Feminismus: 8 Dinge, die wir uns aus ganz Europa abschauen können

9. August 2017 von in

So mancher würde ja behaupten, wir sind auf dem besten Wege Gleichberechtigung zu erfahren, und sicherlich, im Vergleich zu vielen anderen Ländern weltweit haben wir Frauen hierzulande schon einige Fortschritte erreicht. Aber da ist noch deutlich Luft nach oben. Denn solange ich als Frau Anfang 30 als absolutes Risiko für alle Arbeitgeber gelte, weiterhin viele Frauen weitaus weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, die Frauenquote immer noch diskutiert wird, die meisten Führungspositionen von Männern besetzt sind und in Facebook-Kommentaren das traditionelle Rollenbild von Männern wie Frauen als Rettung aller glorifiziert wird, gibt es noch richtig viel zu tun.

Dass es anders geht, dass man nicht noch 100 Jahre warten muss, bis Gleichberechtigung Einzug hält, zeigen viele andere europäische Ländern. Island, Schweden oder Norwegen, die Nordlichter sind hier die Vorreiter. Es könnte also so einfach sein, liebes Deutschland. Deswegen kommen hier 8 Dinge, die wir uns von anderen europäischen Ländern abschauen könnten, sodass Feminismus nicht mehr nur diskutiert, sondern auch noch mehr gelebt wird.

1. Gleichberechtigung als Gesetz – zumindest in Island
Ich wusste schon immer, dass ich den nordischen Staat hoch oben im Atlantik wundervoll finde. Auch meine Reise 2016 hat daran nichts geändert. Doch die Isländer sind auch politisch wie gesellschaftlich ganz große Klasse. Seit Anfang 2000 gibt es hier laut Global Citizens ein Gesetz für Gleichberechtigung. In dem Gesetz wird klar geregelt, dass Männer wie Frauen gleich behandelt gehören – gesellschaftlich, sozial und auch in der Arbeitswelt. Die Isländer haben in dieses Gesetz alles hineingepackt, was zur Diskriminierung führen kann – darunter unter anderem auch abwertende Sprache gegenüber Frauen. Chapeau, Island!


2. No chance der GENDER PAY GAP!
Und schon wieder die Isländer – sie sind die Vorreiter, wenn es um Lohngleichheit bei Männern wie Frauen geht. 2017 haben sie beschlossen, per Gesetz die gleiche Bezahlung für alle zu regeln. Das heißt: Bis 2020 sollen Unternehmen Männer wie Frauen gleich bezahlen – der Staat kann dann Vergleichsunterlagen einfordern und Unternehmen auf ihre Ungerechtigkeit hinweisen. Auch in Deutschland gibt es solche Überlegungen, doch sie stecken noch in den Kinderschuhen. Übrigens: In fast allen europäischen Ländern verdienen Frauen weniger als Männer – für Island Grund genug, „etwas Radikales“ zu tun und ein Gesetz einzuführen.
Ebenfalls ein Problem ist, dass viele (soziale) Berufe wie Hebamme, Erzieher*innen oder Altenpfleger*innen schlechter bezahlt sind als andere Berufe – und oftmals von Frauen ausgeübt werden. Hier müsste langfristig eine Lohnangleichung stattfinden. Bei diesem Thema müssen jedoch alle europäischen Länder noch nachziehen.

3. OH YES, zur Frauenquote!
Ein Herz für die Skandinavier – denn auch bei der Frauenquote hatten sie die Nase vorn. Norwegen führte 2003 als erstes Land in Europa eine verpflichtende Einstellung von Frauen in Führungspositionen ein. Ziel war es, dass mindestens 40 Prozent der Führungspositionen in börsenorientierten Unternehmen mit weiblichen Führungskräften besetzt werden sollten. Auch Dänemark, Finnland und Island zogen nach – und zeigen: Selbst in politischen Kreisen setzte sich die Frauenquote durch. Unsere Nachbarländer wie Österreich, Niederlande oder auch Länder wie Italien und Spanien haben eine Frauenqote. Ähnlich wie bei uns scheint das Ganze aber noch nicht ganz zu fruchten. Trotz der Frauenquote sind bislang oftmals nur 5 Prozent der Führunspositionen mit Frauen besetzt. Die Politik äußert sich hierzu gerne, „dass Frauen nicht so karriereorientiert sind“. Dem widersprechen aber eindeutig Studien. Viel mehr liegt der Hund woanders begraben: In Skandinavien wurden die Wege für Frauen zur Karriere bereits in einer gleichberechtigten Gesellschaft verankert und geebnet. Heißt: In einer Gesellschaft, in der eine Gleichberechtigung gelebt wird, fällt es Frauen auch leichter, Karriere zu machen. Es wird Zeit, dass auch hierzulande Job und Familie besser vereinbar werden (Stichwort Kinderbetreuung) – und auch Frauen in die Rolle des Ernährers treten können und dürfen genauso wie Männer die Rolle des Hausmannes übernehmen dürfen sollten.

