Kolumne: Die Scheinheiligkeit der Modewelt

2. März 2013 von in

Halten wir erst mal fest: Meinungswechsel sind gut – Veränderung ist gut. Es gibt nichts dagegen auszusetzen, wenn man etwas liebt, was man vielleicht mal gehasst hat oder umgekehrt. Wie der gute, alte Herr Lagerfeld auch schon erklärte „Nur Dummköpfe ändern ihre Meinung nicht“. Da hat er ganz Recht, doch bekomme ich ein Problem, wenn ein riesiger Haufen von Designern und interessierten Modeköpfen ein Meinungswechsel-Kollektiv zu einem wirklich wichtigen Thema bildet.

Was ist das nur? Warum immer dieses extreme Hin- und Her? Oder liegt es nur an mir? Bin ich so hinterher und nur weil ich mich seit ein paar Wochen wieder intensiver mit sämtlichen Modethemen auseinandersetze, fällt es mir auf?
Kürzlich stand ich mit ein paar Arbeitskollegen draußen, um ein paar Sonnenstrahlen zu erhaschen. Eine davon trug einen weißen Pelzmantel – daraufhin die andere: „Schöne Jacke. Welches Tier?“ – als ob die Frage alleine nicht schon fraglich genug wäre, kam die noch fraglichere Antwort: „Polarbär“. Ich fing an zu lachen, weil ich naives Hascherl tatsächlich davon ausging, dass es sich hierbei um einen Scherz handeln würde. Die Reaktion wurde noch besser: „Schön, so einen hab ich auch zu Hause“. Alles klar. Irgendwann setzte dann auch der Zeitpunkt ein, an dem ich nur noch mit halbem Ohr zuhörte, Aussagen wie „Fake Fur ist doch eklig“ fielen und sich ein Satz nach dem anderen an Niveau unterbot.

Nach diesem schockierenden Gespräch begegnete mir das Thema immer öfter. Als hätte es meine Kollegin gerochen – die ganzen süßen, vom Aussterben bedrohten Eisbären – wie sie ankommen und ihnen das Fell abgezogen wird. Ich möchte mich nicht als Weltverbesserin feiern, aber gab es nicht ein mal eine Zeit, in der Designer echten Pelz scheiße fanden? Vor ziemlich genau drei Jahren ließ Lagerfeld bei einer spektakulären Eisshow genau diese Bären (aka Models) über den Laufsteg tänzeln – nur handelte es sich damals ausschließlich um Fake Fur. Gefeiert wurde mit dieser Show die neu anlaufende Ära der Modeindustrie á la „You cannot fake chic, but you can be chic in fake fur!“. Naja, durch das Internet und so, da ist wohl mittlerweile eine Ära nicht mehr so langanhaltend. Und die Meinungen werden öfter geändert. Das kennen wir ja – vielen Dank noch mal, Facebook.

Und jetzt kommt der Herbst wieder und jedes Jahr wird überlegt, was es nun diesmal für eine revolutionäre Farbe werden wird oder welcher Stoff wieder besonders geeignet für den Laufsteg sei. Mit New York ging es dann ganz drastisch los – Pelz, egal wo ich hin sah. Ich war leider überraschend enttäuscht von Alexander Wang – nicht nur wegen seiner übermäßigen Verwendung von Pelz (dies hat er bei seiner Debut-Show mit Balenciaga übrigens wieder wett gemacht). Seit wann dürfen wir wieder mit so viel Pelz wie möglich um uns schmeißen? Ein bisschen albern ist es schon, wenn eine riesige Kampagne von hochkarätigen Supermodels und Designern gestartet wird, die nach einem Jahr vergessen ist und nach 3 Jahren zum Gegenteil umgemodelt wird. So viel zum Thema: Die Scheinheiligkeit der Modewelt. Was sein darf, und was man getrost unter den Tisch fallen lassen darf.

