Coffee Break: Zusammen alleine

3. Januar 2016 von in

Jedes Jahr macht einen schlauer. Ganz egal, ob die Dinge, die passiert sind sich gut angefühlt haben oder beschissen – man nimmt in jedem Fall etwas mit. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob man 25 ist oder 65. An diesem blöden Spruch „Man lernt nie aus“ ist nun einmal etwas dran – und das ist verdammt gut so. Wie schlimm wäre es, wenn gar nichts passieren würde. Wenn man nichts mehr lernen würde. Ich finde: Lieber ein gebrochenes Herz, als ein Jahr, in dem niemand dein Herz berührt hat.

Mein Herz wurde letztes Jahr oft berührt. Ich habe viele Gefühle und Erfahrungen zum ersten Mal erleben und machen dürfen. Und eine der wichtigsten davon war, dass es etwas gibt, was noch viel schlimmer ist, als betrogen, belogen oder verletzt zu werden: Wenn du mit jemand zusammen bist, der nicht ganz da ist. Der nur halbherzig dabei ist, der abwesend und abweisend ist. Der dir immer wieder das Gefühl gibt, nicht willkommen zu sein. Nicht ganz richtig zu sein.

Mit diesen Menschen fühlt man sich wie ein Paketzusteller, der jeden Tag wiederkommt, sein Paket aber nie abgeben darf. Der zuerst noch versucht, die richtige Tageszeit abzuwarten. Sich dann denkt, es würde vielleicht nur auf die Art und Weise ankommen, der es ruhig und einfühlsam versucht, irgendwann wütend und außer sich. Und dann merkt: Es kommt nicht auf das wann und wie an. Es ändert sich nicht, der andere nimmt dein Paket nicht an. Vielleicht, weil er nicht kann, vielleicht, weil er nicht will. Das macht man also so lange, bis man eines Tages nicht wiederkommt. Und sein scheiß Paket einfach behält.

Das Fatale an diesen Menschen ist: Sie tun augenscheinlich nichts Böses – sie betrügen dich nicht, sie belügen dich nicht. Wenn man vor Gericht stehen würde, könnte man ihnen nichts vorwerfen. Sie würden fragen: „Was habe ich denn Schlimmes getan?“ Und du würdest dich verstricken in Details, bis du dir selber nicht mehr ganz sicher wärst, was eigentlich das Problem ist. Bis einer der Richter sagen würde: „Schluss jetzt, du erwartest einfach zu viel“. Dann würdest du schweigend nicken und dir vielleicht einreden, dass das stimmt. Dass man nur weniger erwarten muss und der Andere ja eigentlich gut zu einem ist. Zumindest nicht schlecht.

Und trotzdem würdest du immer wieder merken, dass es dir nicht gut geht mit diesen Menschen. Dass du verhungerst. Dass du eigentlich zusammen alleine bist. Und dass das tausendmal schlimmer ist, als einfach alleine zu sein. Dass die Beziehung wie eine lauwarme Badewanne ist. Eigentlich kann man sich nicht beklagen – zumindest hat man eine Badewanne, eine Beziehung mit diesem Menschen, aber das heißt noch lange nicht, dass man glücklich ist.

Jedes Jahr macht einen schlauer. Und diese Erkenntnis bleibt mir wahrscheinlich für immer: Es reicht nicht zu lieben, der Andere muss sich auch lieben lassen. Es reicht nicht, zusammen zu sein, wenn man zusammen alleine ist.

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9 Antworten zu “Coffee Break: Zusammen alleine”

  1. Was für ein unglaublich schön geschriebener Text. „Es reicht nicht zu lieben, der Andere muss sich auch lieben lassen.“
    Ja, man nimmt viel aus dem letzten Jahr mit, ich finde die Vorstellung schön, gleichzeitig auch eigene überholte Erwartungen dem letzten Jahr zu überlassen, loszulassen und nicht alles wieder mitzunehmen.
    Auf viele weitere schöne Texte von Anja in 2016!
    Liebe Grüße, Dina

  2. Du hast es wirklich auf dem Punkt getroffen! Ich hatte bis her nicht die Worte gefunden… Es ist wirklich toll dass du deine Erlebnisse teils.
    Frohes neues Jahr!

  3. ach, ich gebs zu, ich beneide dein talent, gedanken in einfache worte zu fassen.
    ich kann jedes mal nur dasitzen und nicken, weil deine artikel im ganzen so rund sind
    und einfach jeder weiß, wie sich anfühlt, was du beschreibst.

    :)

  4. Danke für deine Offenheit. Ich musste dieses Jahr leider meine 3-jährige „Liebe meines Lebens“ gehen lassen, weil wir uns durch Auslandsaufenthalte und einige Streits zu sehr voneinander entfernt haben und uns gegenseitig nur mehr aus Gewohnheit zu dulden schienen. Mit 22 muss ich nun meinen ersten Liebeskummer überstehen. Aber es wird wieder weitergehen, ich muss nur lernen, damit umzugehen.

  5. Dieser Text gefällt mir von deinen Kolumnen bis jetzt am besten. Vielleicht, weil ich letztes Jahr die selbe Erfahrung gemacht habe. Normalerweise kommentiere ich so gut wie nie, aber hierfür: Danke, es ist schön, mit seinen Gefühlen zumindest nicht allein auf der Welt zu sein :)

  6. Oh ja, wie recht du hast! Ich gehe jetzt nur noch da hin, wo mich das leben mit meinem Paket habe möchte. Denn ich weiß das es nicht das falsche Paket ist, nur der Empfänger der falsche war.

  7. Anja, ich liebe, liebe, liebe den Coffee Break. Das darf man hier wahrscheinlich nicht laut sagen, aber es ist mittlerweile mein lieblings Format auf amazed. Danke.

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