Kolumne: Berlin, du bist zu cool für mich

6. Februar 2017 von in ,

Mein letztes Wochenende spielte sich in meiner Küche ab, da ganz München das Haus nicht verlassen hat, weil es kalt werden würde. Münchens Nachtleben in der Frustration: Die wenigen Menschen im eigenen Alter verlassen nicht mehr das Haus aufgrund der Wetterbedingungen. Das Gefühl, dass die eigene Stadt einschläft und auf magische Weise schrumpft, kennt (hoffentlich) jeder und es gibt bekannte Mittel, dagegen anzukämpfen.

Die meisten fahren nach Berlin, was auch der Grund ist, weshalb es in der Heimatstadt kaum noch Menschen im eigenen Alter gibt. Die sammeln sich alle in der Hauptstadt. Berlin schläft nicht, Berlin ist seit der Wende auf einem Trip zwischen Koks und Pep, Berlin ist der böse Engel auf deiner linken Schulter, der dich in den Sog junger Menschen auf mit Graffiti bemalten Straßen zieht. Berlin hört irgendwie nicht auf, arm aber sexy zu sein – im Gegenteil: es expandiert zu arm und reich aber sexy. Somit fühlen sich mittlerweile alle Menschen von Berlin angesprochen. Am Kotti schreit der böse Engel nach Shoppen im Voo Store, in dem sich die schönsten Menschen der Welt aufhalten und sich mit einer Selbstverständlichkeit durch die nach Vibskov duftenden Abteilungen bewegen, als hätten sie nie etwas anderes getan, als den Wollmantel von MSGM kritisch zu beäugen. Vielleicht hätten sie noch einen Kaffee für 4,50 getrunken und ein Avocadobrot gegessen, obwohl ich mich gerade frage, ob man Avocadobrote überhaupt noch isst. Auch ich habe einen Kaffee im Voo Store getrunken. Ich habe all mein Selbstbewusstsein zusammen genommen und einen Cappuccino mit Sojamilch bestellt, obwohl ich weiß, dass Cappuccinos die Latte Macchiatos von 2012 sind. Aber ich mag sie und die Sojamilch erschien mir ein passender Ausgleich, bis ich lernen musste, dass Sojamilch die Kuhmilch von 2015 ist*: „Wir haben nur Hafermilch.“.

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Berlin und seine Anhänger sind dir, der fliehenden Spezies, die es nie so ganz geschafft hat, immer einen Schritt voraus. Sie debattieren höhnend im The Barn auf schlechtem Englisch über Matcha Tees und tragen Sandalen mit Socken im Winter (ich wünschte, ich hätte das erfunden). Sie verlassen grundsätzlich das Haus und winken aus der Ferne ihren Heimatorten: „heute kann es regnen, stürmen oder schneien“, singen sie dann, und werfen sich ihre Jacken von North Face oder Patagonia über. Sie sind die coole Clique aus der neunten Klasse, die immer ein bisschen zu viel lacht, die immer diese glänzenden Haare hatte, die du niemals haben wirst und die im Schulbus die beiden hinteren Viererplätze belegt haben.

Wer sein gesamtes Geld für nach Maiglöckchen und Lilien schmeckenden French Press Filterkaffee ausgegeben hat, bewegt sich im Anschluss nach Neukölln und erlebt einen Abend in sexy Armut. Man kauft sich dann Sterni in einem der Spätis, obwohl man sich auch kein teureres Bier mit geregeltem Einkommen kaufen würde, statt sich tempörär mit einer befristeten Projektstelle oder einem Praktikum ohne Aussicht auf eine Übernahme herumzuschlagen. Man verlässt seinen Problembezirk nicht, ebenso wenig wie die Späti-Besitzer ihren Laden. Stattdessen begibt man sich auf eine der zahlreichen Hauspartys, die wenige Fußmeter von der eigenen Wohnung entfernt sind. Wer auf seiner letzten Hausparty in der Heimat wie ich seine Schuhe vor der Tür ausziehen musste und seine Freunde den gesamten Abend nur auf dem winzigen Balkon an der Küche antreffen konnte, wird meine Begeisterung für WG Partys in Neukölln verstehen. Wohngemeinschaften in dem, unter schlecht verdienenden Freiberuflern und Studenten aus Münster oder Hannover, beliebten Viertel unterscheiden sich kaum voneinander: hohe Decken, weiß bemalte, knarzende Dielenböden, eine etwas zu schmutzige Küche, auf dem Boden liegende Matratzen, Flügeltüren, String Regale. In der Küche sitzt mindestens eine rauchende und Tee trinkende Person im Schlafanzug und das meistens auch auf Hauspartys. Auf denen darf man seine Schuhe anbehalten und überall rauchen, sogar auf den Toiletten. Die Musik ist unverschämt laut und die Nachbarn sind natürlich tiefenentspannt. Die Youtube DJ’s streiten sich über den nächsten Song und versuchen sich in ihrer Coolness zu übertrumpfen. „Ich habe schon im Berghain gespielt“, sagt der eine (und wieder: ich wünschte, ich würde lügen) und darf im Anschluss endlich seinen Lieblingssong von Rihanna spielen. Das war die beste Hausparty meines Lebens und ich ergab mich der in Neukölln ansässigen jugendlichen Leichtigkeit, freundete mich mit dem bösen Engelchen auf meiner linken Schulter an und trank ironischen Wodka-O.

