Der Feminist: „Durch Feminismus bin ich mehr ich selbst“

27. November 2017 von in

„Hä? Moment mal, du bist doch ein Mann?! Das check’ ich jetzt nicht. Wie kannst du als Mann denn Feminist sein?“ Diesen Satz müssen sich vermutlich alle Männer, die sich als Feminist bezeichnen, früher oder später anhören. Dabei ist es eigentlich ganz logisch: Bist du für Gendergerechtigkeit? Nerven dich Stereotype? Willst du auch selbst nicht mehr in bestimmte Rollen gedrängt werden? Dann bist du vermutlich Feminist. Wir wollen, dass sich mehr Männer trauen, das nicht nur in Betracht zu ziehen, sondern auch laut zu sagen. Deswegen lassen wir Männer zu Wort kommen, die es vormachen.

Jonas ist ein Freund von mir, und ich glaube, er ist der erste Mann, den ich kennengelernt habe, dem ich in Bezug auf Feminismus nichts – aber auch gar nichts – erklären musste. Er ist Anfang 30, arbeitet beim Film, mag Hip Hop und ist eigentlich ein ganz normaler Typ – abgesehen vielleicht davon, dass er sich manchmal die Fingernägel lackiert. Ein Ausdruck seiner Persönlichkeit, der oft Irritationen auslöst, und der nur ein kleiner Hinweis ist auf das erfrischend hohe Maß an Reflektiertheit in seinem Kopf. Ich habe mich an einem Katersamstag mit ihm unterhalten, um genauer herauszufinden, wie das Leben so ist als männlicher Feminist.

Wir sollten uns alle hinterfragen

Jonas ist natürlich nicht „als Feminist geboren“. Aber es fing früh an: Seine Mutter hat ihm viel mit auf den Weg gegeben. Sie arbeitete eine Zeit lang beim Frauennotruf und brachte Geschichten mit nach Hause, die ihn zum Nachdenken brachten. Da war er gerade 15. Zum ersten Mal laut gesagt, dass er Feminist ist, hat er aber erst vor Kurzem. „Es ist ein langwieriger Prozess“, sagt er. Jonas ist, wie die Meisten, eigentlich kein Fan von Labels dieser Art. „Aber in diesem speziellen Fall halte ich es für sinnvoll“.

Von der #metoo-Bewegung erhofft er sich wie viele eine Art Cut, eine Zäsur. Seitdem millionenfach Geschichten von sexuellen Übergriffen öffentlich gemacht wurden, ist Sexismus auch in Männerrunden manchmal ein Thema. Jonas erzählt, er habe vor Kurzem am Tisch mit ein paar Freunden ganz provokant gefragt „sagt mal, Jungs, wir sind ja unter uns: Wie viele Frauen habt ihr eigentlich schon belästigt?“ Natürlich kam keine konkrete Antwort.

„Aber wir haben uns darüber unterhalten und ich habe festgestellt, dass ich mir auch selbst nicht sicher bin, ob ich nicht mal mit 18, 19, 20 im Vollsuff zu meiner Freundin gefahren bin und irgendwas getan habe, das sie nicht wollte. Und da geht’s eben spätestens los: Man kann sich nicht rausreden und mit Fingern auf die bösen Celebrities zeigen. Wir sollten uns alle hinterfragen.“

Die Minderheit an Männern, die bereit ist, sich wirklich zu hinterfragen, scheint besonders mit einer bestimmten Frage beschäftigt zu sein: Wo ist die Grenze? „Da ist in den vergangenen zwei Millionen Jahren vieles schief gegangen“, sagt Jonas. „Weil ganz absurde Vorstellungen vermittelt wurden, was okay und ’normal‘ ist. Es wurde vorher nie von Männern verlangt, dass sie sich empathisch in die Position des Gegenüber versetzen – und wo kein Richter, da kein Henker. Das alles verschiebt sich jetzt endlich“. Eigentlich ist es relativ einfach, sagt er: Tu nichts, was die andere Person nicht will. Und ich ergänze: Wenn man sich in einem bestimmten Moment über die die Grenze zwischen Flirten und Übergriffigkeit nicht sicher ist, dann sollte man es vielleicht bleiben lassen – oder eben nachfragen.