Und ich dachte wir alle hätten es schon bei Sex and the City gelernt – Finger weg von fetten Pelzmänteln, wenn ihr keine rote Farbe auf eurem süßen Eisbärenjäckchen haben wollt.

Die ganze Show von Alexander Wang aus NYC könnt ihr euch auf style.com ansehen.

14 Antworten zu “Kolumne: Die Scheinheiligkeit der Modewelt”

  1. Ohje, da sagst du was, das ist mir dieses Jahr auch extrem aufgefallen, Pelz wohin man schaut. Das geht echt gar nicht. Also GAR NICHT. Ich finde es z.B. toll, dass sich Kleiderkreisel explizit gegen Pelz ausgesprochen hat und den Verkauf sogar verbietet. Und zwar – zum Glück – nicht nur den von „ganzen“ Mänteln sondern auch von beispielsweise Fellbesätzen an Kapuzen oder Schuhen.

    Es geht ja durchaus auch anders (auch wenn es die Designer nicht glauben wollen!). Ich habe beispielsweise eine dicke Winterjacke von Hemp HoodLamp, bei der das Fell (täuschend echt!) durch Acryl und recycelte PET-Flaschen und sogar Hanf nachgebildet wurde. Das sieht jetzt sooo echt aus, dass ich mich manchmal schon fast schäme, damit rumzulaufen, andere könnten ja denken, es sei echt…

  2. naja, es ist natürlich auch ziemlich scheinheilig zu sagen, pelz ist ganz schrecklich, aber leder und fleisch zu kaufen ist voll okay. in deinem profil steht ja sogar, dass du trotz „vegetarier-wahn“ fleisch isst. da können die leute die pelz tragen genauso sagen, dass sie trotz fake-fur-wahn gerne ab und zu echten pelz tragen. der titel „die scheinheiligkeit der modewelt“ ist auf jeden fall sehr passend und trifft auch auf dich zu.

    • Liebe Christina, ich finde es ist immer leicht zu sagen, dass das Eine vertretbar ist, wenn man eh das Andere macht. Ich esse mittlerweile nur noch Fleisch, von dem ich weiß, wo es her kommt und wie es dem Tier ging, weil ich auf meinen einen Schweinsbraten im Jahr einfach nicht verzichten möchte und das sehe ich selbst als meine Schwäche an. Ich trage Leder, ja, einfach weil ich finde, dass falsches Leder keine gute Alternative ist. Man schwitzt darin und es wärmt nicht. Zudem handelt es sich bei dem Leder, das ich trage, meist um Schwein oder Rind. Und trotzdem wieder dasselbe: Das sehe ich auch als meine Schwäche an. Ich finde nur, dass ich trotz der unmoralischen Dinge, die ich noch mache, gegen etwas sein kann, was mir persönlich eben doch zu weit geht. Und zwar: Am einen Tag Kampagnen gegen Pelz zu veröffentlichen und am Nächsten vom Aussterben bedrohte Tiere als Jacken umzufunktionieren und über den Laufsteg zu schicken.

      Viele liebe Grüße,
      Amelie

      • Hey Amelie,

        ich muss zugeben, als ich Veganerin wurde, fiel mir die Sache mit den Lederschuhen auch wesentlich schwerer als das mit der Ernährung selbst. Das lag daran, dass ich von kleinauf eingeimpft bekommen hatte, dass nur Lederschuhe eine gute Qualität haben können, etwas anderes haben meine Eltern mir auch nie gekauft.
        Allerdings haben sich die Produkte in letzter Zeit wirklich weiterentwickelt, sodass man nicht mehr unbedingt an 80er PVC-Schuhe denken muss. ;) Es gibt beispielsweise bei euch in München das DearGoods (da war ich noch nie, aber die haben auch eine Filiale in Berlin, die ich kenne) und soweit ich weiß gibt es da auch Schuhe. Und online gibt’s inzwischen sowieso ne Vielzahl, z.B. Noah (hatte von denen selbst noch keine Schuhe), Avesu oder auch Beyond Skin. Wenn schon Leder, dann wäre Second Hand ein Kompromiss…inwiefern das für dich als Modebloggerin infrage kommt, ist natürlich eine andere Sache.

