Kolumne: Frauen, gebt euch die Faust!

4. Mai 2016 von in

Neulich habe ich wieder eine Begrüßung versäumt. Gemeinsam traf ich zufällig mit meiner männlichen Begleitung den Typen hinter der Kaffeemaschine. Die zwei gaben sich irgend einen sozial anerkannten Check zur Begrüßung und stellten sich zwei rhetorische Fragen: „Was geht?“, „Alles klar?“. Ich war überfordert von der Situation und lächelte freundlich aus der Ferne: „Hallo“. Eine außenstehende Person hätte gesagt, mein Freund sei mit dem Typen hinter der Kaffeemaschine gut befreundet, und ich hätte ihn noch nie in meinem Leben gesehen. Fakt ist aber: Wir kennen ihn beide gleich gut. Lange Zeit schob ich das auf meine soziale Inkompetenz. Heute glaube ich, dass diese womöglich dazu beiträgt, der Grund aber tiefer liegt: Männer, weist uns ein in eure Begrüßungsrituale und Frauen, nutzt sie ohne Scham!

Zwar haben wir die Möglichkeit, beim ersten Kennenlernen unsere Hand zu geben, beim zweiten darauffolgenden Treffen (unabhängig von unserem Arbeitsumfeld), tritt dieser Fall nur noch selten ein. Tatsächlich habe ich es mal versucht, Bekannten von mir die Hand zu geben. Die Reaktion darauf war gekränkt: „Wir kennen uns schon“. Neben dem Händedruck haben wir Küsschen, Küsschen und Umarmung als Begrüßungen zur Verfügung.

Männer, selbst gute Freunde, geben sich oft zur Begrüßung die Hand, schlagen dabei eventuell auf die Schulter des Gegenüber, sie geben sich die Faust, sie checken ein (mir fällt wirklich kein besserer Begriff dafür ein), sie geben Küsschen Küsschen, oder sie umarmen sich. Die Variationen geben ihnen die Möglichkeit, für jedes Treffen einer noch so bekannten oder unbekannten Person gewappnet zu sein. Und dadurch beim Gegenüber einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. So beobachte ich, dass mein Freund weibliche, distanzierte Bekanntschaften mit Küsschen, Küsschen begrüßt, gute Freundinnen umarmt, männliche distanzierte Bekanntschaften beim Vorbeigehen die Hand oder die Faust gibt, mit „Jungs von früher“ eincheckt und gute Freunde die Hand gibt und ihnen dabei auf die Schulter klopft.

Ich bin etwas neidisch darauf. Zwischen einem sehr distanzierten Handgeben, Küsschen Küsschen und einer warmen Umarmung, habe ich schlichtweg nichts. Je länger ich darüber nachdenke, umso wütender macht mich der Gedanke. Die Begrüßungsrituale tragen bei tieferer Überlegung einen extrem großen Faktor zum Feminismus bei. Die Tatsache, dass Frauen bis heute oft als Anhängsel gesehen oder gar übersehen werden, liegt darin, dass Frauen keine Möglichkeit haben, sich anständig und für jede Situation passend zu begrüßen und somit einen selbstbewussten Eindruck zu hinterlassen. Wenn ich durch mein Viertel laufe, möchte ich auch Menschen beim Vorbeilaufen die Hand geben, ihnen in die Augen sehen, „Alles klar“ fragen, weitergehen, ohne darauf schockiert gefragt zu werden, ob ich mich nicht an die Person erinnern könne. Ich habe keine Lust mehr, anderen schüchtern zu winken und „Hallo“ zu sagen oder als weibliches Anhängsel des Mannes gesehen zu werden.

Eine einfache Antwort wäre: Mach halt einfach. Das ist definitiv leichter gesagt als getan, aber vermutlich wahr. Die ersten Male wird es vermutlich unhöflich wirken, wenn ich Bekannten die Hand gebe, statt ihnen freundlich zu winken und es mag zunächst albern wirken, wenn ich jemandem die Faust gebe. Aber irgendwann möchte ich den Typen hinter der Kaffeemaschine genauso begrüßen wie meine männliche Begleitung, ohne dabei schief angesehen zu werden.