4. Elternschaft – gilt für beide!
Was mich zum folgenden Punkt bringt, den ich schon lange mit mir umhertrage: Jede Frau Anfang 30 stellt für einen Arbeitgeber eine potentielle Gefahr dar – „Oh Gott, was wenn sie sich dazu entschließt, Kinder zu bekommen? Also doch lieber gleich nur einen Mann.“ Kein Scherz, die Denke herrscht immer noch in vielen Unternehmen vor, offen drüber gesprochen wird natürlich nicht.
Glücklicherweise ist die Frage nach einer geplanten Schwangerschaft mittlerweile in Bewerbungsgesprächen verboten, die Folge ist aber trotzdem oftmals: Der Mann bekommt den Job, selbst wenn die Qualifikation der Frau besser wäre. Warum es nicht längst eine verpflichtende Elternzeit für beide Geschlechter gibt, frage ich mich seitdem permanent. Auch SPD-Politikerin Katharina Barley sagte jüngst zu Edition F: „Ich kann mir aber auch etwas Vergleichbares wie den Mutterschutz auch für Väter vorstellen. Sie könnten dann nach der Geburt der Kinder ebenfalls eine gewisse Zeit beruflich aussetzen.“ Und tatsächlich: In Island sowie in Schweden gibt es bereits verpflichtende Elternzeit für Väter. Das Risiko und der Druck werden somit auf beide Elternteile verteilt (drei Monate in Island, zwei in Schweden)! Und die beste Nachricht: Mit Eltern sind nicht nur Eltern von leiblichen Kindern gemeint, sondern auch Eltern, die ein Kind adoptieren oder Pflegekinder aufziehen. Gelebte Gleichberechtigung sozusagen auch im Bereich der Elternschaft. Bitte mehr davon! Übrigens: In Island erhalten sogar Selbstständige Elterngeld – hach ja!

5. Kids, Mama und Papa sind gleichberechtigt!
Gleichberechtigung fängt schon zu Hause an – und trotzdem leben viele Paare immer noch das traditionelle Rollenbild. Das ist auch völlig in Ordnung, solange es freiwillig gewählt ist und die Beteiligten nicht Opfer aller Umstände sind. Dass Gleichberechtigung wichtig ist, wir alle daran arbeiten müssen, die Sicht auf die Frau zu verändern, und ein Bewusstsein dafür geschaffen werden muss, lernen in Island laut Global Citizens bereits die Kinder. Denn dank des Gleichberechtigungs-Gesetz ist auch festgelegt: Kinder müssen in der Schule über das Thema aufgeklärt und sensibilisiert werden. Gleichberechtigung nach Lehrplan sozusagen!

6. Joa, wir sind doch schon gleichberechtigt, oder?
Das denken viele – selbst in meinem Umfeld gab es schon Äußerungen wie „Jetzt reicht es dann auch mal mit der Gleichberechtigung“. Ehm bitte was? In vielen Köpfen ist die Emanzipation der Frau und die Gleichstellung beider Geschlechter längst erreicht, der Rest erledige sich schon von alleine. Leider nein – umso wichtiger ist es, dass Medien sowie die Politik immer wieder auf das Thema aufmerksam machen und Veränderungen anstoßen. Island ist auch hier wieder einmal Spitzenreiter und hat gleich ein ganzes Ministerium für Gleichberechtigung ins Leben gerufen. Das Ministerium beschäftigt sich mit den Fragen der Gleichberechtigung, spürt Diskriminierungs-Chancen auf und forscht im Bereich des Feminismus‘. Hierzulande wird sich politisch natürlich auch mit der Gleichstellung auseinandergesetzt – das Familienministerium ist hierfür zuständig. Ein ganzes Ministerium hingegen wäre natürlich ein Traum.