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Das war mein Wochenende in Berlin und finde, cool sein ist ganz schön anstrengend. Vermutlich wird es spielerischer, wenn man in Neukölln wohnt, denn dann sitzt man automatisch auf einem der hinteren Viererplätze im Bus und hat es geschafft, einer von der coolen Clique zu sein. Da muss man nicht mehr viel machen – bis dahin bleibt man der stets bemühte Tourist, der sich an seine Berliner Freunde klammert, die er noch aus der Heimat kennt. Ich steige Sonntagmittag in den Zug, winke Berlin aus der Ferne und verlasse am Sonntagabend in München das Haus nicht mehr, weil es noch regnen soll.

*Kuhmilch trinkt man übrigens wieder.

25 Antworten zu “Kolumne: Berlin, du bist zu cool für mich”

  1. Scheiße, du sprichst mir aus der Seele. Diese Coolness strengt so an, ich ziehe meinen Hut vor all den Berliner*innen, die es schaffen, Schritt zu halten damit.

  2. Haha, da sagste was.:) Ich gehörte ja nie zu den Coolen und Hippen, bin aber immerhin in Berlin geboren – sogar im Osten.
    Allerdings kenne natürlich auch ich diese Hausparties, bei denen ich schon um 20 Uhr vor Ort bin, um dann um 24 Uhr zu gehen – wenn die ganzen Raucher kommen.;)Vorher tanze ich aber noch begeistert zu den Backstreet Boys – und zwar ganz unironisch, mit viel Spaß.
    Beim Späti kaufe ich mir nach der Arbeit gern nen Saft statt ein Bier und ich wohne seit ein paar Jahren nicht mehr im Problembezirk Wedding (davor Kreuzberg), sondern im schnieken Wilmersdorf. Aber hey, hier gibt´s immerhin das Bikini-Haus, in dem ich irgendwie nie was kaufe und nur zum Affengucken auf die Terrasse gehe. Ich bin so lame! :D
    Diese angestrengte Coolness kann ich nicht, aber amüsiere mich immer wieder beim Beobachten. Danke für die geniale Kolumne!

    lg,
    Sarah

  3. Ui, das sind aber viele Klischees auf einmal. Weißt du, was das Schöne an Berlin ist? Dass es „das Berlin“ überhaupt nicht gibt. Das merkt man vor allem, wenn man nicht nur an diesen drei, vier Orten unterwegs ist, die uns die Medien regelmäßig servieren. Und wenn es am Sonntag regnet, ist sogar Berlin mucksmäuschen still. Weil Pep und Koks für die, die hier leben und nicht bloß vorbeischauen, im Besten Fall genau so weit weg von der eigenen Realität sind, wie dein Erlebnisbericht. Berlin ist nämlich überhaupt nicht zu cool für dich. Mögen muss man es trotzdem nicht.

    • Gar nicht, das ist nicht allzu ernst zu nehmen :). Ich mag Berlin schrecklich gerne, fast etwas zu gerne! Komme bald schon wieder privat – das 3. Mal in drei Monaten. Die Klischees sind mir nur alle innerhalb von einer Woche dort passiert, da musste ich einfach was drüber schreiben. Und in München ist tatsächlich nix los.

      • Dass es „das Berlin“ nicht gibt, ist allerdings auch eine gänzlich überstrapazierte Floskel, die vor allem deswegen nervt, weil das einfach für jede Stadt gilt. Sogar für München, auch wenn es als Münchner offenbar zum guten Ton gehört, München zu bashen, um nicht vor anderen als uncool dazustehen.

  4. Die Erfahrung mach ich auch immer, wenn ich alte Freunde in Berlin besuche. Ich mag die Stadt total gerne, aber kenne auch Zugezogene, die sich so verhalten. Das schöne Café vom letzten Mal kann man dann nicht besuchen, weil es hat doch ein neues Trendding in Wedding aufgemacht, die Matcha/Soja/Hafer/was auch immer servieren. (Ich verstehe schon die Beschreibungen nicht, weil ich am liebsten Filterkaffee mit Milch trinke, weiß immer noch nicht was ein Americano ist.)
    Dein Artikel hat mich zum Schmunzeln gebracht :)

  5. Du sprichst mir auch aus der Seele! Genauso ging es mir bei meinem letzten Berlin Besuch auch :) Ich bin dennoch super gerne dort, aber ich war soooo froh, als ich in Freiburg aus dem Zug gestiegen bin und endlich wieder zuhause war. Sonnige Grüße von dort, Neele

  6. Die Alteingesessenen sind nicht cool. Die sind einfach.
    Ohne Schnörkel und ohne darüber nachzudenken.
    Dann kommt wer von draussen und staunt und denkt, oh, die sind cool.
    Nee, die sind nicht cool.
    Die SIND einfach und es interessiert sie nicht, ob dazu jemand anderes darüber eine Meinung hat.
    Berliner sind der Nabel der Welt (naja, sie fühlen sie als solcher); belächeln seit jeher die Provinz, die hin und wieder wie Horden in die Stadt einfallen und maßlos überfordert sind.
    Dann und in den Momenten regnet es in Berlin und man trifft draussen nur noch die Touris ;)

    *es grüsst eine Alteingesessene ;)

  7. Vielleicht bin ich mit meinen 23 Jahren noch jung genug (zu jung), aber ich habe auch an einem regnerischen Sonntag wahnsinns Spaß in München. Trotzdem sehr erfrischend zu lesen!

