Lese-Tipp: Die Epilog

14. April 2017 von in

„Wie wir leben, lieben und arbeiten wollen – all das steht nicht in diesem Heft. Diese Geschichten sind zu oft erzählt worden über Generationen. Wir wollen in diesem Heft herausfinden, was Altersgemeinschaften zusammenhält, wie sie entstehen und vergehen.“ Wir haben nun viele Jahre über unsere Generation gelesen und darüber, wie wir sie definieren sollten. Aber wir sind älter geworden und keine Teenager mehr, die nicht wüssten, wohin. Wir sind womöglich Erwachsene, die nicht wissen, wohin. Aus all dem Wirrwarr entstand die sechste Ausgabe „Generation“ von Die Epilog, einem zeitgenössischen Magazin, das dem Begriff „Magazin“ nicht gerecht wird. Lasst es uns „Buch“ nennen.

„Dekonstruieren, was für unsere „Generation“ gehalten wird — und rekonstruieren, was am Ende davon übrig bleibt.“ Play, Pause, Rewind, Fast Forward – in vier Artikeln beschreiben großartige Redakteurinnen und Redakteure die Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart ihres Lebens in Form von Gedichten, Artikeln und Kurzgeschichten. Es werden Coming-of-Age- und Coming-Out-Stories erzählt, der Lebensstil „Nicht mehr – aber noch nicht“ definiert, über Lebenspraktikant*innen sinniert, und Verweiger*innen kommen zu Wort. Die Epilog ist nicht nur eine nostalgische Sammlung unserer Vergangenheit: Fotostrecken, die mittlerweile unbrauchbare Gegenstände unserer Vergangenheit neuen Nutzen geben. Erste Alkoholerfahrungen. Adam Green. Die Epilog ist nicht nur ein Spiegel unserer Gegenwart: Die Kindheit als Rückwärtsutopie, die Generation Praktikum, Haarausfall. Das Buch ist eine angriffslustige und radikale Kunstlektüre, die runtergeht wie Butter.

Ich lese das Buch in einem Schwung durch und bekomme wieder keine Antworten. Aber gleichzeitig habe ich auch vor langer Zeit aufgehört, zu versuchen, Antworten zu bekommen. Stattdessen bekomme ich viele neue Fragen – die mag ich streng genommen sowieso viel lieber als die Antworten (die machen manchmal die Frage kaputt). Ich bekomme außerdem eine wunderbare Zeit mit mir selbst, in der ich lachen kann, nachdenklich sein und mich in neue Welten katapultieren kann. Und ich bekomme einen fantastischen Schluss, den ich mir so oft in so vielen Büchern gewünscht und so selten bekomme habe. Einen Schluss, einen Nachruf, der so gut ist, dass ich ihn mit euch teilen möchte.

„Liebe Leserinnen und Leser,
hier sollte ein Nachwort stehen, aber wann wird man schon, was man werden soll. Es ist ein Nachruf. Auf die Zuschreibung durch andere, Ältere. Uns hat niemand gefragt, aber wir wollten trotzdem den Mund aufmachen. Wir wollten mutig sein und waren auch nur naiv, wollten neue Begriffe finden und alte zerlegen – Kohorte, Milieu, Kaste, Haltung, so was -, eben von uns reden, ohne „wir“ zu sagen. Und haben ein Grab geschaufelt: für die Generation. So als Wort. Als Klumpen. Als das Wir, das Du sein sollst. Und ich. Weil Oma und bento sich da ausnahmsweise einig sind, und das Chaos so schön überschaubar wird, wenn man Häufchen bildet. Sorry Mutti, ze.tt und Du Welt, die wählt, wer einfache Antworten gibt oder (besser noch) gar keine Fragen stellt – hier ist, was wir anbieten können: Es bleibt kompliziert.

Das Problem am Abschließen ist ja, dass nichts mehr übrig ist, worüber man sich Gedanken machen kann. Aber Denken ist geil und außerdem unser Business. Kein Ende in Sicht? Fetzt, jede menge Holz! Wir sahen schon die Synapsen glühen – aber call me blind but I didn’t see it coming: Dieses Heft war ein Brocken. Bilanz? Wenn schon Alterskohorte, dann: Alter, Kohorte? Wir wissen viel, aber davon zu wenig. Das wissen wir selbst und eins ist ganz sicher: Wir haben uns lange genug sagen lassen, wer wir sind. Es wurde Zeit, zu sein. Wir sind Netto und bio, Bluthochdruck und blaue Lippen, XYZ und der erste Buchstabe im Alphabet, wir sind mit uns beschäftigt und reden drüber, hören Vinyl, Kassette, CD und Spotify und manchmal spielen wir auch selbst Gitarre, wir schwimmen, aber nicht ziellos, sind viele, aber eine*r fehlt immer, wir sind Ariana Zustras Spritztour ohne Führerschein und Lydia Schmieders Patchwork-Ich, wir sind Thomas Martins „Wozu waren? Man kann zu Lebzeiten schon als man selber gehen“, und wenn wir nicht übernehmen, haben wir uns dafür entschieden. Jetzt zählt man nach: Wir sprengen hier schon jede Sieben-Punkte-Liste. Und am Ende dieser unendlichen Geschichte sind wir Die Epilog: ein Versuch, aus dem Wir das Beste machen. Das ist nicht das schlechteste Angebot. Hier sollte ein Nachruf stehen. Aber wann wird man schon, was man werden soll. Ich koche Kaffee, du schwarzen Tee, er trinkt Club Mate, sie kommt ohne alles hoch. Was schlussendlich zählt: Wir fangen an.“

Dem ist eigentlich nichts hinzu zu fügen. Außer, dass es Die Epilog hier zu kaufen gibt – und dass es sich lohnt. 

 

 

2 Antworten zu “Lese-Tipp: Die Epilog”

Schreibe einen Kommentar