        Finde es gut, dass du dir Gedanken über Fleischkonsum machst, gebe aber auch Christina Recht, dass es ein bisschen falsch rüberkommt in deinem „About“. Eher so, als wärst du ein bisschen von Veggies genervt…

        • Liebe Natalie,
          Bitte nicht falsch verstehen, ich bin nicht genervt vom Vegetarismus! Ich wollte mich in dem About-Teil vielmehr als diejenige outen, die es eben NOCH nicht ist. Aber ich mache mir genügend Gedanken über die Ethik und Moral in der Mode – aber das ist alles ein langwieriger Prozess und kann nicht von heute auf morgen geschehen. Ich finde es aber toll, dass ein großer Teil unserer Leser genau so nachzudenken scheint!

          Liebe Grüße,
          Amelie

          • Hey Amelie,
            vielen Dank für deine Antwort. Ich habe aus deiner Antwort an Christina schon rausgelesen gehabt, dass es von dir wohl nicht so gemeint war und wollte dich eher selbst darauf aufmerksam machen, damit du nicht ständig gefragt wirst, wie es denn jetzt gemeint ist :)

            Und da gebe ich dir auch vollkommen Recht. Die eingefahren Strukturen werden sich sicherlich nicht über Nacht ändern. Aber auch kleine Schritte sind wichtig. Wenn man sich denkt „Ich kann ja überhaupt nichts ändern, also mach ich gar nichts“ (ich unterstelle nicht, dass DU so denkst, nur ganz allgemein, formuliert), dann wird sich eben auch nichts ändern. Und letztendlich haben die Konsumenten schon eine große Macht, denke ich…
            Alles Liebe
            Natalie

  3. Die Absurdität liegt ja v.a. auch darin, dass es ganz unterschiedlich bewertet wird, welches Tier man „trägt“. Kuh ist voll okay, Eisbär, Robbe und Nerz not. Dabei handelt es sich ja bei allen um fühlende Lebewesen. Das ganze wird sogar auch sprachlich zusätzlich manifestiert, indem „Fell“ beispielsweise für viele auch klar geht und ganz anderes konnotiert ist als „Pelz“. Krass – oder? Und so kann man sich in vielen Möbelhäusern dann auch noch mit Kuh- und Schafsfellen eindecken. Ist das nicht paradox? Ich bin mir sicher, vielen ist diese Ambivalenz gar nicht richtig bewusst. Und Leder wird von vielen leider auch unkritisch betracht.

    Das ist genauso wie beim Essen: Da wird mit dem Finger auf Länder gezeigt, in denen bestimmte Tiere verspeist werden, aber andere Tierarten werden ohne mit der Wimper zu zucken getötet. Hat ja der vor-vor-letzte Lebensmittelskandal (also der mit den Pferden) auch mal wieder gezeigt. Das nennt sich übrigens Karnismus.

  4. Komisch, ich habe immer das Gefühl, dass das Bewusstsein was Pelz angeht, ziemlich groß ist. Es sind ja auch mehr Menschen im Tierschutzbund als im Kinderschutzbund. Ein Problem, wofür es in der Modeindustrie und vor allem bei den bloggern kein Bewusstsein gibt ist menschenunwürdige Arbeit bzw Fälle von Kinderarbeit. Wie oft sehe ich das blogger ihre Primark-ausbeute posten, obwohl es bei den Preisen eher ein offenes Geheimnis ist, dass Primark Ausbeuterläden führt. Als in Bangladesh die Textilifabriken brannten habe ich keinen einzigen blogger sich damit auseinandersetzten gesehen, obwohl wir ja diejenigen sind, die ständig neu kaufen und wieder weg schmeißen. Über Pelz habe ich schon sehr oft Texte gelesen, kürzlich hat erst wieder Kleiderkreisel eine Aktion dazu gebracht. Ich würde mich wirklich freuen mal einen Artikel über dieses Thema zu hören.

