, „vielleicht“ sagen. Oder einfach gar nicht mehr zurückschreiben.

Wir denken: Wer nur ein halbes Herz riskiert, wer nur mit einem Fuß in der Verliebtheits-Tür steht, der kann nichts verlieren. Oder zumindest nicht ganz so viel. Etwas gewinnen kann man so aber auch nicht. Denn was soll denn dabei herauskommen, wenn wir alle nur noch als halbherzige Spätantworter herumirren? Vielleicht liegt genau hier das Problem mit dem Verlieben heute: Dass sich niemand mehr schwach zeigen möchte. Dabei bedeutet doch genau das zu lieben – schwach sein. Und es ist nichts Schlimmes daran. Ganz im Gegenteil. Ich glaube, der der seine Ängste und Gefühle ganz offenlegt, der hat gar nichts mehr zu verlieren.

Wie wäre es also, wenn wir wieder anfangen würden, mehr Acht aufeinander zu geben? Ein bisschen weniger Egal-sein und ein bisschen mehr „Es macht mir etwas aus“. Das schützt natürlich nicht vor eventuellen Verletzungen, aber zumindest vor Kopfgespenstern abends im Bett, vor dem minütlichen Checken des Handydisplays und vielleicht ja auch vor der Angst. Vor dieser verdammten Angst.

10 Antworten zu “Coffee Break: Diese verdammte Angst”

  1. Schön geschrieben – wie immer.
    Ich stecke gerade in diesen Gedanken. Versuche lieber nichts oder möglichst wenig zu fühlen als zu viel.
    Wäge ab – was dauert länger – das gute Gefühl für den Moment der Freude oder das Schlechtfühlen, in den Monaten danach, die man diese guten Momente zu vergessen versucht.
    Ich bin kein Freund des Konservierens der guten Momente, egal was danach passierte.
    Bei mir gehören da immer Menschen dazu – und sind diese/ist dieser Mensch weg, sind für mich die Momente weg. Dürfen nicht mehr sein, weil das ganze Bild die kleinen Bilder zerstört.
    Ein Denkfehler, mag sein.
    Aber ich kann nicht anders. Zu lange dauert es immer aus dem Loch wieder nach oben zu klettern.
    Irgendwann scheint das Licht da oben nicht mehr so hell, weil man es selbst nicht mehr zulässt.
    Die Frage ist nur, lohnt dann noch das Klettern?

    Ja, ich plädiere für mehr Offenheit. Das ist kein Fehler.
    Schwäche zeigen ist eine Stärke.
    Aber was ist daran schwach Gefühle zu zeigen?
    Schwach ist der, der damit überfordert ist, wenn er sie bekommt.
    Aber wie so oft im Leben – alles ist in Maßen genossen gesünder.
    Ob es schöner ist, steht auf einem anderen Blatt.

  2. „Also sei schon du selbst, aber bitte die entspanntere, beschäftigtere und weniger verliebte Variante von dir.“
    Schöner Satz, der vieles genau auf den Punkt bringt. Als ich 14 war, dachte ich, dass dieser Verliebtsein irgendwann einfacher wird, aber da habe ich mich geirrt. Kaum jemand – und da schließe ich mich ein – möchte sich heute noch festlegen, sich preisgeben, mal emotionale Risiken eingehen. Das ist verdammt traurig!

