Kolumne: Das Selbstkonzept und wie ich gerne wäre

13. April 2016 von in

Das Selbstkonzept baut sich auf zwei grundlegenden Fragen auf. Wie siehst du dich? Wie sehen dich die anderen? Wenn sich diese zwei Fragen nicht elementar unterscheiden, hast du alles richtig gemacht. Wenn doch, spricht man von einer Störung. In der letzten Zeit habe ich mir zwei ähnliche, aber durchaus andere Fragen gestellt. Wie wäre ich gerne? Und wie bin ich? Zwei Fragen, die mich (und vermutlich sehr viele andere Menschen auch) teilweise in den Wahnsinn treiben. Denn meine Antworten darauf, wie ich gerne wäre, habe ich zum Teil relativ klar formuliert. Ich wäre gerne die Person, die sich die Frage, wer sie ist, nicht stellen muss, weil sie es ganz genau weiß. Ich weiß wer ich bin, ich weiß was ich will, ich habe genug Antworten und die, die ich nicht habe, fehlen mir nicht unbedingt. Ich bin freundlich, die meiste Zeit gut gelaunt, unkompliziert, Menschen mögen mich, ich erledige meine Arbeit gewissenhaft, werde selten wütend und bin die meiste Zeit entspannt.

So wäre ich gerne. Bedeutet: So zeige ich mich auch die meiste Zeit nach außen und will, dass mich Menschen genau so sehen. Das betreibe ich in Perfektion (dachte ich zumindest), bis mich gelegentlich ein erschütternder Donner einholt, der mir zeigt, dass das ein riesiger Scheiß ist. Wir drei von amazed haben einen zusätzlichen Job gemeinsam gemacht. Nach einigen Monaten Funkstille bekamen wir die Rückmeldung: Antonia und Milena sollten diesen Job weiter führen, während ich raus war. Der Grund? Meine Attitüde. Das sind so Momente, in denen man nachdenkt. Bin ich unprofessionell? Mögen die mich nicht?

Das sind die Momente, die einen zweifeln lassen an dem eigenen Bild. Momente, in denen man überrascht ist über die Reaktionen, mit denen man nie gerechnet hätte. Versteht mich nicht falsch: Bei meinem Beispiel geht die Welt nicht unter. Aber es könnte ja schlimmer werden. Was, wenn ich mein Leben lang denke, ich sei eine Ente und irgendwann sagt mir jemand, ich bin ein Elefant? Das muss ganz schön irritierend sein. Das würde mich ganz schön aus der Bahn werfen, schließlich müsste ich mein ganzes Leben auf die neuen Umstände einstellen. Könnte ich das? Oder würde ich daran untergehen?

Eines steht jedenfalls fest. Ich werde niemals sicher sein können, eine Ente zu sein; egal in welchem Alter. Wir werden uns alle niemals kennen – so richtig, voll und ganz. Alles ist in Bewegung, wir entwickeln uns und so auch unser Umfeld. Es sollte also nicht das Ziel sein, sich zu kennen und auf jegliche unvorhergesehenen Reaktionen anderer gewappnet zu sein. Das würden wir sowieso nicht schaffen. Wichtig ist, flexibel zu bleiben und sich auf die jeweils neue Situation einzustellen. Und das bedeutet für mich? Manchmal vielleicht nicht immer so unkompliziert und freundlich zu sein, wie ich denke oder versuche zu sein. Und manchmal eben Elefant zu sein, statt einer Ente.

21 Antworten zu “Kolumne: Das Selbstkonzept und wie ich gerne wäre”

  1. Obwohl Enten ja wirklich die tollsten Tiere sind! Aber ein Elefant ist auch okay. Und vielleicht muss man auch nicht immer ganz genau wissen, wer man ist. Schließlich entwickeln wir uns immer, immer weiter. Wäre ja auch blöd, wenn nicht. Schöner Text!

  2. Manchmal passt es einfach nicht. Manchmal ist man sich, ob privat oder beruflich, einfach nicht sympathisch und manchmal kann man dies noch nicht einmal erklären, vielleicht gibt es noch nicht einmal einen Grund dazu.
    Ich kann verstehen, dass man sich in solchen Situationen den Kopf zerbrechen kann, auch wenn man es nicht will. Aber mit großer Wahrscheinlichkeit kann man es genausowenig ändern, wie man sich selbst so wirklich grundsätzlich verändern kann (in Kleinigkeiten höchstens, würde ich vermuten).
    Ist jetzt passiert, man lernt dazu und daraus entwickelt man sich einfach weiter, es passt eben nicht immer alles zusammen.

