Kolumne: Wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir

27. September 2017 von in

Für uns sind die Neuigkeiten, die wir hiermit verkünden dürfen, ziemlich schön: Unsere wunderbare Freundin, amazed-Mitschreiberin und Film- wie Feminismus-Expertin Jowa zieht vom Herzen Neukölls nach München, und das schon nächste Woche. Der Master ruft, und wir rufen auch ein kleines bisschen, denn wir freuen uns natürlich wahnsinnig über diesen Zuwachs. Das heißt für euch, dass ihr in Zukunft auf jeden Fall noch mehr von Jowa auf amazed zu lesen bekommt. Alle bisherigen Artikel von ihr findet ihr hier, ihr Intro hier, und jetzt gibt es ihre Worte zu Abschieden, Neuanfängen und zu Neukölln!

Ich habe beschlossen, Berlin zu verlassen. Nicht, weil’s mir hier nicht mehr gefällt, sondern weil es mir ein bisschen zu gut gefällt. Weil ich zum Versacken neige und hier alles zu bequem geworden ist. Und weil ich mich nun selbst austrickse und mich mit Schmackes aus der Komfortzone befördere. Seitdem ich vor gerade mal einem Monat die Nachricht bekam, dass ich an der Uni in München angenommen wurde, fühlt es sich an, als würde ich mit Neukölln Schluss machen oder zumindest eine Fernbeziehung anfangen, obwohl wir uns doch lieben – aber es liegt an mir, nicht an dir. Und wie das mit Abschieden nun mal ist, ist seitdem alles in ein ganz anderes Licht getaucht – als wäre ein Snapchat-Beautyfilter über allem. Der Endgültigkeitsfilter sozusagen.

Als ich damals mit gerade so zwanzig Jahren eher unfreiwillig aus meinem 300-Seelen-Kaff in Neukölln gelandet bin, war ich fast noch ein Baby. Ich wusste nicht, wie man eine Waschmaschine bedient und hatte noch nie eine Avocado gegessen (als vermutlich einziger Mensch innerhalb des Rings). Mit den vier Ikeamöbeln aus meinem Kinderzimmer zog ich mitten in die Sonnenallee. Berlin hat mich so lange überfordert, bis ich mich daran gewöhnte. Die Stadt hat mich damals als eine Art formlosen Klumpen in ihren Mund gesteckt und gemächlich auf mir rumgekaut, nur um mich jetzt, sechs Jahre später, wieder auszuspucken – irgendwie ganz schön mitgenommen, aber dafür in Topform. Es war nicht immer leicht. Aber jetzt fühlt sich Berlin ein bisschen an wie ein etwas zu entspanntes Elternteil, das einen aber trotzdem irgendwie groß gezogen hat und dem man dankbar dafür ist, dass es einem immer wieder die Chance gegeben hat, selbst auf die Schnauze zu fliegen. Tough Love. Und jetzt bin ich volljährig in Neuköllnjahren und gehe in die weite Welt jenseits des Rings und es wird mir klar, dass wir beide, Neukölln und ich, noch mehr aneinander hängen, als ich dachte.

Ein großer Organismus aus festgetretenem Kaugummi, Sterni-Deckeln und liegengelassenen Matratzen

Ich verpasse nachts den M41 und statt mich wie sonst darüber zu ärgern, gehe ich den Kilometer nach Hause die Straße entlang, als wäre es eine Pilgerreise. Ich huldige meinem Block. Ich atme die Sonnenallee und denke an all die Spätibesitzer und Dönerläden und Leuchtreklamen und Novolines und krummen Geschäfte und fühle mich als Teil des Ganzen, als wär alles ein großer Organismus aus festgetretenem Kaugummi, Sterni-Deckeln und liegengelassenen Matratzen. Ich frage mich, wie oft ich diese beschissene Straße eigentlich schon entlang gegangen bin, auf und ab, und mit welchen Gedanken ich einen Fuß vor den anderen gesetzt habe über die immer gleichen Pflastersteine, vor zwei, vier, sechs Jahren. Irgendwie bin ich krass geworden, denke ich mir. Vergleichsweise. Vielleicht muss man nur oft genug die Sonnenallee hoch und runter laufen und wird dadurch automatisch krass.

