#freedeniz

1. März 2017 von in ,

Ich sage immer meine Meinung. Zumindest fast immer – möglichst natürlich so, dass es mein Gegenüber nicht verletzt. Ehrlichkeit und freie Meinungsäußerung sind mir extrem wichtig. Ich bin so erzogen worden, in meiner Familie reden wir offen und ehrlich. Das stößt nicht immer auf höchste Freude, zahlt sich aber am Ende aus. Ehrlichkeit währt am längsten, oder so. Und: Meinungen regen zum Diskutieren, Nachdenken und Reflektieren der eigenen Position an. Auch im Beruflichen – als Journalistin – habe ich gelernt, dass die freie Meinungsäußerung wichtig ist. Klar, jeder Verlag hat seine Anzeigenkunden, sodass manche Geschichte aufgrund des Verlegers oder des Werbekundens nicht erzählt wird. Jeder Journalist kennt das – und auch wir bei amazed sind zwar extrem frei in unserer Gestaltung des Inhalts, dennoch natürlich mittlerweile auch an Advertorials gebunden. Eine komplett freie Berichterstattung wäre ein Traum, an dem wir arbeiten. Trotzdem – ein Grund, warum wir zu bloggen begonnen haben, ist die Möglichkeit, unsere Meinung, Ideen und Gedanken offen und frei äußern zu können.

Die freie Meinungsäußerung ist unantastbar und über das Gesetz der Vereinten Nationen eigentlich weltweit geschützt. In Deutschland haben wir das hohe Gut, dass wir unsere Meinung jederzeit äußern dürfen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Eine freie Meinung ist eine Säule der Demokratie. In anderen Ländern werden Menschen, die ihre Meinung äußeren, seien es Journalisten, aber auch zivile Bürger immer noch verfolgt, verhaftet und bestraft. Wie wichtig es ist, Menschen zu haben, die ihre Meinung entgegen der Regierung äußern, die Misstände aufweisen und Fakten prüfen, merken wir nicht zuletzt in Zeiten, in denen Rechtpopulisten wie Trump (mal ganz abgesehen von Diktatoren und Anti-Demokraten) versuchen, die Presse immer öfter zu diskreditieren oder sie als „Feinde des Volkes“ abzustempeln. Sicherlich: Nicht jede Presse ist gut, und auch in Deutschland darf und soll die Presse nicht vorbehaltlos konsumiert werden. Trotzdem sind Medienmacher auch Meinungsmacher sowie ein wichtiges Stimmorgan und Gegengewicht zu politischen Meinungen der Machtinhaber innerhalb einer Demokratie. Die freie Meinungsäußerung zu schützen ist heute also mehr denn je wieder unsere Aufgabe.

Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

Deniz Yücel, Welt-Korrespondent in der Türkei sowie deutscher wie türkische Staatsangehöriger, sitzt seit Mitte Februar in Haft in der Türkei. Nicht zum ersten Mal, aber zum wiederholten Male, weil er sich als Journalist kritisch zur Regierung geäußert hat. Er hat seinen Job gemacht. Er hat nachgefragt, Fakten überprüft und seine Meinung veröffentlicht.

Kurz nach seiner Berichterstattung in der Welt über das türkische Hacker-Kollektiv Red-Hack, welches in der Türkei als Terrororganisation gilt, wurde ihm von Seiten der türkischen Regierung die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Datenmissbrauch sowie Terrorpropaganda vorgeworfen. Für eine Berichterstattung in einem deutschen Medium. Die türkische Regierung forderte eine Befragung – und der 43-jährige Journalist ging – ohne Zweifel und mit gutem Willen – hin.

Seitdem sitzt er in Haft. Unter Bedingungen, die uns erschaudern lassen. Nicht wegen eines Verbrechens, sondern wegen einer fundierten Recherche zu einem Thema, das kontrovers – auch gegenüber der türkischen Regierung – war. Mit ihm sitzen derzeit weitere 153 türkische Journalistinnen und Journalisten in Haft – festgenommen aufgrund von fragwürdigen Begründungen.

