schublado

Schubladophobie

21. Juni 2016 von in

Ich bin wirklich ein entspannter Typ. Aber wenn mich jemand in eine Schublade steckt, drehe ich durch. Ich kann da gar nix dafür. Da gehen in meinem Kopf lauter rote Warnlampen an, ein paar Sirenen und diese Sprinkleranlagen an der Decke. Und ich steh da, ganz nass und wütend. In meinem eigenen Dampf. Ich weiß gar nicht, woher das kommt. Das war schon immer so, stand sogar in der Abizeitung über mich. Vielleicht bin ich als Kind mal in eine Schublade gefallen und nicht mehr rausgekommen.

Ich versuche euch das mal zu erklären. Mensch trifft Mensch, Gespräch. Einer sagt, er geht gerne in die Berge. Dann der andere so: „Oh, du bist also ein Outdoortyp!” ZACK, Schublade zu. Er sagt, er war neulich im Wald, sie sagt, sie ist leider Stadtmensch. ZACK, Date over. Jemand sagt, er ist single. ZACK, Schublade zu „Kein Beziehungsmensch!” Jemand sagt, er steht auf Techno” – ihr könnt es euch denken: ZACK ZACK ZACK. Ständig krachen diese verdammten Schubladen zu. Die Welt ist voller Post-Its mit irgendwelchen standardisierten Labels. Anscheinend verstehen wir sonst nichts. Wir brauchen das. Ach, du bist also Typ Mensch 1. Der gestern war ja Typ 2.

Wenn man also gerade keine Lust auf Erdbeeren hat, ist man gleich der Gemüsetyp. Und wenn man mehr als nur einen Job oder Wohnort hat, ist man der Unentschlossene. Kaum bist du nachts auf, bist du ein Nachtmensch und demzufolge kein Morgenmensch mehr. Das gleiche gilt für den „pünktlichen Typ“, den „Ordnungstyp“, und meinen Liebling, den „Planungsmensch“ (die dürfen nämlich nicht spontan sein). Es ist eine Pest, wirklich. So primitiv. So beschränkend, mich macht das krank. Bloß weil du damals in Mathe nicht aufgepasst hast, heißt das nicht, dass du nicht der Typ dafür bist. Geschweige denn, dass du es niemals können wirst. Nur, weil die deine Mutter nervt, heißt das nicht, dass du kein Familienmensch bist. Nur weil Katzen vor dir weglaufen, heißt das nicht, dass du ein Hundetyp sein musst. Wenn du jetzt und hier mit jemandem schlafen willst, bist du nicht grundsätzlich ein One-Night-Standler. Was ist das für eine verschrobene Dialektik?!

Ich finde Black Milk und Sinuous fantastisch, bin ich dann gleich Hip Hopper? Muss ich dann in deinem Kopf auch immer Baggie Pants und eine Cap anhaben, damit dein Weltbild zusammenpasst? Dieses bescheuerte Schokolade-oder-Vanille-Spiel. Irgendwann gipfelt das in einem „Ich könnte nie mit einem Typ X zusammen sein.“ Gerade heute lief mir wieder so ein First World Artikel über den Weg: „Ich würde nie einen Typ mit Dialekt…“ Was ist denn das bitte für ein – Pardon – SCHEIß! Das Leben ist nicht so schwarz-weiß, wie ihr es gern hättet. Die Liebe erst recht nicht. Eure schwindeligen Beziehungen vielleicht, gut. Aber beim Rest brauchen wir mehr grau, bitte. Ich bin Typ grau. Team Grau. Für immer. Wir sind Menschen, wir sind so vielschichtig wie bunt wie unberechenbar. Sonst wären wir Algorithmen oder Merkels Neujahrsrede. Ein bisschen mehr Menschenkenntnis bitte.
Ich will Gipfelkreuze UND Dachterrassen. Ich will Schoko UND Vanille. Ich will ein Brot mit Nutella UND Himbeermarmelade UND Pflaumenmus auf einmal, in Streifen. Ich will Kochen UND Pizzabestellen. Salat UND Steak. Kaffee mit Zucker UND ohne. Wow, manchmal sogar mit Milch. Sport UND Schreibtisch. Party UND Sofa. Fancy Business Dinner UND verrauchte Bar um 4. Sternehotel UND Draußenschlafen. Ich will Rachmaninow UND Sprayen. Jazz UND Disney. Meine Güte, ist das so schwierig zu verstehen? Früher war man halt Schmid oder König oder… Fräulein. Flache Profile. Heute können wir alles sein, was wir wollen. Sagen doch immer alle. Dann muss es doch dafür auch endlich Platz in der Gesellschaft geben!

