München: Jessica Zaydan im Fotografiemuseum

7. Januar 2016 von in

Das erste Foto, das ich sehe, könnte ich selbst sein. Mit ungefähr zwölf Jahren, in dem Alter, in dem absolut jeder etwas unbeholfen und ungelenk aussieht, sich aber umso erwachsener und cooler fühlt. Die spätere Fotografin und Künstlerin Jessica Zaydan blickt von einem Analogfoto aus in die Kamera, trägt ein ziemlich cooles 90er-Top, Jeans und Mittelscheitel. Auf den nächsten vier Fotos folgen ihre besten Freundinnen, mit Lutscher und Haarclips im Schwimmbad, an einer Zigarette ziehend im Zugabteil, in unförmigen Teenieklamotten zu Hause und mit einem dieser unsäglichen Gymnastikbälle beim Zelten. Das sechste Foto ist ein riesiges Poster von Nick Carter, das direkt aus meinem Kinderzimmer stammen könnte, und ich fühle mich wieder ins Jahr 1995 katapultiert.

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Die Fotoausstellung „Jessica Zaydan – Never Break Your Heart“ im Fotografiemuseum des Münchner Stadtmuseums ist eine der besten, die ich seit Langem gesehen habe. Der 90er-Flashback ist nämlich noch nicht alles, es wird noch viel besser. Erstmal geht es weiter mit Fotos von Teenie-Jessica und ihren Freunden, die allesamt aussehen wie meine Freunde und ich zwischen 1998 und 2002: Ziemlich cool wirken wollend, mit Mittelscheitelfrisuren, Spaghettiträgertops und Fischerhüten, die Jungs mit blondierten oder Igel-gegelten Haaren, Baggypants und Etnies-Schuhen mit dicken Schnürsenkeln. Und zwischen diesen originalen Teeniebildern von Jessica geht es weiter mit den Backstreet Boys: Nick, I wanna be with you und eine Collage mit Brian, AJ, Howie, Kevin und Nick.
Geht man weiter, kommt man Jessica näher, denn weiter hinten in der Ausstellung findet man ihr Tagebuch, aus dem ihr Fantum so richtig herausplatzt. Als unsterblich verliebter Nick-Fan träumt sie von ihrem ersten Mal und der darauffolgenden Hochzeit mit dem süßen Blonden, der ab dann nur noch für sie existieren soll.

Und jetzt kommt der zweite Teil der Ausstellung: Über einen Film sind die O-Töne des Tagebuchs gelegt, aber über was für einen Film. Man mag es nicht glauben, aber die Backstreet Boys existieren nicht nur noch, sondern bieten für alle übriggebliebenen Hardcore-Fans Kreuzfahrten an, die einer Art Ballermann-Convention ähneln. Die Fans, vorrangig weiblich und im Alter von 25 bis 40, dürfen mehrere Tage mit den leicht gealterten Boys auf einem Kreuzfahrtschiff und verschiedenen Anlegepunkten verbringen, mehreren Konzerten lauschen und gemeinsame Saufspiele spielen. Skuriller geht es eigentlich kaum, getoppt wird das Ganze aber mit den zusätzlichen Tagebuch-O-Tönen.

Man weiß am Ende nicht mehr, ob man lachen soll oder das Hardcore-Fantum und die gealterten Popstars, die auch nach zwanzig Jahren noch eine Projektionsillusion für ihre Fans verkörpern, einfach nur skurril finden soll. Fantum an sich ist ein unglaublich interessantes Phänomen, das im Teeniealter für normal gehalten wird, aber seine ganze Absurdität erst dann entfaltet, wenn die Protagonisten älter werden – sowohl die Fans, als auch die Angebeteten.

In einem ungewöhnlich persönlichen Blick greift Jessica Zaydans Ausstellung diese Skurrilität auf und erinnert mich mal wieder daran, warum ich Fotografieausstellungen mehr liebe als alles andere. Das Münchner Stadtmuseum ist tatsächlich die bei Weitem beste Anlaufstelle dafür, und noch bis diesen Sonntag sollte man unbedingt mal vorbeischauen, denn aktuell läuft neben Jessica Zaydans Ausstellung auch die Fotodoks!

Münchner Stadtmuseum / St.-Jakobs-Platz 1 / Dienstag – Sonntag 10.00-18.00 Uhr

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2 Antworten zu “München: Jessica Zaydan im Fotografiemuseum”

  1. Sehr gelungen, finde ich auch; schräge Bilder vom Idol-Wahnwitz, der überall so schrecklich normal ist. Die Mädels auf dem Teppich im Traumschiff könnten auch anderswo rumstehen, wo ihnen wer weiß was vorgegaukelt wird. Die fotografierte Idolisierung in der Pubertät wird von Deinem Text sehr gut aufgefangen, gerade weil Du Dich gleich selbst mit einbringst. Bei mir war’s ganz ähnlich, 1970, mit 13, ich hatte in meinem Zimmer lauter BRAVO-Starschnitte des Monats und Langhaar-Köpfe an die Wand geklebt, so viele, mit so vielen Augen, dass meine Uroma, die einmal da übernachtete, sich vor den Gaffern nicht ausziehen wollte. Super. Du zeigst uns mit dem Hinweis auf die tolle Fotografin, wie das geht, wie sich so was festhalten lässt, so flüchtig und wichtig wie es halt ist. Weiter so. Grüße. Peter

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