Coffee Break: Generation Nie-zufrieden

8. Mai 2016 von in

Als ich Anfang April in Wien bei L. und ihrem Freund am Küchentisch saß, landeten wir irgendwann bei dem großen Themenkomplex Job, Selbstverwirklichung und Zufriedenheit. In meinem Urlaub davor hatte ich ja genug Zeit. Und mit sehr viel freier Zeit sieht man endlich wieder Dinge, die sonst zwischen Arbeit, Alltag und abends ins Bett fallen, viel zu schnell untergehen. Einer der schönsten Gedanken, den ich aus dem Urlaub mitgebracht hatte, war: Was habe ich eigentlich für ein großes Glück, dass ich diese Reise ganz alleine bezahlt habe – von Geld, das ich mit dem verdiene, was ich am liebsten mache: schreiben. Das ist doch wirklich eines der größten Geschenke von allen – und wird trotzdem heute viel zu oft als selbstverständlich hingenommen.

Bei L.’s Freund ist es ganz ähnlich: Auch er verdient sein Geld mit dem, was er am liebsten macht. Er ist freier Fotograf und arbeitet für ein paar tolle, ausgesuchte Magazine in Wien. Weil wir aber irgendwie in einer Gesellschaft leben, in der man sowohl im Gespräch, als auch ganz für sich, nicht zu lange stolz sein und sich selbst loben darf, landeten wir recht schnell bei den Sachen, die bei uns beiden noch besser laufen könnten. Bei den Menschen, die noch mehr geschafft haben. Und die hat wirklich jeder – sogar die Personen, die man selbst für überkrass hält. Es gibt eben immer jene, die alles noch viel besser zu machen scheinen. Die noch mehr Bücher geschrieben, noch mehr Filme gedreht, noch krassere Projekte am laufen haben. Das ist der Grund für unsere latente Unzufriedenheit: Wir denken viel zu oft an eben diese Menschen, anstatt einfach mal bei uns zu bleiben.

Woran wir dafür nie denken: An die, die immer gerne von dem gelebt hätten, was sie lieben, aber sich ihre Miete in einem anderen Job verdienen. Für die Selbstverwirklichung ein absolutes Luxusproblem ist. Genauso wenig denken wir daran, wie das Leben jener aussieht, die alles zu schaffen scheinen. Vielleicht haben sie Schlafstörungen, arbeiten ganze Nächte durch. Vielleicht wissen sie gar nicht, wann sie das letzte Mal einen Tag lang nichts gemacht haben. Vielleicht wissen sie auch gar nicht mehr, was sie mit einem freien Tag anfangen sollten. Vielleicht sind sie aber auch einfach nur glücklich und bekommen alles unter einen Hut – umso besser.

Und apropos Hut: Den sollten wir, wie ich finde, viel öfter voreinander ziehen. Auch und vor allem vor uns selbst.

8 Antworten zu “Coffee Break: Generation Nie-zufrieden”

  1. Höher, weiter, besser. Sicherlich ein guter Ansporn, manchmal wird es mir auch zu viel. Eine ständige Unzufriedenheit macht nicht glücklich. Sehr wahrscheinlich haben wir einfach endlos viele Optionen – egal ob Job, Partner, Stadt, die immer wieder für Luft nach oben sorgen.
    Heute und hier zählt!

  2. Danke für die kleine Gratitude-Erinnerung. Auch ich vergleiche meinen Erfolg viel zu oft mit dem anderer und vergesse dabei, dass sie Dinge in Kauf nehmen, die ich nicht in Kauf nehmen kann. Zufriedenheit ist wirklich eine Seltenheit geworden und das nur, weil es uns zu gut geht!

    xx Ana von http://www.disasterdiary.de

  3. Ich habe mir auch schon vorgenommen öfter den Hut zu ziehen – besonders vor den Blogs, die mir täglich das Leben schöner machen und zum Denken anregen. Alle coffee breaks sind klasse!
    Das mit dem sich selbst nicht loben dürfen, das ist dann wieder ein anderes Ding…

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