    • Modemädchen, ich finde zwar nicht, dass man bei dem billigen Klamottenkonsum den Finger auf die Blogger richten sollte, aber prinzipiell hast du schon mal Recht mit deinem Beitrag. Ich finde ebenso, dass das mehr thematisiert werden sollte und ich bin auch schon seit längerer Zeit am Gedanken sammeln für einen neuen Beitrag – als Aufhänger wollte ich hierbei die Günther Jauch- Diskussion von vor ein paar Wochen/Monaten nehmen!

      Liebe Grüße,
      Amelie

    • Das war mir auch aufgefallen. Zara ist z.B. ja sehr beliebt bei vielen Bloggern, aber als neulich die Schadstoffbelastung in der Kleidung gemessen wurde, denen bei der Produktion die Mitarbeiter ja in Vielfach höherem Maße ausgesetz sind, haben die Leute jetzt auch nicht da einzukaufen. Bei vielen wird aber auch die Unsicherheit zu Indifferenz führen. Wenn die Menschen das Gefühl haben, keine Wahlfreiehit zu haben und egal, ob sie teuer oder billig shoppen alles falsch zu machen (ist ja nicht so, als wäre es bei großen Labels meistens anders), dann führt das wohl leider oft zu Gleichgültigkeit. Mit FairTrade verbinden die meisten nur „Hippie-Hanf-Mode“ oder einen überzogenen Preis, den man sich nicht leisten kann oder will. Quantität statt Qualität (mit Einbeziehung der Arbeitsbedingungen). Greenwashing ist auch so ein Thema. Ich meine Hand aufs Herz: Glauben wir H&M, wenn sie eine Conscious-Collection rausbringen?

  5. geht mir ähnlich wie modemädchen, hab auch nach der ganzen aufmerksamkeit die faire kleidung in letzter zeit bekommen hat vergeblich auf reaktionen seitens der modeblogger gewartet und würde mich sehr freuen wenn da noch was kommt.

  6. ich finde auch, mit dem Finger zeigen bringt nichts. Leider richtet man oft aufgrund der Leidenschaft für ein solches Thema den Finger auf jemanden, so ähnlich ist es ja mit dem Thema Pelz auch. Wie man an manchen Reaktionen hier schon sieht, erreicht man dadurch nur Abwehr. Aber ich muss sagen, dass ich das wirklich gut finde, dass hier auch mal etwas kritischere Themen angesprochen werden. Irgendwie muss man einen weg finden sich darüber zu unterhalten ohne das es zu „moralinsauer“ wird. Ich freue mich schon auf den Beitrag und vllt bringt es ja andere Blogger auch dazu sich damit auseinander zusetzen.

  7. Ein interessanter Artikel. Viele distanzieren sich vom Pelz und Fellen, andere sprechen offen darüber, wie sie sich in Pelz fühlen. Wie wir das Thema behandeln, ist uns überlassen.
    Wer auf die Jagd geht, word wohl nie gegen Pelze sein. Wer Fleisch ist, zu Mc … geht, wird wohl auch Pelze mögen und tragen. Die Liste könnte lange sein.

    Hier geht es um die MOdewelt und wie wird damit umgehen. Models sprechen offen, was sie tragen, sie stehen dazu. Die Designer richten sich nach ihren Ideen und was von ihnen verlangt wird. Hier ist es einmal tierfreie Mode, wenige Jahre später ist Pelz wieder ein Thema.

    Selbst habe ich nichts gegen Pelze, trage ihn auch und verfolge die Fashion shows.

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