  3. Liebe Anja,

    du triffst den Nagel auf den Kopf. Deinen Text könnte ich genauso unterschreiben. Ich finde diese Entwicklung nicht nur sehr traurig, sie macht mich auch fassungslos. Ich meine, in was für einer Gesellschaft leben wir, in der man besser davon absieht, seinem Gegenüber seine Gefühle zu offenbaren, weil man Angst haben muss, dass das für denjenigen der totale Abturner ist?! Die Frage ist natürlich auch, woher das kommt. Ist das zurückzuführen auf Themen wie die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft? Dass sich keiner mehr binden, festlegen will, weil man nicht weiß, ob sich um die nächste Straßenecke nicht eine bessere, tollere Möglichkeit auftut? Die strikte Ablehnung des „Ankommens“ – ist ja langweilig!
    Dieses Thema beschäftigt mich sehr, ich habe mir schon viele Gedanken darüber gemacht. Andererseits habe ich damit auch schon persönliche Erfahrungen damit gemacht.
    Früher war ich jemand, der sich durchaus getraut hat, den ersten Schritt zu machen, etwas zu riskieren, sich was zu trauen, die Initiative zu ergreifen. Ich habe gesagt und gezeigt, was ich gedacht und gefühlt habe. Ich war der Meinung mit Offenheit und Ehrlichkeit am besten zu fahren. Bis ich dann immer öfters deswegen auf die Schnauze gefallen bin. Viele Typen finden ein „derartiges“ Verhalten wohl zu offensiv und interpretieren gleich die absurdesten Sachen rein (dass man sie heiraten will, etc.). Und mit jeder Erfahrung habe ich mich mehr zurückgezogen, bin vorsichtiger geworden, halte mich mehr und mehr zurück, habe Schwierigkeiten, mein Inneres nach außen zu tragen. Ich habe das Gefühl, dass es bestimmte Zwänge und unbeschriebene Regeln gibt, nach denen man spielen muss, um nicht bereits nach der ersten Runde rauszufliegen. Regeln à la man meldet sich erst nach so und so viel Zeit, und antwortet dann auch nicht direkt, wenn was zurück kommt, man muss einen auf unnahbar, undurchschaubar machen, um interessant zu wirken. Und man darf ja nicht zu viel reinstecken, zu viel Energie, Enthusiasmus, da das gleich überinteressiert oder gar verzweifelt wirkt. Und obwohl ich genau diese Spielchen hasse und es mich ankotzt, mich so verrenken und ein Stück weit verstellen zu müssen, einen auf cool play zu machen, alles easy, juckt mich eh nicht, mache ich dennoch mit, weil ich das Gefühl habe, dass man zur Zeit anders nicht weiterkommt. Zumindest ist das bei einigen Typen leider der Fall.
    Das Einzige, auf das man hoffen kann, ist jemanden kennenzulernen, der so denkt, wie man selbst. Bei dem man merkt, man kann sich öffnen, weil derjenige es auch tut. Jemand, der es nicht nötig hat, Spielchen zu spielen, der reif genug ist, zu seinen Gefühlen zu stehen und es aushält verletzlich zu sein.

    Liebe Grüße

    PS: Das Lesen Deiner Kolumne ist für mich zum Sonntags-Ritual geworden. An dieser Stelle wollte ich auch ein großes Lob aussprechen, da ich deine Kolumne toll finde. Du schaffst es jedes Mal, darin so viel Wahres, so viel Gegenwärtiges, mit dem sich sicherlich viele identifizieren können, ohne viel Umschweife unterzubringen. Chapeau! Weiter so!

  4. Liebe Anja,
    du sprichst mir wirklich aus dem Herzen und du triffts mit jedem Wort das, was mich gerade beschäftigt.
    Ich danke dir, dass ich mich nicht mehr ganz allein mit meinen Gedanken und Ängsten fühle!

    Ich freue mich über weitere tolle Beiträge von dir!
    Liebe Grüße

  5. Liebe Anja,

    wieder mal so ein toller Text. Könnte ich genau so unterschreiben. Ich finde er ist auch auf weitere Beziehungen wie Freundschaften zutreffend. Ich finde es so schade, dass es nicht mehr wichtig ist loyal zu sein und sich Zeit zu nehmen. Dass so viele Leute nichts fix ausmachen können weil sie sich Möglichkeiten offen halten wollen und lieber gelästert wird als mit jemandem über ein Problem geredet. So eine ehrliche, liebevolle und dann auch viel bedeutendere Beziehung zu egal wem ist schon etwas seltenes geworden. Toll, dass du es ansprichst.
    Alles Liebe, Feli

  6. Oh liebe Anja. Vielen Dank für diesen wundervollen Text. „Ich glaube, der der seine Ängste und Gefühle ganz offenlegt, der hat gar nichts mehr zu verlieren.“ Genau so!!! Merci <3

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