Kolumne: Digitales Ausmisten

17. April 2017 von in

Ausmisten ist auch ein Reinigen der Seele, ein Klären der Sinne, ein Befreien von Lasten. Dinge wegzuschmeißen, Besitz zu reduzieren und das zu Hause sauber und ordentlich zu halten hat im Rahmen der Minimalismus-Bewegung zu Recht einen neuen Stellenwert für uns bekommen, und Marie Kondo wurde nicht zu Unrecht Königin der Magic-Cleaning-Bewegung. Auch ich schaffe es mittlerweile immer besser, meine Wohnung von Unnötigem zu Befreien, das wegzugeben, was ich nicht brauche und Schmutz erst gar nicht groß entstehen zu lassen. In meine aufgeräumte Wohnung zu kommen, lässt mich regelmäßig vor Zufriedenheit erschaudern und bringt mir tatsächlich Energie für neue Ideen.

So saß ich also letztens an meinem schneeweißen, komplett abgeräumten Tisch, nur den Laptop, das iPhone und eine Kaffeetasse vor mir, da erschien die Nachricht des Grauens: „SPEICHER FAST VOLL. Sie können den Speicherplatz in den Einstellungen verwalten.“ All das, was ich jahrelang verdrängt und mit teueren, weil speicherfähigeren Geräten versucht hatte, unter den Tisch zu kehren, steckte in dieser Nachricht. Dieser grauenhaft schwarze Fleck meiner Ordnungsfähigkeit, den ich versucht hatte, in der digitalen Nichtsichtbarkeit zu verstecken, wurde Realität. Mein 128-GB-iPhone war voll, und zwar, wenn ich ehrlich zu mir war, voll von Schrott.

Ich brauche mir nichts vorzumachen: Meine iPhone-Speicherkapazität wird nicht von sauber geordneten Musik- und Hörbuchtiteln oder chronologischen Fotoalben mit erinnerungswürdigen Momenten meines Daseins in Anspruch genommen. Die Wirklichkeit heißt pures Chaos. Da wären zum Beispiel meine neun verschiedenen Email-Postfächer, die minütlich mit neuen Nachrichten gefüllt werden, die ich noch nicht mal schaffe, alle immer auch wirklich zeitnah zu lesen. Gelesen und beantwortet verbleiben sie dann regungslos im Posteingang, bis eine nichtmenschliche Computermacht sie ungeordnet in digitale Archiv-Postfächer verschiebt, was mir jedes Mal etwas unheimlich ist. Wo geht das alles hin? Und müsste ich da nicht mal etwas mehr Ordnung reinbringen?

Weiter geht es mit der Musik, die in diversen Playlists oder auch nirgendwo zusammengefasst wird, ich lade alles mögliche runter, was mir so in den Sinn kommt, und meinen roten Faden in dem Ganzen erkenne ich nur selten selbst. Aber das schlimmste, das nun wirklich allerschlimmste, ist der Foto-Ordner. Da wären zum Beispiel Selfieversuche, die meist in Zeitnot geschehen und seltsame Reihen von fast ähnlichen Bildern meiner Selbst zur Folge haben, die da einfach so stehen bleiben, in meinem Foto-Ordner, und die ich peinlich berührt schnell überscrolle, wenn fremde Augen mit in meine Fotos blicken. Da wären Fotoreihen aus der Freizeit, die einfach passieren, während man mit Freunden herumliegt und witzig drauf ist. Abfotografierte Briefe und Dokumente, die man Steuerberatern oder Müttern per Email schickt. Screenshots von Whatsapp-Konversationen (wer tut es nicht). Outfitfotos im Spiegel vor der Abendplanung. Blüten vor blauem Himmel, vor allem im Frühling. Diverse unretuschierte Szenen-Selfies und anderer Krimskrams, den Freunde so über Whatsapp verschicken. Video-Fetzen, die einst Insta-Stories waren. Und weiteres undefinierbares Fotozeug, was auf meinem Telefon sage und schreibe 67,42 GB einnimmt.

Die Erkenntnis, dass in meinem Telefon und genauso auf meinem Computer ein gigantisches Chaos herrscht, traf mich unerwartet in die Bauchgrube. Während meine Wohnung so wahnsinnig ordentliche Züge annimmt und ich mich in Selbstlob suhle und mich auch gedanklich ganz ordentlich und befreit fühle, ist in meinem digitalen Dasein eine Unordnung von so riesigem Ausmaß angewachsen, dass ich mich gar nicht traue, daran zu denken. Wie geht man eigentlich mit digitalem Chaos um? Und wie funktioniert eigentlich digitales Ausmisten?

