Kolumne: Was brauche ich wirklich?

6. Dezember 2017 von in

Nie zuvor hat Geld so eine bedeutende Rolle für mich gespielt wie dieses Jahr – von gestresst über nachdenklich bis hin zu entspannt waren ziemlich viele Emotionen dabei, und ich grübelte und grübelte immer mehr darüber nach, welche Rolle es denn nun eigentlich überhaupt einnehmen sollte im Leben, das gute alte Geld. Über Geld wird nicht gesprochen, und doch ist wird es spätestens am dem Zeitpunkt des Uniaustritts, der Ende letzten Jahres bei mir anstand, zu einem Thema, das ganz unterschwellig überall durchsickert, ums Eck herum zum Thema wird und plötzlich einen Stressfaktor darstellt. Denn während man zu Unizeiten noch das Studium als Ausrede hat, so vor sich hinzujobben und sich auszuprobieren, wird es danach schlagartig konkret, es geht um Jobs und Jahresgehälter und man versucht relativ verwirrt, seinen Platz in dem Ganzen zu finden. Lässt sich abspeisen, ergattert Traumjob, Traumgehalt oder manchmal vielleicht sogar beides, oder findet sich vielleicht auch als Freiberufler wieder, der bis zu einem gewissen Punkt die Wahl hat, wie viel es denn nun sein soll pro Monat.

Ein Gefühl dafür kriegen, was nötig und was möglich ist

Zum Jobstart gehört wohl nichts so sehr wie der ständige Vergleich, das Ausloten und nach links und rechts schauen, um sich und seine eigene Situation überhaupt einordnen zu können. Während das Thema Geld ja meist totgeschwiegen wird, finde ich es wahnsinnig wichtig, mit seinem Umfeld darüber zu sprechen, konkret zu werden und überhaupt ein Gefühl dafür zu kriegen, was nötig und möglich ist. Was viel oder wenig ist, kann man am Anfang nämlich genauso wenig einschätzen, wie die Frage, was man denn nun für diese oder jene freiberufliche Leistung verlangt, oder was Kollegen in derselben Branche aber einem anderen Unternehmen so verdienen. Seinen Wert zu kennen und dafür einzustehen ist schließlich gerade für Frauen ein nicht zu vernachlässigender Punkt.

Wie viel Geld brauche ich denn nun eigentlich wirklich?

Sich zu vergleichen, über Geld zu sprechen und nachzudenken ist das eine – sich dabei auf das Wesentliche zu konzentrieren allerdings der mindestens genauso wichtige Schritt. Denn genau das ist das Essentiellste, was ich in diesem Jahr gelernt habe: Mich selbst in dem ganzen Trubel um das Geld verdienen und das Erwachsenwerden nicht zu verlieren, sondern mich nochmal ganz neu zu finden. Zwischen all dem Vergleichen und Ausloten tendiert man nämlich schnell dazu, alles herausholen zu wollen, was geht – gerade als Freiberufler. Hier noch ein Job, hier noch eine Schicht, und schnell sieht man das Leben vor lauter Stress und falschen Ansprüchen nicht mehr. Ein gewisses Grundgehalt als Ziel zu haben, das man sowohl braucht als auch erreichen möchte, ist wichtig, keine Frage. In diesem Jahr lehnte ich allerdings zum ersten Mal einen Job ab – und fragte mich: Wie viel Geld brauche ich denn nun eigentlich wirklich?

Denn so sehr das Geldverdienen zum Erwachsenwerden dazugehört, so wichtig ist es auch, auf dem Teppich zu bleiben. Nicht blind einem Idealgehalt nachzulaufen, seinen Wert danach zu bemessen und die Ansprüche ohne Limit nach oben zu schrauben, sondern inne zu halten und zu überlegen: Was ist mir wichtig? Das kann täglich Essengehen sein oder nie, eine Reise pro Jahr oder zwei pro Monat, die Bio-Ernährung oder der Secondhand-Einkauf, das kann das Eigenheim sein, die 100-Quadratmeter-Mietwohnung oder das WG-Zimmer. Das kann viel sein, das kann wenig sein – die Hauptsache aber ist, dass man sich seiner Ansprüche bewusst wird.

Denn nicht die blinde Arbeit zum undefinierten Ziel, oder um einfach „ungefähr so viel wie die anderen“ oder gar „so viel wie möglich“ zu verdienen, und anschließend vor lauter Arbeitsfrust das Geld blind wieder herauszuwerfen, macht glücklich. Vielmehr ist es das richtige Maß, das man für einen selbst findet, was plötzlich für innere Ruhe sorgt. Keine Frage, das Älterwerden bringt so manche finanzielle Verpflichtung mit sich, was ein gewisses Mindestmaß an Gehalt nötig macht. Und wer für sich entscheidet, alles auf einmal zu wollen – von den Traumreisen bis zu den Designertaschen -, der ist vermutlich auch bereit, genug dafür zu arbeiten.