  8. Hmmm…..prinzipiell ein Artikel zum schmunzeln, nur leider passt der Anfangsteil nicht zum Endteil und eine Überleitung fehlt auch, dann die auf einmal auftauchende WG Party Beschreibung die dann damit endet das es die beste Party des Lebens war und Vodka O getrunken wurde. Irgendwie fehlt mir der rote Faden und Inhalt, bis auf gewollt zum schmunzeln anregende Beschreibungen hat der Artikel leider nicht viel zu bieten. Das hast du schon besser gemacht.

  9. Wenn man in Neukölln wohnt…
    …schafft man es nie auf den Viererplatz ganz hinten, da einem entweder Lidl Tüten, Kinderwägen oder Rollatoren (manchmal auch alles zusammen) den Weg verstellen. ;-)
    Dass du in meinem Kiez Spaß hattest, gönn ich dir. Zu meiner wilden Party Zeit musste ich nach Prenzlauer Berg oder Friedrichshain; man fuhr Samstag Abends niemals nach Neukölln sondern immer raus aus Neukölln; so weit weg wie es geht. Ich wurde für meinen Kiez immer belächelt. Jetzt belächel ich etwas ungläubig die ganzen Zugezogen, die hier zwischen Sperrmüll und Hundesch@$# zum Sonnenuntergang die Brücken am Kanal besetzen und etwas in meinen Kiez sehen, was ich schon lange aus den Augen verloren habe.
    Und nein: ich bin nicht tiefenentspannt wenn die Party im Haus laut wird; ich habs nur aufgegeben mich deswegen aufzuregen. Berliner sind nicht cool; ein bisschen gleichgültig vielleicht.

    • Ich finds auch immer spannend Texte über Berlin zu lesen von Leuten, die nicht in Berlin aufgewachsen sind. Die sehen die Stadt echt komplett anders, aber leider auch immer mehr nur von „einer“ Seite, wenn du verstehst was ich meine. Und irgendwie finden die Leute immer das an Berlin „cool“ was ich selbst noch nie gehört/gemacht/gesehen habe. Aber es ist immer das selbe und beschränkt sich immer auf die Bezirke um die Mitte rum.
      Berlin kann und ist soviel mehr als Berghain und Flohmarkt am Mauerpark.

  10. Ach Amelie <3 du hast meine Wahlheimat herrlich auf den Punkt gebracht, bitte schreib ne Fortsetzung nach deinem nächsten Besuch. Der importierte Hipster im The Barn, die mit unbewegter Miene und knallharter Verweigerung deutsch zu sprechen, einem einen schnapsglasgrossen Flat White für 4,50 verkaufen sind wohl Teil der Härteprüfung um in Berlin zu leben. Eine gepflegte Lebensmittelunverträglichkeit ist Pflicht, das erklärt vielleicht auch warum in Mitte alle immer ein bisschen beleidigt schauen :)

  11. Ich habe schon verstanden: Es soll mit den Klischees gespielt werden in diesem Text und so weiter, aber trotzdem finde ich es immer wieder erstaunlich, dass oft die Leute, die nur kurz mal in Berlin sind, genau in diese Klischees hineinlaufen. Berlin ist so riesig und es gibt weit mehr tolle Läden als nur den Voostore oder das eine Café, was dann plötzlich typisch für Berlin werden soll.
    Ich habe auch schon in anderen Städten gelebt und finde, es gibt immer diese Orte, die man in jeder Stadt findet.
    Allgemein kommt es immer darauf an, wohin man geht und vor allem mit welchen Leuten man abhängt. Es kann in Neukölln auch ganz „uncool“ werden, oder in Charlottenburg mal „hip“. Berlin ist einfach zu groß und zu vielseitig um zu sagen „Berlin du bist zu cool für mich“, das waren vielleicht die paar Leute auf der Party, aber sicherlich nicht (ganz) Berlin.

  12. O mann, ich wünsche mir für dich, du würdest mal aus deiner kleinen Hipsterwelt herauskommen…. Es gibt so viel mehr als diese Coolness, die du immer wieder, wenn auch subtil oder unbewusst, zu suchen scheinst….

  13. DANKE!!! Ich mag Berlin, keine Frage, sehr sogar, aber der Anspruch der Neu- und Urberliner, die coolsten von allen sein zu müssen… wie gemütlich hab ichs hier in Stuttgart ;)

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