Kolumne: 2016, das Jahr der warmen Füße

28. März 2016 von in

Ich sitze in einem kleinen Haus und trinke Bier aus einer großen Flasche. Dieses kleine Haus, in dem die große Flasche und ich sitzen, liegt auf einem Hügel in Andalusien, zwischen lauter anderen kleinen Häusern und vielen anderen großen Flaschen mit Bier.

Wenn ich auf den Zitronenbaum neben meinem Haus klettern würde, könnte ich das Meer sehen. Das geht leider nicht, weil dort eine Katze sitzt, die unter immanenter Androhung von Gewalt die Meinung vertritt, dass Menschen nicht auf Zitronenbäume gehören.

Ich habe ja nichts gegen Katzen, aber… mal unter uns, die ist doch sicher von der AfD. Die ist sicher eine von diesen Exildeutschen in Spanien, diesen Wetterflüchtlingen, die morgens die Bild-Zeitung zerkauen und dann daheim fremdenfeindliche Katzenparteien wählen, die auch andere Leute nicht auf Zitronenbäume lassen. Jedenfalls nehme ich den Bus, um das Meer zu sehen, das kostet nur einen Euro.

Ich habe mir drei Kerzen angezündet, um es ein bisschen wärmer zu haben an diesem Abend. Die Leute hier sagen dir zwar, sie haben das beste Klima in Europa, aber sie sagen dir nicht, dass kein einziges verdammtes Haus eine Heizung hat. Das ist ein Problem, wenn du nicht willst, dass sich dein Körper nachts den acht Grad Außentemperatur anpasst. Ich meine, ich bin ja keine Eidechse, denen ist sowas egal. Acht Grad abends, 50 Grad mittags. So bin ich nicht. Aber dafür habe ich Tom Waits und Iron & Wine und die große Flasche Bier. Und die ist wirklich groß, ich kann sie kaum mit einer Hand halten. Es hat auch Vorteile, ein Mensch zu sein.

In Wahrheit ist es gar nicht kalt. Also nicht kalt wie bei uns, in dem Sinne, dass dir die Nasenhaare einfrieren, wenn du nicht aufpasst. Aber ich musste mir schon diesen Teppich unter die Füße legen, sonst wäre es unangenehm. Und wenn ich eins gelernt habe in meinem Leben, dann, dass man an seinem Geburtstag keine kalten Füße bekommen sollte.

Immer wenn ich Geburtstag habe, vergleiche ich, ob ich noch im Soll meiner Lebensschablone liege. Ich sollte das besser nicht tun. Ich passe da nämlich schon seit Jahren nicht mehr hinein, so wie andere nach Weihnachten nicht mehr in ihre Lieblingshosen passen.

Bei mir ist das drei Jahre her. Bis dahin wollte ich eigentlich einen Master haben und einen vernünftigen Job, also in der Start-Up Branche oder zumindest als aufstrebender Jungjournalist, und Geld auf dem Konto und eine Wohnung mit einem hölzernen Teeregal und vielleicht sogar eine Lady, die sich ein bisschen freut, wenn ich meine Hose ausziehe. Das war immer mein Lebensziel: Jemanden zu haben, der sich ein bisschen freut, wenn ich meine Hose ausziehe. Ist gar nicht so einfach, das kann ich euch sagen. Seit Köln darf ich meine Hose gar nicht mehr ausziehen, ohne dass jemand die Polizei ruft und ein paar Refugees weggekarrt werden.

Stattdessen sitze ich alleine an meinem Geburtstag in diesem kleinen Haus mit der großen Bierflasche und den drei Kerzen, von denen eine inzwischen schon ausgegangen ist, und schreibe. Völlig gaga, oder? Nicht einmal Meerblick habe ich, ich erwähnte es schon, wegen dieser misanthropen Katze. Mit 28 Jahren sollte doch zumindest Meerblick drin sein.

Aber was weiß ich schon. Du kannst jahrelang vor dich hinleben und irgendwann sagt dir jemand, dass du die ganze Zeit Bananen falsch herum aufgemacht hast. Dass der Schwarzmarkt gar nicht in der Altstadt liegt, neben dem Viktualienmarkt. Oder dass jetzt jemand wie Michael Nast das Lesen wieder cool machen soll. Aber hey, ist okay, diese Dinge passieren. Seit ich denken kann, wird unserer Generation alle fünf Jahre der komplette Boden unter den Füßen weggerissen. Und was können wir tun? Nichts, nada. Nur von der Couch aus Netflix anwerfen, einen neuen Teppich kaufen und versuchen, keine kalten Füße zu bekommen.

Schablonen sind so 2015. Baut euch welche aus bunter Knete und werft sie aus dem Fenster! Vorzugsweise auf eine übel gelaunte Katze mit Sonnenbrand! Es ist ein neues Jahr: Wir haben schon mehr als zweitausendsechzehn davon geschafft, da werden die nächsten paar auch kein Problem sein. Ich ziehe mir jetzt die Hose aus und gucke mir das Meer an. Katze hin, Katze her.

Bild: Txtappeal

13 Antworten zu “Kolumne: 2016, das Jahr der warmen Füße”

  1. Ich danke Dir für den Freud’schen Verleser „ich habe mir drei Katzen(!) angezündet um es ein bisschen wärmer zu haben“! Ein guter Beitrag (ich suche mir auch immer ein Refugium für meinen Geburtstag) und Happy Birthday nachträglich

  2. Besser spät als nie, oder? Also dann: Das ist ein so dermaßen guter und herrlich bescheuerter Artikel – ich bin hin und weg und in ganz positivem Sinne als Schreiberlingkollegin fast ein bisschen neidisch. Wo gibt es denn bitte mehr von Dir zu lesen???

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