    • Liebe Isa, da ist was Wahres dran. Ich muss auch wirklich dazu sagen, dass ich mich nicht grundsätzlich verändern will. Dass ich auf manche Menschen reserviert wirke habe ich schon ein paar Mal gehört. Das ist halt einfach so. Manchmal ist es auch nicht so. Damit kann ich denke ich leben. Aber du hast es ganz richtig gesagt, manchmal passt es eben einfach nicht :)

      • Eben, manchmal ist es so. Und wenn es andererseits dann passt, man sich sympathisch ist und auf einer Wellenlänge, merkt man es ja auch sehr schnell und plötzlich läuft alles viel leichter. Beruflich sowie privat.
        Man hat immer ein Bild vor Augen, wie man gerne wäre oder wie man sich vielleicht besser verhalten hätte können. Grundsätzlich aber finde ich, ist das wichtigste, dass man eben so ist und so reagiert, wie man gerade oder allgemein drauf ist und nicht gezwungen und aufgesetzt durch’s Leben spaziert, nur um mehr Jobs/mehr Freunde zu bekommen, was einem am Ende und auf Dauer auch nicht glücklich macht …

        (Achso, toller Artikel, das hatte ich bei all dem Schreiben noch gar nicht erwähnt!)

  3. „Ich bin freundlich, die meiste Zeit gut gelaunt, unkompliziert“
    Ich kenne das selbst total gut, denn ich würde mich ähnlich einschätzen und bin total überrascht wenn irgendwer einen anderen Eindruck von mir gewinnt.
    Ich glaube dir total dass du privat ein netter Mensch bist, aber leider kam das etwas anders rüber als ich dich vor einiger Zeit mal auf einem Event kennen lernen durfte. während milena (antonia war nicht dabei) total freundlich und offen war – kamst du leider sehr unsympathisch und desinteressiert rüber.
    Wir fanden das total schade – und auch wenn wir deine/eure Artikel immer noch gern lesen, hat es doch immer einen gewissen Beigeschmack.
    Liebe Grüße

    • Haha ja, da wärst du nicht die erste, die mich als reserviert empfindet. Unsympathisch und desinteressiert wäre mir neu, aber auch da heißt es wohl: Kann ja nicht jeder jeden mögen. Von welchem Event sprichst du denn, wenn ich fragen darf? Das würde mich dann doch interessieren.

  4. Könnte aber auch sein, dass der Elefant einfach zu groß und zu einzigartig war für den Job! Und wenn sich dann eine andere, fette Chance auftut, passt er da perfekt rein :)

  5. Toller Text, liebe Amelie!

    Manchmal versteift man sich so in den Gedanken, wie man gerade wirkt oder wirken will, sodass man am Ende nur noch angestrengt und reserviert (weil zu sehr in den Gedanken versunken) oder total affektiert (weil trying too hard) wirkt. Ich kenn das nur gut genug.
    Mir wird auch oft vorgeworfen, arrogant, reserviert oder desinteressiert zu wirken. Die Erklärung ist bei mir ganz simpel: Ich bin introvertiert und in größeren Gruppen einfach komplett überfordert. Ich höre dann mit einem Ohr den Gesprächen zu (die ich aber tatsächlich interessant finde!), meine Augen kreisen aber durch den Raum und müssen alles irgendwie aufnehmen und verarbeiten (so viele schöne, spannende Menschen!). Diese Erkenntnis hat mir zu mehr Selbstakzeptanz verholfen und hält jetzt eine Erklärung bereit, wenn mich jemand wieder mit einem „Du siehst aber gelangweilt aus!“ konfrontiert. Ich weiß, dass ich in Zweier-Gesprächen einfach besser bin und die Menschen, mit denen ich in engem Kontakt stehe, wissen das auch. Also alles gut!

    Am Ende sollten wir alle versuchen, uns weniger Gedanken zu machen wie wir nach außen wirken, sondern vielmehr den Moment genießen. Zu verbissen wirkt sich ja eh immer ins Gegenteil aus und wir haben am Ende wenig Kontrolle darüber, wie unser Gegenüber uns wahrnimmt.

    Respekt für deinen Mut, deine berufliche Erfahrung mit uns zu teilen! Ich starte demnächst in die Selbstständigkeit und habe große Angst davor, wie es mir da zwischenmenschlich ergehen wird…

    Liebe Grüße,
    Anna

    • Das hast du wirklich schön gesagt, Anna. Genauso sehe ich das auch. Es gibt eben Menschen die sind schneller mit der Aufnahme von Situationen, generell extrovertierter oder trauen sich auch mehr Gespräche zu führen. Das letztere meine ich im Sinne von Dinge ansprechen, vielleicht auch sagen, dass man gerade darüber nachdenkt. So kann sich der Gegenüber der Aufmerksamkeit gewiss sein.

