Kolumne: Zerstören wir die Werte unserer eigenen Kinder?

6. September 2017 von in

Neulich sah ich mir eine Instagram-Story einer jungen Mutter an. Sie hatte sehr lange Wimpern-Extensions, ein stark geschminktes Gesicht, lange, gelockte Haare und voluminöse Lippen, die sie erst wenige Tage zuvor mit Hyaluronsäure in Form hatte spritzen lassen. Eine junge Mutter mit dem Aussehen unzähliger weiterer Influencerinnen und Hollywood-Stars, das sich an allen gängigen Schönheitsidealen des Mainstreams orientiert. In ihrer Story beschäftigte sie sich mit der Äußerung einer Anhängerin, die ihre Vorbildwirkung auf ihre wenige Monate alte Tochter infrage gestellt hatte. „Warum sollte mein Kind eine bessere Mama haben, wenn sie hässlich ist oder sich gehen lässt“, fragte sich die Influencerin. So hätte ihr Mann sie schließlich auch kennen und lieben gelernt, und sie würde niemals auf die Idee kommen, sich jetzt nach der Geburt gehen zu lassen und dick zu werden, denn genau daran scheiterten bekanntlich viele Beziehungen. Und dass ihr Äußeres einen schlechten Einfluss auf ihre Tochter haben könnte, das glaube sie nicht.

Diese Überlegungen brachten mich zum Nachdenken. Eine Reaktion einer weiteren Anhängerin erst recht: ihre Mutter habe sich, als sie sehr jung gewesen sei, die Brüste vergrößern lassen und es nie angesprochen. Sie selbst sei mit extremen Brust-Komplexen aufgewachsen, weil sie die Brüste ihrer Mutter als normal empfunden hätte, und habe sich sofort mit 18 Jahren auch ihre eigenen operieren lassen.

Unzufriedenheit, Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexe

Nun kann man es der jungen Mutter auf Instagram zugute halten, dass sie weder ihre Wimpernextensions, noch das Aufspritzen ihrer Lippen verschleiert und offen damit umgeht, so wie es auch viele Influencer tun, viele wiederum nicht. Das, was in der Flut an perfekten Gesichtern, perfekten Körpern, perfekten Wohnungen und perfektem Lifestyle allerdings so und so am Ende bleibt, sind Unzufriedenheit, Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexe bei den Konsumenten. Das sind wir selbst, die Blogs und Instagram benutzen, die aber, wie ich mir seit Langem einrede, differenzieren können. Das sind auch Teenager, die mit diesen neuen Idealbildern, die zum Greifen nah scheinen, aufwachsen, und viel weniger differenzieren können. Das sind aber vor allem auch, und das wurde mir ganz schlagartig klar, unsere Kinder, die mit dieser Social-Media-Welt aufwachsen werden. Einer Welt, in der es zwar Body-Positivity- und Feminismus-Bewegungen gibt. Aber die vor allem überflutet wird von unechter Perfektion.

Früher waren Stars die Messlatte – viel schöner und perfekter als wir alle, viel erfolgreicher und mit einem beneidenswerten Lifestyle. Sie verkörperten Ideale, an die wir als Heranwachsende mit Selbstbewusstseinsknacks niemals heranreichen würden, allerdings war das auch stinknormal so – es waren schließlich Stars, die per Definition schon in einer anderen und für immer unerreichbaren Liga spielen. Heute wird genau derselbe Lifestyle auf Social Media allerdings von allen Seiten propagiert, teure Reisen, teure Taschen, teures Essen und ewige Freizeit, und auch die Schönheitsideale sind die unserer alten Stars: in Form gelockte Wallemähne, lange Wimpern, aufgespritzte Lippen, tolle Körper. Der gravierende Unterschied: All das wird nicht mehr von den unerreichten Stars verkörpert, sondern von den Bloggern. Influencern. Von denen, die eigentlich genau so sind wie wir alle, auf deren echte Meinung und echte Erfahrungen wir uns einmal verlassen konnten. Die ganz normale Leben führten – bis alles seinen Lauf der Professionalisierung nahm.