Wer dachte, die Causa Böhmermann wäre nicht zu überbieten, sieht sich jetzt der bitteren Realität in der Türkei ausgesetzt. Mit dem Vorwurf der Berichterstattung in einem deutschen Medium wird durch die Verhaftung Deniz Yücel die deutsche Pressefreiheit angegriffen. Wie sieht das aus, wenn diese Praktik Runde macht? Auch Donald Trump kündigte an, Journalisten wie Medienmacher, die sich kritisch auf Blogs und in Medien zur Regierung äußern, bei der Einreise in die USA zu überprüfen. Wer traut sich am Ende noch, für eine Meinung zu stehen, wenn solche Konsequenzen zu fürchten sind?

Meinung zeigen, für sie einstehen und immer wieder auf Missstände aufmerksam machen, ist unsere Pflicht. Als Blogger, als Journalisten, vor allem aber auch als Menschen. Meinung, Kunst, Texte müssen frei bleiben – in jedem Land dieser Welt, in der Türkei wie in Deutschland.

Deniz Yücel’s Haft wurde am Montagabend zur Untersuchungshaft. Das bedeutet: Der Journalist kommt nicht nach einer Befristung von 14 Tagen wieder frei, sondern ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft im Gefängnis in Istanbul. Während die deutsche Regierung an einer diplomatischen Lösung einer Freilassung arbeitet (und sich womöglich aufgrund der Verstrickungen mit Erdogan schwer tut), fordern deutsche Medien wie Spiegel, Zeit, Süddeutsche Zeitung sowie natürlich die Welt und der Axel-Springer-Verlag gemeinsam mit Medienmachern wie Jan Böhmermann die Freilassung des Journalisten.

Auch wir reihen uns ein. Die Journalisten und Journalistinnen müssen freigelassen werden und ihre Arbeit fortsetzen können. Die Pressefreiheit muss hierzulande genauso gelten wie vor allem in der Türkei. Und auch ihr alle könnt etwas tun: den nächsten Pauschalurlaub nicht in die Türkei buchen, darüber reden, aufmerksam machen, Berichte teilen, an den Autokorsos teilnehmen und vor allem die Petition #freedeniz unterschreiben.

Freiheit – in jeder Form – ist unser aller höchstes Gut.

Fotos: Welt.de/ www.freedeniz.de

 

6 Antworten zu “#freedeniz”

  1. Liebe Antonia,
    vielen Dank für diesen wichtigen Artikel!
    Wird direkt bei uns geteilt und weiter getragen. Was da passiert, darf nicht ungesehen bleiben.
    Alles Liebe, Jana

  2. Auch ich danke dir für diesen Artikel , Liebe Antonia ! Die Lage in der sich Deniz befindet ist unvorstellbar.

    Als Journalist/ Mensch seine Meinung nicht äußern zu dürfen ist das eine Übel, bei Äußerung festgehalten zu werden das andere. Es werden soviele Menschenrechte verletzt,sodass die Liste der Verstöße schon gar nicht mehr überschaubar ist. Einfach nur schrecklich !

    Macht weiter so! Ich habe ebenfalls unterschrieben.
    #freedeniz #freehumans

  3. Es ist wirklich gruselig was da gerade in der Türkei passiert. Und auch in den USA. Bei beiden Ländern überlege ich mir in zukunft sehr genau, wann ich als Tourist wieder mein Geld dort hintrage…Leider trifft es ja meistens dann wieder die falschen…Petition wird unterschieben. Danke für den Text. LG *thea

  4. Danke für diesen Artikel, und dass du Aufmerksamkeit auf das Problem lenkst. Ich studiere selbst Journalismus und habe letztes Jahr im Rahmen eines Unikurses mit Deniz Yücel über die schwierige Lage von Journalisten in der Türkei via Skype gesprochen. Unvorstellbar für mich, was da abgeht. Einfach unvorstellbar. Vor allem ist er nur ein Journalist von sehr vielen.

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