7. Sexismus geht nicht!
Während wir hierzulande noch diskutieren, was wann wie sexistisch gemeint ist, und #aufschrei nur für wenige Wochen für richtig Aufschrei sorgte, geht Island viel gezielter dagegen vor. In der Nummer 1 weltweit in Sachen Gleichberechtigung regelt wie oben erwähnt das Gesetz, dass abwertende Sprache gegenüber Frauen nicht geduldet wird. Auch sexistische Bücher und Zeichnungen werden aus dem Schulunterricht verbannt. Frauen werden heutzutage immer noch sehr oft objektifiziert, Sprüche zur Optik und ihrem Aussehen – losgelöst von ihrer eigentlichen Job-Aufgabe – sind im Beruf keine Seltenheit. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel wird immer wieder Opfer von öffentlicher Häme über ihre Outfits – ihre männlichen Kollegen dagegen nur selten. Auch hier schaffen es die Nordlichter, schon den Kleinsten ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir alle Menschen sind, deren Optik erst einmal nicht kommentiert oder derjenige darauf reduziert werden darf.

8. Prostituierte werden nicht bestraft, sondern geschützt
Wer seinen Körper verkaufen muss, um Geld zu verdienen, tut dies meist aus größter Not oder nicht freiwillig. Island beschützt seine Prostituierte – seit 2007 gelten Frauen (und Männer), die sich für Geld anbieten, als Opfer. Das Bezahlen für Sex ist schon seit Jahrzehnten verboten. Bestraft werden also viel mehr die, die bezahlten Sex suchen, als jene, die ihn anbieten. Zudem sind Striplokale im Inselstaat verboten – Geld durch das nackte Auftreten von Menschen solle kein Unternehmen verdienen können. Als Begründung hieß es: „Es ist inakzeptabel, dass Menschen egal welchen Geschlechts als Produkt angesehen werden, das man kaufen kann“, schreibt Global Citizens.

 

 

3 Antworten zu “Feminismus: 8 Dinge, die wir uns aus ganz Europa abschauen können”

  1. Danke, dass ihr mal wieder auf dieses wichtige Thema hinweist. Vieles ist man einfach so gewohnt, dass es gar nicht wirklich auffällt, wie ungleich es noch zugeht. Verpflichtende Elternzeit für beide wäre wirklich ein toller Schritt in die richtige Richtung. Auch dass die sogenannten „Sorge“-Berufe immer noch so schlecht bezahlt werden, weil sie eben historisch gesehen Frauen-Aufgaben waren, gehört endlich mal angepackt. lg *thea

  2. Vielen Dank für diesen Post. Es ist ein Thema, welches mir wirklich sehr nahe geht und ich immer in allen möglichen Situationen anspreche und zeige was für eine Seifenblase die vermeintliche Gleichberechtigung hierzulande ist. Während ich las, war ich überzeugt einen Sturm an Kommentaren zu lesen und war auf diese gespannt. Doch bis auf Thea hat sich niemand geäußert und das ist irgendwie ärgerlich. Wir sind alle junge Frauen und das Thema sollte uns alle Berühren. Ich bin 26 und möchte noch vor 30 Kinder haben. Und schon jetzt mache ich mir sehr viele Gedanken darüber wie ich mich gleichzeitig wie eine erfüllte Mutter, eine gleichberechtigte Frau und erfolgreiche Arbeitnehmerin fühlen kann. Und hier ist das nun wirklich nicht leicht und wir sind weiterhin sehr weit davon entfernt, dass die Vorgesetzten dich nicht wie einen pinken Elefanten ansehen, wenn Du der Meinung bist, dass Mutter und Vater genauso lange Elternzeit nehmen sollten. Es gibt viele solcher Beispiele und wir sollten alle zumindest das Bewusstsein darüber haben! Vielen Dank Antonia für diesen Post :)

    • Liebe Kasia,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Es braucht mehr von uns – definitiv! Wir alle sollten das Bewusstsein dafür haben, Männer wie Frauen – es hat sich viel getan in den letzten Jahrzehnten, aber wir sind noch lange nicht gleichberechtigt in allen Bereichen! Deswegen wird es auch weiterhin Posts dieser Art geben, damit das Bewusstsein dafür wächst! Liebe Grüße!

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