Im Real Life haben wir zum Ausmisten allerhand Nützliches gelernt, was das digitale Chaos angeht stehe ich allerdings noch gewaltig auf dem Schlauch. Was mache ich mit all den Emails und vor allem Fotos, die meinen Speicherplatz verstopfen? Ziehe ich sie einfach ungeordnet in das Foto-Programm auf dem Macbook und lösche sie auf dem Handy? Wäre das möglich, würde ich es sogar in Erwägung ziehen, aber auch hier ist der Speicher voll. Dann also auf eine externe Festplatte? Oder setzt man sich auch angesichts der digitalen Unordnung hin und fängt an, aufzuräumen? Gibt es Menschen, die das im Griff haben, oder sollten wir alle ganz einfach auf den „Löschen“-Knopf drücken?

So wirklich weiter weiß ich nicht. Aber auch das digitale Chaos bereitet mir Bauchweh. Für einen klaren Kopf und ein gutes Gefühl in der Magengegend würde ich auch hier gerne ansetzen und Licht in das Ende des Datentunnels bringen – einen Anfang habe ich allerdings leider noch nicht gefunden. Nun also die Frage an euch: Mistet ihr auch digital aus? Oder gibt es Tipps und Expertenwege, da endlich mal so richtig Ordnung reinzubringen?

5 Antworten zu “Kolumne: Digitales Ausmisten”

  1. Hi Milena, deine Wohnung sieht ja echt super schick aus!
    Da ich immer zu geizig für mehr als 16GB iPhones war, musste immer wieder zwischendurch ausmisten. Das ist wie mit einer Wohnung und einem zu großen Keller: je mehr Platz, desto mehr verschwindet in reale oder digitale Untiefen… mittlerweile schiebe ich bei der „Speicher voll“ Meldung alles auf den Laptop, ziehe die zusammenhängenden eventbezogenen Fotoreihen raus (Abend mit Freunden, Bar XY, Pressday, etc.) und haue den Rest weg. Guckt man sich ja eh nie wieder an. ;) Mut zum radikalen digitalen ausmisten! Ich muss aber ehrlich gesagt im Real Life noch einige Ausmist-Skills dazulernen.

    LG Cornelia

  2. Ich sitze gerade vor meinem Laptop, und habe wirklich Angst, dass dieser demnächst anfängt zu rauchen. 150 Tabs sind geöffnet (leider keine Übertreibung), Musik in diversen Ordnern und ein absolutes Fotochaos! Kenne das Problem also zu gut und suche selbst nach Lösungen..

  3. Das geht mir sehr ähnlich. Meist schiebe ich dann alles in einer Nacht-und-Nebel Aktion schnell auf eine externe Festplatte, die ich mal sortiere, wenn ich Zeit habe – kurz gesagt: nie. Aber auch ich muss da dringend ein System finden. Dann sag ich dir Bescheid :) Auf dem Handy habe ich es zumindest zeitweise besser unter Kontrolle, denn auf jedem Flug gehe ich zumindest die Fotos durch und lösche was sich da do angesammelt hat.

  4. Hey Milena,

    ich sortiere definitiv auch digital aus. Die Erkenntnis traf mich vor ein paar Jahren. Auf meinen externen Festplatten bin ich schon immer sehr ordentlich gewesen. Sonst hätte ich nie etwas wiedergefunden. Außerdem ist mir schon zu oft ein Laptop abgeschmiert und ich stand dann da und wusste nicht wo all meine Datein verschwunden sind.

    Ich finde es sinnvoll thematische Ordner anzulegen. Und diese hierarchisch zu ordnen. Zum Beispiel habe ich für den Blog einen Dokumentenordner mit „Blog“ und dann geht es weiter in verschiedene Unterordner wie „Posts“, „Finanzen“, „Freebies“…. etc. Fotos habe ich nach Thema geordnet. Z.B. „Geburtstag 30“ oder „Blogpost xy“.

    Auf dem Handy habe ich nicht viel Speicherplatz, daher bin ich hier rigoros. Apps die ich länger nicht nutze, fliegen runter. Ich kann sie ja immer wieder herunterladen, wenn ich sie dann doch mal brauchen sollte. Was fast nie passiert. Und wenn ich irgendwo warten muss, surfe ich nicht sofort im Netz, sondern nutze die Zeit um unnötige Fotos zu löschen. Denn ganz ehrlich, die meisten Fotos braucht man eh nicht. Vor allem nicht in 1000 Ausführungen. Ab und an übertrage ich die geliebten Fotos auf eine externe Festplatte und lösche sie vom Handy.

    Aktuell sind fast nur Fotos von meinem Neffen auf meinem Handy, weil ich mir diese regelmäßig ansehe. Der Rest liegt gut behütet auf der Festplatte. Aber wichtig: Nicht jedes x-beliebige Foto behalten, sondern nur die, die eine Gefühlsregung auslösen. Löschen kann sehr befreiend sein. ;)

    Viel Erfolg beim digital detoxen und liebe Grüße,
    Bibi
    von http://happyandcity.blogspot.de

    • Das klingt soo gut und vorbildlich :) genau das mit dem regelmäßigen Löschen nehme ich mir auch immer vor, habe aber das Gefühl, es ist eh schon viel zu viel da…

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