Diskussion: Reboot – wenn Männerrollen von Frauen ersetzt werden

4. Dezember 2016 von in

Können wir noch mal kurz über den neuen Ghostbusters Film sprechen? Diesen Sommer lief er in den Kinos, und ich habe wenig davon mitbekommen, außer, dass die Ghostbusters jetzt von Frauen gespielt werden und dass das viele Menschen doof finden. Das ist doch übertrieben, Männerrollen mit Frauen zu ersetzen – ich meine, früher waren es Männer, wieso sollten die Rollen heute Frauen besetzen? Das ist irgendwie zu viel. Albern. Was soll das? Halt Stop, kann bitte einfach alles so bleiben, wie es ist? Muss jetzt jeder Film aus der Vergangenheit mit Frauen neu besetzt werden? An Reaktionen wie diese kann ich mich aus dem Sommer erinnern, die bis heute anhalten. Jetzt, wo ich mein Umfeld mit der Reboot-Thematik neu konfrontiere. Keiner hat den neuen Ghostbusters gesehen, aber die Meinung zu jenem Film und Oceans 8, der 2018 in die Kinos kommt, ist einstimmig ablehnend. Doch es gibt drei Gründe, weshalb wir darüber nachdenken sollten, wieso man Männerrollen mit Frauen besetzen sollte.

1. Als Statement
Ich habe den neuen Ghostbusters gesehen und mich köstlich amüsiert. Der Film ist lustig. Die Protagonistinnen sind nicht hübsch hergerichtet. Sie werden nicht auf ihr Äußeres reduziert, sie sind Nerds, schlaue Wissenschaftlerinnen und sie wollen einfach nur diese verdammten Geister fangen. Sie machen Fart-Jokes und haben bei ihren Experimenten keine Angst vor Explosionen – sie freuen sich eher darüber. Obwohl ich mich sowieso schon recht intensiv mit Frauenrollen im Film beschäftige, führt es mir dieser Film nochmal eindrücklich vor Augen: Rollen wie diese existieren für Frauen so gut wie gar nicht. Die Besetzung in Ghostbusters ist gendertechnisch ansonsten recht ausgewogen. Es spielen einige Männer mit, sie spielen nur keine sonderlich wichtige Rolle – mit Ausnahme von einer. Dem Sekretär, gespielt von Chris Hemsworth (Cheers to Chris, an dieser Stelle!). Er sieht unglaublich gut aus und ist unglaublich dumm. Die Rolle ist überzogen und ein plakatives Beispiel dafür, wie Frauen jahrzehntelang in Film und Fernsehen dargestellt wurden. Die anderen Männer sind entweder unwichtig, relativ uncool, humorlos oder ängstlich. Und trotzdem kann ich sagen, wenn man von dem überzogenen Charakter des Sekretärs absieht, dass die Besetzung, die Anzahl der männlichen Rollen und die Darstellung dieser, harmlos sind. Da gibt es umgekehrt weitaus schlimmere Fälle. Natürlich sollen in Zukunft Männer nicht in allen Filmen schlecht dargestellt werden – es handelt sich bei dem neuen Gostbusters um ein Statement. Ein Statement dafür, dass Frauenrollen viel zu oft in der Vergangenheit als schwach, dumm, hübsch, unwichtig, ängstlich oder humorlos dargestellt wurden – oder wahlweise überhaupt nicht existiert haben. Ein Freund von mir hat den Film gesehen und danach zum ersten Mal verstanden, wie es sich als Frau wohl anfühlt. Genau das soll dieser Film bewirken.

2. Das Eine schließt das Andere nicht aus
„Muss jetzt jeder Film aus der Vergangenheit mit Frauen neu besetzt werden?“ – Nein. Natürlich nicht. Nur weil vereinzelte Fälle auftreten heißt das nicht, dass nun alle Klassiker mit weiblicher Besetzung neu erfunden werden müssen. Grundsätzlich soll das Ziel sein, dass neue Filme und Serien die Rollenverteilung berücksichtigen. Dass sie ihren Einfluss auf die Menschheit realisieren und wissen, was sie zu einer Bewegung wie der Gleichstellung der Geschlechter beitragen können. Und das passiert auch schon – vor allem in Serien: Frauenrollen werden abwechslungsreicher, haben mehr Tiefe und gehen über gutes Aussehen und den Überraschungseffekt von „Wow! Die Frau ist ja auch noch schlau und kann eine Waffe betätigen!“, hinaus. Auch die quantitative Besetzung weiblicher Rollen wird erträglicher. Langsam.

3. Why the hell not?
Nachdem wir uns bereits über gefühlt acht Oceans Filme freuen durften, die ausschließlich mit Männern besetzt sind und der einen schönen Quotenfrau, ist es nicht absurd oder provokant, den hundertsten Oceans-Film mit Frauen zu besetzen, sondern schlichtweg an der Zeit. Dabei geht es um kein Statement oder eine Aussage, kein „Was wäre wenn?“, kein „jetzt seht ihr Männer mal, wie scheiße sich das anfühlt“, sondern darum, dass wir im Jahr 2016 leben und Gender Equality ein Thema ist.

 

5 Antworten zu “Diskussion: Reboot – wenn Männerrollen von Frauen ersetzt werden”

  1. Unglaublich schöner Artikel über ein wichtiges Thema was als unwichtig abgestempelt wird,wir sind nicht angekommen. Im Fall Claudia Neumann zu sehen.
    Obwohl der Film einer der schlechtesten Filme 2016 war (wenn wir ehrlich sind) ist die Thematik doch wichtig.

  2. Das erste Mal, dass mich ein Film dieses Genres anspricht. Ist total an mir vorbeigegangen, werde ich mir aber definitiv noch ansehen. Danke Amelie!

  3. Ich habe es leider nicht geschafft, ihn im Kino zu sehen, habe ihn aber ganz weit oben auf meiner „Watchlist“ und freue mich sehr darauf. Toller Artikel Amelie :)

  4. Ein richtig toller Artikel, der genau das verbalisiert, was ich beim Schauen des Filmes gefühlt habe – danke dir!
    Der Film ist definitiv kein Sahneschnittchen aus Hollywood, aber lustig und kurzweilig und nicht zuletzt aufgrund der mitgelieferten Botschaft absolut sehenswert!

    Liebe Grüße
    Jenni

  5. Ich fand den Film herrliches Popcorn-Kino, mehr sollte er auch nicht sein.
    Aber was mir krass aufgefallen ist: Es war der erste Film, in dem Frauen die Hauptrolle hatten, und das Ziel der Handlung NICHT war, „den einen“ zu kriegen – oder sonstwie um einen Mann gebaut war.
    Das war so erholsam zu sehen, und ist gleichzeitig total absurd, dass es so massiv auffällt.

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