Die Stadt scheint plötzlich alte Geschichten auszuspucken. Anekdoten springen mir aus jeder Straßenecke mitten ins Gesicht. Mama Berlin erzählt von früher. In der Kneipe da drüben hab ich mal um fünf Uhr morgens eine Freundschaft fürs Leben geschlossen, da vorn lag ich mal im Gras mit dem schlimmsten Liebeskummer meines Lebens und im Kellerclub da drüben waren wir früher immer auf schlechten Elektroswingparties voll mit besoffenen Erasmusstudenten. Ich verabschiede mich Stück für Stück und weiß eigentlich gar nicht, was das jetzt bedeutet. Es fühlt sich an wie der Beginn von einer polyamoren Fernbeziehung. Erste, zweite, dritte Heimat: Ich fang jetzt an, zu sammeln.

Meine Freunde schauen mich plötzlich mit diesem Blick an. Er sagt irgendwas zwischen „bitte geh nicht“ und „fick dich doch“. Ich hab das Gefühl, je näher der Tag des Abschieds rückt, desto mehr Bier trinken wir und desto länger umarmen wir uns. Nichts ist mehr selbstverständlich und alles ist schön und tut ein bisschen weh. Selbst den härtesten Thugs rutscht jetzt sowas raus wie „musst du echt gehen?“.

Und hätte ich nicht beschlossen, zu gehen, dann hätte ich all das verpasst

Diese Sentimentalität kenne ich gar nicht von mir, aber wisst ihr was? Es ist echt schön. Und hätte ich nicht beschlossen, zu gehen, dann hätte ich all das verpasst: diesen Endgültigkeitsfilter und die Anekdoten und die langen Umarmungen. Und das Gefühl, plötzlich mehr zu Hause zu sein als je zuvor.

Was ich damit sagen will? Abschiede sind so viel besser als ihr Ruf. Wir sollten weniger zögern mit dem Verabschieden – am Besten, wenn’s gerade am Schönsten ist. Im Angesicht des Endes sieht man nämlich plötzlich alles ganz klar: Man kommt mit Nichts und geht mit Nichts als Dankbarkeit. As cheesy as it sounds. Das ist mein Plädoyer fürs Gehen – und fürs Wiederkommen. Denn wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir – und der andere holt sich ein Sterni und ’nen Dürüm (Salat alles) Ecke Erkstraße.

6 Antworten zu “Kolumne: Wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir”

  1. „Endgültigkeitsfilter“ – prima Wortschöpfung und schöne Hommage an Abschiede und Veränderung (wohne seit 17 Jahren in Neukölln und meine Liebe wird immer noch von Tag zu Tag größer).

  2. Ich ziehe morgen in einen anderen Stadtteil (!) und es fühlt sich an, als würde ich meinen jetzigen verraten. Und ansonsten ziemlich genau so, wie du es beschreibst. Oh mann.

  3. Schöner Text, der genau meine Gefühlslage trifft. Ziehe bald von Stuttgart nach Hamburg. Hätte nicht gedacht, dass das jetzt schon gefühlsmäßig so viel mit mir macht. Darauf ein Sterni, das es hier leider nicht gibt.

  4. „Die Stadt hat mich damals als eine Art formlosen Klumpen in ihren Mund gesteckt und gemächlich auf mir rumgekaut, nur um mich jetzt, sechs Jahre später, wieder auszuspucken – irgendwie ganz schön mitgenommen, aber dafür in Topform.“

    Ein Text voller Wortperlen. Wunderschön geschrieben!

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