Feminismus macht auch Männer freier

Ich frage ihn, was der Feminismus ihm ganz persönlich bringt. „Feminismus bedeutet ja auch, Männerrollen neu zu denken“, sagt er. „Wir müssen immer hart und cool und abgeklärt sein – der Souveräne, der Beschützer. Ach, fickt euch!“ Er lacht und sagt, dass es ihn nervt, in diese Rollen gedrängt zu werden:

„Kaum jemand kommt auf die Idee, dass ich vielleicht auch mal beschützt werden möchte. Ich bin auch ein zerbrechliches Wesen!“

Als ich ihn frage, ob es Momente gibt, in denen er sich in seiner Rolle als Mann unwohl fühlt, muss er erst mal lachen. „Danke für diese Frage. Manchmal bekomme ich Panik wegen der Vorstellung, dass ich, egal wo ich hingehe, zuallererst in diese eine Schublade gesteckt werde: Mann. Und damit gehen bestimmte Konnotationen einher, die mich eingrenzen und einengen“. Er spricht darüber, wie borniert das binäre Denken in zwei Geschlechtern für ihn ist, wenn da doch offensichtlich ein ganzes Spektrum existiert.

„Mir hat es wahnsinnig geholfen, nicht mehr der klassische Mann sein zu müssen. Das muss nicht jedem so gehen, weil sich viele Männer in dieser Rolle wohl fühlen. Aber ich glaube, dass trotzdem in den meisten Männern auch noch eine Seite steckt, die unter diesen Umständen nicht zum Vorschein kommt.“

Er sagt, Feminismus habe ihn in dieser Hinsicht sehr viel freier gemacht: „Ich bin zwar noch nicht am Ende dieser Reise, aber ich bin jetzt so nah an meinem inneren Ich wie nie zuvor – nicht, weil ich meine Männlichkeit gefunden habe, sondern weil ich aufgehört habe, genau das zu brauchen. Wenn man sich davon loslöst, macht das Leben so viel mehr Spaß – und ich glaube, es würde den meisten Menschen gut tun, zumindest mal darüber nachzudenken.“

Dick Overkill

Wieso tun sich die meisten Männer dann so schwer, sich auf Feminismus einzulassen? „Ich glaube, dass das auch mit Frauen wie Alice Schwarzer zu tun hat. In den Siebzigern gab es Bücher mit Titeln wie ‚Wie vergewaltige ich einen Mann?‘. Das ist, gelinde gesagt, nicht besonders zeitgemäß, aber es war damals wichtig, dass es dieses Extrem gab. Da liegt der Ursprung des Begriffs ‚Feminismus‘ und viel zu oft wird genau das heute noch darunter verstanden.“ Der häufigste Grund sei aber nach wie vor die fehlende Einsicht, dass wir tatsächlich nicht gleichberechtigt sind. „Schließlich haben wir ja eine Frau als Kanzlerin.“ Wir müssen lachen, denn diese Diskussion hatten wir beide schon ein paar Mal zu oft – übrigens mit Männern und Frauen. Dabei muss man sich doch eigentlich bloß mal die Medien anschauen, um zu verstehen, dass es da ein Ungleichgewicht gibt. „Letztens habe ich mir einen Tag lang verschiedene Sachen auf Netflix reingezogen“, erzählt Jonas.

„Ich hatte einen Dick Overkill! Ich konnte diese Pimmelsuppe nicht mehr sehen. Diese ganzen groß produzierten Serien mit lauter männlichen Charakteren, und es geht immer um diese klassischen Männerwelten. Das ist irgendwann so grottenlangweilig.“

Vor Kurzem war auch Jonas in der Situation, dass ihn ein Freund ungläubig fragte, wie er als Mann eigentlich Feminist sein kann. Seine Antwort? „Ich musste erst mal schmunzeln“, sagt er. „Ich habe aber schnell gemerkt, dass da eher Überraschung und Neugierde aus ihm sprach als Ablehnung. Mir schien, ich wurde plötzlich zur moralischen Instanz im Raum, es wurde auf die Sprache geachtet und man hat mir interessiert zugehört. Ich glaube, diese Art von Reaktion ist relativ neu, aber genau so soll’s sein.“ So sollte es wirklich sein – und wenn man das so hört, dann scheint es gar nicht mehr so utopisch, dass sich diese Frage in Zukunft erübrigt.

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