22 Antworten zu “Schubladophobie”

  1. Sowas von wahr und einfach nur mega gut geschrieben! Danke, dass du Teil des amazed-Teams geworden bist – jetzt bin ich noch größerer Fan der Seite als ich es sowieso schon war ;)

  2. Du sagst es! Mir geht das auch auf den Keks.
    Vor allen Dingen, wenn man dann mal irgendwas erzählt, was man gemacht hat, und der andere gleich kontert: „Aber ich dachte, du magst kein …“. Bei manchen Menschen habe ich das Gefühl, man redet sich um Kopf und Kragen, weil sie nur Schubladen können. Ich habe eine Freundin, die ich mag, aber die mich mit diesen Schubladen wahnsinnig macht. Mittlerweile halte ich mit Aussagen über mich zurück – vor allen Dingen mit spontanen und unüberlegten. Damit können manche nicht umgehen.;)

    Hmmm … müsste ich auch mal ´nen Blogbeitrag drüber schreiben. Mal schauen, ob in meiner Reihe #wertekatalog bald mal ein passender Begriff dabei ist.
    lg,
    Sarah

  3. Hihi, da bist Du meiner Schwiegermutter noch nicht begegnet ;-)
    Ich schiebe rohe Zwiebel vom Salat – ich bin allergisch gegen Zwiebeln.
    Ich verweigere das Eis aus dem Supermarkt nach Kaffe und Kuchen – ich mag kein Eis usw.
    Ich glaube, das „Schubladisieren“ ist eine Krücke für Menschen mit schlechter Menschenkenntnis bzw. für solche, die sich eigentlich nicht die Mühe machen wollen, jemenden wirklich kennenzulernen.

  4. Guter Punkt. Was ich mich manchmal frage, wie ist das mit Gruppen. Nehmen wir mal Freundschaften. Ich habe das Gefühl, manche Gruppen sind nicht offen für alles. Da sind auf der einen Seite zum Beispiel die Alternativen/Künstlerischen/Unangepassten/ „Hipster“ (falls man das noch sagt.) und dann zum Beispiel die Mainstream Leute/ „Schicki-Micki“. Ich habe das Gefühl, da gibt es bei vielen keine Durchlässigkeit, sie lassen Leute aus der „anderen Schublade“ nicht in ihre Gemeinschaft rein. Oder grenzen sich ab, reden negativ über den anderen „Schubladeninhalt“. Bestes Beispiel gerade bei Instagrammern. Die einen sind die Selfie-Tussis ohne Individualität mit langweiligen Modestrecken-Outfits und die anderen intellektuell und individuell. Aber jede Gruppe hat auch wieder eine recht einheitliche Bildsprache, bleibt unter sich. Warum kann man nicht beides sein, sondern muss immer einer Gruppe angehören, die sich abgrenzt und die Schotten dicht macht…Wieso eigentlich ….:)

    • Ich schätze, weil man halt nicht so viel miteinander anfangen kann, die gemeinsamen Nenner sind zu klein. Ich finde auch, dass die Grenzen zumindest semipermeabel sein sollten. So halte ich es zumindest.

  5. Nun muss ich mich hier doch tatsächlich einmal zu Wort melden:
    Grandios! Kann ich nur zustimmen.
    Ich mag wie du schreibst, diesen Text und alle anderen davor mochte ich auch schon.
    Gutes neues Team-Mitglied!

  6. Ich versteh soo gut, was du meinst! Und toll geschrieben! Ich glaube deine Schubladenphobie ist mein Hass auf Charakterisierungen. Da lern ich also in der Schule, dass ich vom Aussehen, Verhalten, Platz in der Gesellschaft auf den Charakter schließen kann, muss und es nicht meherere Möglichkeiten dabei gibt.. AHHH!

  7. Ein superklasse-grandios-wunderbarer Artikel! Bitte mehr davon, ganz bald, ja? :)
    Inhaltlich habe ich da leider nichts Produktives mehr beizusteuern – du hast alles gesagt, mehr als deutlich.

    Liebe Grüße
    Jenni

  8. Ganz toll geschrieben, noch toller der Inhalt. Vielen Dank dafür Nils, eine wahre Bereicherung für das Team hier!
    Lieben Gruß, Olga

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