      Ich kenne dich ja nur vom Blog her, liebe Amelie, aber ich kann es mir ganz gut vorstellen, dass du oft als reserviert eingeschätzt wirst. So empfinde ich dich auch von deinem Schreibstil und deiner (Blog-)Attitüde her. Aber auch als mutig und vielleicht in gewisser Hinsicht „radikaler“ oder „lauter“ als deine Kolleginnen Milena und Antiona. Deine Kolumnen deuten in diese Richtung. Beides muss es auf der Welt geben und Zurückweisung ist immer hart, aber auch ganz natürlich. Das heißt nicht, dass ich denke du würdest weniger brennen für Amazed oder du wärst unfreundlicher als Milena und Antonia. Du strahlst einfach eine andere Art von Offenheit aus.

      Verzweifel also nicht und versteck dich nicht. Und änder dich bloß nicht. Vielleicht hilft es dir zu erkennen, dass du anders wahrgenommen wirst, weil es für andere Menschen ein anderes Verständnis von Freundlichkeit, Offenheit oder Herzlichkeit gibt. Und dieses dann auch so zu kommunizieren.

      Ich werde auch gelegentlich als reserviert oder gar arrogant angesehen. Bis ich anfange zu sprechen, so höre ich es oft. Ich frage dann gerne nach den Gründen für diesen Eindruck und hab es mir jetzt zur Gewohnheit gemacht in Gesprächen gerne so das Eis zu brechen. Ich sage dann Dinge wie „ich bin meistens so in Gedanken, dass ich auf meine eigenen Mutter zugehen könnte und sie erst bemerke, wenn ich sie fast über den Haufen renne und sie mich mit meinem Namen anspricht. Falls ich dich also mal nicht sehen sollte, liegt es keinesfalls daran, dass ich dich ignorieren möchte.“ Oder aber auch: „Ich kann mir Gesichter einfach nicht merken. Tut mir leid. Dafür weiß ich in zwei Jahren garantiert noch wann du Geburtstag hast und wie deine Telefonnummer lautet. Mein Hirn hat da eine ganz eigensinnige Verkabelung.“

      Liebe Grüße,
      Bibi von http://happyandcity.blogspot.de/

      • Liebe Bibi, da hast du sehr recht. Mutig, laut, aber gleichzeitig auch mal reserviert und distanziert. Das trifft es eigentlich ganz gut. Ich verzweifle auf keinen Fall daran – aber danke für eure lieben Worte. Das tut wirklich gut! :)

  6. also ich löse diese unsicherheit so, dass ich teilweise leute (denen ich vertraue), bitte, mich zurückzuspiegeln. teilweise auch leute, mit denen ich nicht befreundet/verwandt/whatever bin, denen ich aber zutraue, dass sie sich von so einer bitte nicht unangenehm berührt fühlen oder aus höflichkeit schwindeln.

  7. Ich habe den Artikel erst jetzt gelesen, warum auch immer, aber der Text ist wirklich gut geschrieben, liebe Amelie. Und ich habe mich ein stückweit auch selbst in diesen Zeilen wiedergefunden, denn auch ich merke hin und wieder selbst bei mir, dass ich das starke Bedürfnis, von jedem gemocht zu werden, fast schon zwanghaft auslebe. Und ich weiß, dass ich als offen, lustig und kommunikativ bezeichnet werde, das bekomme ich immer wieder zu hören, aber als ich vor einiger Zeit das erste Mal von jemandem gesagt bekommen habe, dass ich dieser Person einfach nicht sympathisch bin, hat mich das schon sehr getroffen, weil mir sowas vorab noch nie passiert ist. Statt mir aber den Kopf darüber zu zerbrechen habe ich zum Glück davon abgesehen noch unsicherer zu werden oder mich noch mehr so zu zeigen wie ich gerne wäre, im Gegenteil, irgendwie war es dann doch befreiend, dass man so offen mit mir umgegangen ist, denn dann habe ich dann auch mal gemerkt, dass es vollkommen okay ist, nicht von jedem gemocht zu werden. Man kann es nicht allen recht machen, so platt das auch klingt, aber bevor man sich selbst irgendwann vergisst, sollte man in erster Linie einfach sich selbst treu bleiben und mit einkalkulieren, dass das Verhalten nicht überall gut ankommt. Passiert eben.

    Übrigens: Ich finde dich wirklich ganz sympathisch.

    Liebst,
    Sandra

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