Einfluss auf unsere Zufriedenheit. Auf unser Selbstwertgefühl. Und auf die Werte unserer Kinder.

Was man auf Social Media zu sehen kriegt, ist nicht das wahre Leben – doch den Eindruck bekommt zumindest das Unterbewusstsein trotzdem. Dass hinter vielen großen Influencern gute Pressekontakte, reiche Eltern, reiche Ehemänner, bearbeitete Fotos und der ganz subjektive Tunnelblick auf die ausschließlich schönen und erfolgreichen Seiten des Lebens stehen, ist vielen klar, doch ändert es nichts an dem Einfluss, den diese Influencer auf unsere Zufriedenheit haben. Auf unser Selbstwertgefühl. Und auf die Werte unserer Kinder.

Ich mag der jungen Mutter auf Instagram die Fähigkeit, ihrer Tochter die richtigen Werte zu vermitteln, absolut nicht absprechen. Auch eine Pamela Anderson mag es vielleicht hinkriegen, dass ihre Kinder nicht mit Komplexen aufwachsen und falsche Brüste brauchen, schließlich kommt es nun eben nicht nur auf das Äußere eines Menschen an, sondern auch auf die innere Reflektiertheit, die man seinen Kindern mitgeben kann. Und einer Frau, die ich nicht kenne, auch nur irgendeine Fähigkeit abzusprechen, weil sie große Brüste, aufgespritzte Lippen oder lange Wimpern hat, verurteile ich zutiefst. Die Bedeutung, die sie ihrem Äußeren in Zusammenhang mit dem Erfolg ihrer Beziehung gibt, ist wieder eine andere Sache.

Es ist nicht eine Mutter, die ihrem Kind vielleicht falsche Werte vermittelt. Es ist die unausweichliche Flut an falscher Perfektion, die Social Media uns jeden Tag servieren. Jetzt schon und in der Zukunft noch viel mehr sind es die sozialen Medien, die unsere Kinder miterziehen. Und die ihnen von Beginn an ein unrealistisches Weltbild vermitteln werden. Heute sind es nicht mehr die unerreichbaren Stars, die sich Botoxen und die Lippen machen lassen. Heute ist es jeder zweite Nutzer auf Instagram, der das Mädchen von Nebenan verkörpern will und seinen Followern mitgibt: Du kannst das auch! Du brauchst nur #mondaymotivation, To-Do-Lists und jeden Tag Acai-Bowls, und sowieso bin ich ja auch ganz verplant wie jeder andere. Jede Wohnung auf Social Media hat gefühlte 150 Quadratmeter, jeder Körper einen Thigh Gap, jedes Gesicht reine Haut. Dass das alles nicht echt ist, das wissen wir. Aber werden es auch unsere Kinder wissen?

Bilder in der Collage: Bekleidet (mit einem sehr empfehlenswerten Artikel zum Thema), louisa.ldr, _justynaniko_, alixcherry

 

7 Antworten zu “Kolumne: Zerstören wir die Werte unserer eigenen Kinder?”

  1. Naja, das ist doch genau das Ding. Unsere Aufgabe ist es doch, unsere Kinder dahingehend zu erziehen, erstens nicht alles zu glauben was man ihnen im Internet suggeriert, und zweitens ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln, das sich nicht durch Wimpernextensions und Schöner Wohnen – Lofts erschüttern lässt. Und vor Allem geht es doch darum, ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr ganz eigenes Schönheitsempfinden zu entwickeln. Ich glaube man muss seine Kinder einfach darauf schulen, selbstständig zu entscheiden, wie sie das Ganze einschätzen.
    Dieses Influencer Getue ist doch alles Marketing, eine neue Art von Werbung, nicht mehr oder weniger. Ich sehe viele dieser Instagrampersönlichkeiten nicht als einzelne Personen, sondern als Produkte, was vielleicht oberflächlich und gemein klingt, aber einfach meine persönliche Art des Umgangs mit dieser vermeintlichen Perfektion ist.
    Und wer weiss ob es diese Art von Werbung in 5 Jahren noch gibt, oder wir uns da schon über ganz andere Dinge dieser Art ärgern.