Was brauche ich, und was kann ich eigentlich völlig sein lassen?

Für mich war dieses Jahr ein Innehalten und Überlegen wichtig: Was brauche ich, und was kann ich eigentlich völlig sein lassen? Eine Zuhause, in dem ich mich wirklich wohlfühle, war für mich schon immer sehr wichtig. Jede Woche shoppen gehen hingegen nicht, vielmehr reduziert sich mein Klamottenkonsum immer weiter. Wenn ich neben der Miete große Beträge ausgebe, dann für Reisen – die Erfahrungen sind für mich einfach unbezahlbar. Auf Taxifahren oder ständig Essengehen kann ich dagegen ohne mit der Wimper zu zucken verzichten.

So hat sich nach und nach für mich herauskristallisiert, was ich wirklich will: Jobs, die mich glücklich machen und mich finanzieren, aber keine vollgepackten Wochen, in denen ich keine Luft zum Atmen, dafür aber am Ende des Monats ein bisschen mehr auf dem Konto habe. Eine Wohnung, die mein Zuhause ist, aber keine Designermöbel oder vollgestopften Schränke mit immer mehr materiellen Dingen. Die Möglichkeit, in meiner Freizeit zu verreisen, aber nicht in ein Luxushotel nach dem anderen. Zeit mit den Liebsten, aber keine Drinks in den schicksten Bars jedes Wochenende. Flexibilität in meinem Alltag statt Bürotage bis 20 Uhr.

Weniger zu brauchen macht frei

Die Liste lässt sich ewig weiterführen und ist die individuellste Entscheidung, die jeder für sich zu treffen hat. Wichtig ist dabei, ein Bewusstsein zu entwickeln und sich selbst zu hinterfragen – konsumiere ich blind, will ich einfach nur mithalten oder brauche ich all das, wofür ich arbeite, tatsächlich? Am Ende ist alles relativ – den einen macht das große Gehalt glücklich, den anderen die Freiheit. Den nächsten das eigene Auto, den anderen der minimalistische Kleiderschrank. Und natürlich gibt es für all das keine allgemeingültige Lösung – Lebensumstände ändern sich schließlich schneller als man denkt.

Wer allerdings anfängt, sich des ein oder anderen materiellen Bedürfnisses zu entledigen, merkt mit der Zeit: Weniger zu brauchen macht frei. Und nimmt den Druck, den wir uns ständig in unserem Hamsterrad von Verdienen und Ausgeben einreden. Und vielleicht ist man ganz plötzlich mit ein bisschen weniger Shoppen, Taxifahren oder Essengehen viel glücklicher, freier und entspannter – und kann die Momente, die überhaupt nichts kosten, auf einmal viel mehr genießen.

4 Antworten zu “Kolumne: Was brauche ich wirklich?”

  1. so schön, vielen Dank für den tollen Artikel. Ich stehe gerade am Anfang meines Studiums und muss nun ungewohnter Weise meine Ausgaben ganz schön zurückschrauben- war ich doch vorher das Arbeiten gewohnt. Aber auch hier merke ich schnell, dass der ganze Konsum doch viel weniger mit meinem persönlichem Glücksempfinden zu tun hat, als gedacht. Wenn man auf einmal von guter Naturkosmetik im High End Bereich zu Alverde umsteigt, den Kaffee außerhalb sein lässt und sich stattdessen bei der Freundin am Küchentisch trifft, dann merkt man mal wieder: Das sind nicht die Dinge die unser Glück bestimmen. (Sie machen natürlich trotzdem riesigen Spaß, keine Frage)
    Und das schöne ist ja, dass man sich immer irgendwie seinen Umständen anpassen kann. Nur sollte man immer wieder hinschauen, sind das noch die richtigen für mich?

  2. Der Artikel spricht mir aus der Seele. Ich bin gerade mit meinem Studium fertig und auf der Suche nach meinen erste Job mit dem Abschluss in der Tasche. Ich frage mich auch ständig, was brauche ich im Leben und was macht mich am Ende glücklich.

  3. Super Artikel! Frage mich auch gerade in dieser Hinsicht wie es weitergehen soll. Bin schon etwas länger in einem festen Beruf und konnte mir die letzten Jahre immer mehr leisten. Tolle Wohnung in einer schicken Gegend, Urlaub, teure Klamotten und Möbel. Nun stelle ich das alles in Frage. Vielleicht wäre es besser viel weniger zu arbeiten und ganz viel Freizeit ohne diesen ständigen Konsum zu haben.

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