12 Antworten zu “Kolumne: Frauen, gebt euch die Faust!”

  1. Yeeees du sagst es! Erst neulich war ich in einer Runde mit Freunden sehr ratlos, wie ich die mir fremden Freundinnen meiner Kumpels begrüßen soll…Hand geben? So distanziert. Handklatscher? So männlich. Am Ende habe ich sie umarmt, was aber auch irgendwie komsich war. Oft führt es dazu, dass ich Menschen gar nicht begrüße – und unhöflich erscheine. Noch immer müssen wir als Frauen „vorgestellt“ werden, der Satz „Willst du uns nicht vorstellen?“ ist genauso 50er Jahre wie aktuell, leider.
    Das ist aber auch ein deutsches Problem, wie befreit war ich, als ich in Chile lebte: Ein schlichter Kuss auf die like Wange, immer, bei Fremden wie Freunden. Nicht zu viel geküsse, nicht so eng wie Umarmen, aber doch herzlich und vor allem: klar!

    • Ja, exakt meine Rede. Ich umarme aus meiner Hilflosigkeit heraus auch viel zu oft und komme mir dabei dumm vor, weil ich den Menschen eigentlich gar nicht wirklich kenne. Gar nicht begrüßen scheint mir dann manchmal auch die unkompliziertere Variante (ich glaube es ist sowieso klar, dass das nicht die Lösung sein kann)…

  2. I feel you girl. Ich sehe mich regelmäßig vor demselben Problem und habe bis dato noch keine gute Lösung gefunden. Vielleicht sollten wir einfach ein High Five geben, mit einem grinsen von einer Backe zur nächsten und dabei laut Hiii rufen. Das würde auf jeden Fall ’nen Eindruck hinterlassen.

    Liebst,
    Leonie

    http://www.allispretty.net

  3. Sehr guter Text und so schön die einzelnen Situationen geschildert in denen ich mich auch schon so oft gefragt habe, wie ich die Leute denn nun begrüßen soll. Hand geben ist ok beim ersten Treffen, und dann?
    Für mehr High Fives, einchecken (gute Beschreibung) und weniger schüchtern winken!

  4. Dass dir bei „checken ein“ kein besserer Begriff einfällt, wundert mich nicht… Vielen Dank für die feinen Beobachtungen.
    High Five (mit abschließender Pirouette zu deinen Ehren) aus Berlin!
    Philippa

  5. Guter Text! Danke dafür!
    Ich studiere an einer technischen Universität und komme sehr oft in diese Art von Situation… Alle Jungs geben sich lässig einen Handschlag und ich werde angelächelt oder umarmt… Aber selber handeln hilft: Ich habe schon oft darauf hingewiesen, dass man mich gleich begrüßen kann oder halte meine Hand zum Einschlagen bereit .. und immer öfter wird mir auch eine Faust gegeben. Aber wo du recht hast ist, das auch mal mehr unter Frauen zu machen … Wobei ich auch das versuche… Aber cool, dass du darüber schreibst! Ich dachte auch irgendwie lange, das sei nur mein Problem und andere Frauen würde das Thema nicht stören. Anders herum ist es ja auch ne doofe Situation für Männer allen einen ‚Check‘ zu geben und sich dann zu überlegen wie sie denn jetzt die Frau begrüßen..Auch die entspannte Frage ‚Was geht?‘ sollte universell einsetzbar sein & nicht gleich als männlich abgestempelt werden…..

  6. Megawichtiges Thema! In meinem Bekanntenkreis bekommen auch alle Frauen von den Männern die Faust oder das Einchecken, die (auch bei den Typen untereinander) manchmal mit einer Umarmung kombiniert wird. Freundinnen/gute Bekannte umarme ich, checke ein, gebe die Faust oder High five, je nach Stimmung, das ist also alles gar kein Problem.
    Generell gebe ich beim ersten Vorstellen Leuten eigentlich immer die Hand oder checke direkt ein, dann kann man ja beim nächsten Mal dabei bleiben. Wenn jemand nicht der Typ fürs Einchecken ist, gebe ich beim nächsten Mal halt wieder die Hand oder fasse begrüßend an die Schulter/den Arm, ansonsten sage ich halt einfach nur Hallo. Mit diesem „herzlich an den Arm fassen“ :D umgehe ich bei relativ unbekannten Menschen das Umarmen, wenn es sich (noch) nicht richtig anfühlt oder sie nicht der Eincheck-Typ sind. Manchmal ist es mir auch einfach egal und ich umarme neue Menschen einfach direkt, auch wenn man sich danach dann doch nie wiedersieht. :)

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