    • Ich bin auch sehr gespannt, wie das alles in 5 Jahren aussehen wird und ob bestimmte aktuelle Hypes nicht doch platzen werden. Je reflektierter wir damit umgehen, desto besser können wir auch unsere Kinder in dieser Hinsicht erziehen. Ich denke aber, dass der Umgang mit Social Media ein sehr wichtiger Faktor in der Kindererziehung werden wird.

  2. stimme dir absolut zu, wenn man die bilder betrachtet, weiß man ja, dass es gestellt ist/nur das beste ist/etc. aber die flut macht es aus, und das unterbewusstsein nagt daran. man kann sich noch so fest vornehmen, kritisch zu sein – manchmal muss man einfach hart sein und „ausmisten“. der unfollow-button läuft momentan heiß bei mir. wenn es mich nicht glücklich macht, kommt es weg. und wenn es meine alte schulkollegin ist! liebe grüße

  3. Ich finde, man sollte das alles nicht so schwarz sehen. Auf der einen Seite gibt es zwar diesen Instagram-Perfektionismus, auf der anderen Seite aber auch genügend Elternblogger, Lifestyleblogger und andere, die eben nicht mit aufgespritzten Lippen etc herumlaufen. Wer intelligent genug ist, der erzieht seine Kinder zu reflektierten Menschen. Da ändert auch Youtube und Instagram nichts daran, ob mein Kind verroht oder nicht – es ist meine Aufgabe und meine Pflicht sie zu reflektierten und intelligenten Menschen zu erziehen. Und ehrlich – ich schaue mir gerne schöne Wohnungen auf Instagram an, für mich ist das Inspiration. Ich finde es nämlich auch schön, dass Instagram es möglich macht, in die Leben anderer Menschen hineinzuschauen. Ich finde es ist ein Ort der Inspiration, es sind schöne Fotos und jeder kann sich doch aussuchen, wem er folgt. Es sind eben nicht nur die unerreichbaren Prominenten, die einem ein schönes Leben vorgaukeln, das man selbst nie haben kann, sondern es sind „normale“ Menschen, die schöne Fotos machen, sei es von ihrer Wohnung, ihrem Essen oder eben ihrer Acai Bowl. Deswegen fühle ich mich aber nicht schlechter oder strebe einem Perfektionismus hinterher, der nicht real ist. Wer so etwas macht, der macht das auch ohne Instagram. Vielleicht sollte man dieses Medium so nehmen wie es ist – als reine Plattform des Konsums und der Inspiration. Ich glaube nämlich, dass das ganze Instagram-Bashing und die vermeintliche Verrohung unserer Werte genauso ein Hype ist wie aufgespritzte Lippen und tigh gaps auf Instragram …

  4. Wer hat überhaupt entschieden, dass das Perfektionismus sein soll?
    Ich verstehe nicht warum das nicht, wie vieles anderes, als schlechter westlicher Witz angesehen wird.

  5. Sehr interessanter Artikel, der mich zum Nachdenken anregt.
    Ich sehe das Ganze so: Wir sind doch am Ende die, die unsere Kinder von Sekunde 1 an auf diese Welt vorbereiten. Und dazu gehört auch jedem Kind zu vermitteln, dass es super ist genauso wie es ist.
    Ich glaube fest daran, dass ein Kind, dass mit viel Liebe und Zuneigung aufgewachsen ist, zu einem selbstbewussten und reflektierten Menschen wird, der ganz genau weiß, dass auch schmale Lippen wunderschön sind und geküsst werden und kein Körper nur eine Kleidergröße ist.
    Aber es ist natürlich schon so, dass jeder mal einen schlechten Tag hat und mit Selbstzweifeln kämpft und ich für meinen Teil öffne Instagram dann einfach mal nicht, weil es mir auch gehörig auf den Keks geht, dass da alle schön, dünn und reich sind. Aber ich denke solange man selbst gelernt hat mit sich happy zu sein, können wir und auch unsere Kinder diese Scheinwelt vom echten Leben unterscheiden.

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