Short Cut: Unterschätze nicht das Mittelmaß – eine Geschäftsidee

10. November 2017 von in

Eine Kurzgeschichte von Amelie

3.05.2031

Ich wusste, dass ich heute meinen letzten Arbeitstag antreten würde. Ich räume meine Tasse in die Küche. Sie ist weiß, sehr flach und hat keinen Henkel. So sehen eigentlich alle unsere Tassen aus. Das macht sich ziemlich dekorativ am Arbeitsplatz, allerdings erschwert die übersichtliche Form das Kaffeetrinken, weil so wenig Platz für Kaffee ist. Ich schalte den Bildschirm aus und sehe mich prüfend um: das war’s. Früher hatten mir all die Filme Angst bereitet, in denen die Protagonisten gefeuert werden und mit einem Karton voller persönlicher Gegenstände in den Händen die Blamage bis nach Hause über sich ergehen lassen müssen. Sie schlurfen dann durch die alten Büroräume mit ausgelegtem Teppichboden und Wasserspendern auf den Gängen und blicken noch einmal sehnsüchtig zurück. Wohlwissend, dass sie mit diesem einen Karton ihre gesamte Existenz aus dem niederträchtigen Gebäude vorsorglich verstaut in den Mülleimer werfen werden. Inklusive einer welken Zimmerpflanze, die in den Filmen immer aus dem Karton hervor luhrt.

Jetzt merke ich, dass ich doch gerne so einen Karton hätte, der Dramatik wegen. Allerdings gehört mir nichts in dem Laden. Steht ja sowieso kaum was drinnen: Die Vitra-Stühle versucht die Magdalena schon seit Monaten auf Ebay Kleinanzeigen zu verkaufen, aber die will keiner. Da kauft man zwanzig Stühle für ein Schweinegeld, weil Investition, und die machen sich dekorativ am Arbeitsplatz, und jetzt sind die Dinger überhaupt nichts mehr wert. Nicht mal der Computer, an dem ich die letzten Jahre gearbeitet habe, ist meiner. Ich stecke meine externe Festplatte aus und verschwinde. Das war’s. Keine Bilderrahmen, keine Bücher oder Postkarten. Scheiß Start-Ups.

Ich hatte das bereits mit der Jutta besprochen. Ich habe Jutta gesagt, Jutta, die schmeißen mich bald raus. Dann hat sich die Jutta hingesetzt, einen Zettel und einen Stift in die Hand genommen und gesagt, gut, dann schreiben wir jetzt einen Businessplan. Das einzige Problem war, dass wir noch keine Geschäftsidee hatten und relativ wenige Fähigkeiten, die uns bei der Findung dieser Idee helfen könnten. Jutta ist ehemaliger DJ. Ich habe mich in sie verliebt, als sie cool, wunderschön und begehrt war. Wunderschön ist sie immer noch. Sie war außerdem sehr gefragt, da sie zu den ersten weiblichen DJs gehörte und das war damals – so um 2017 rum – eine ziemlich große Sache. Marktlücke. Jetzt macht Jutta auf unserem Küchenboden Yoga und vertreibt Steineier, die die Scheidenwandmuskulatur stärken.

Ich bin seit heute ehemaliger Grafiker und mit meinen 46 Jahren freischaffender Frührentner ohne Rente. Hobbymäßig mache ich Tai-Chi in unserem beschaulichen Schlafzimmer und samstags besuche ich gerne Flohmärkte. Es freut mich, dass ich mich ab sofort der Kunst des Tai-Chi intensiver widmen kann, allerdings liefert mir das auch nicht die nötige Kohle, um den guten Käse an dem Gemüsestand meines Lieblingsflohmarktes einzukaufen und Juttas Einkünfte durch die Vaginaleier bringen auch nur einen Bruchteil der Miete rein. Alles in allem also nicht so einfach, die Situation. Das hatten wir uns damals als wohlhabende 25-jährige Besitzer von vier Vitra-Stühlen schon anders vorgestellt. Die haben wir übrigens bereits vor einigen Jahren verkauft. Die Einkünfte sollen nun die Grundlage für meine neue Geschäftsidee bilden: 500 Euro.

Wir beschließen, das mit dem Businessplan zu vertagen und besuchen am kommenden Morgen meinen Lieblingsflohmarkt. Hier hängen Patagonia und North Face Jacken von ehemaligen Grafikern und DJs wie mir und Ute, die ihre begehrte Kleidung von früher wieder an die Personen verkaufen, für die sie eigentlich gemacht wurden: Mathematiklehrer/innen und Schnäppchenjäger/innen, die nicht mehr als drei Euro für eine Daunenjacke ausgeben wollen. Überall stehen Rennräder für 20 Euro. „Kauf drei, zahl zwei“, und so weiter. Wir essen eine Bratwurst mit Ketchup und Senf. Ich habe mich der veganen und lokalen Ernährung vor langer Zeit entledigt. Eigentlich war mein Plan, nach meiner Rente einem autonomen Bauernhof beizutreten, aber die sind mittlerweile alle stillgelegt und die wenig übrig gebliebenen überlaufen. Wartelisten zum Beitritt bis zu drei Jahre.

Die Geschäftsidee sollte mir in dem Moment kommen, als ich in die Bratwurst mit Senf und Ketchup biss. Ich beiße also in die Bratwurst und beschließe, mir zwei Sandwich-Toaster zu kaufen. Die Blitzidee ist genial und Jutta ist augenblicklich von dem möglichen Erfolg überzeugt: ein mobiler Schinken-Käse-Toast-Stand. Wir verlassen den Flohmarkt sofort, um an meiner Selbstständigkeit als Schinken-Käse-Toast-Verkäufer zu arbeiten. Wir bauen an mein altes Fahrrad einen Wagen, der zum Transport der Produkte dient und veredeln den Lenker mit einer kleinen Theke.

Ich hatte in meinem Leben viele Ideen, die zum Scheitern verurteilt waren. Ich habe Print Magazine konzipiert, Ausstellungen kuratiert, ökologisch abbaubare Strohhalme designed und Yogakurse mitgestaltet. Ich habe alles kommen und gehen sehen und bei all der Vergänglichkeit unterschiedlicher Trends, blieb eine Sache stets erhalten – unauffällig, unaufgeregt, und unverändert: der Schinken-Käse-Toast. Er hat seit seiner Existenz ein gleichbleibendes Image – nie cool, aber immer da. Durchschnitt. Gleichzeitig liefert mir die Produktion des kulinarischen Klassikers unerschöpfliche Vorteile. Die Zutaten für die Herstellung eines Toasts sind übersichtlich, meine Arbeitszeiten sind flexibel und ich kann Flohmärkte als Verkaufsfläche nutzen. Es ist genial. Ich bin euphorisch und blicke der Zukunft mit Jutta nun positiv entgegen.

Die Jahre verstreichen und unsere Geschäfte laufen. Jutta verscherbelt Scheideneier und ich Schinken-Käse-Toasts. An Geburtstagen alter Freunde und auf Ü-40-Parties legt meine Frau gelegentlich noch alte Playlists von 2016 auf, die die Gäste in kollektive Sentimentalität versetzen. Da sitzen sie dann an Bierbänken im Landkreis München und singen schaukelnd zu Yung Hurn, Missy Elliott und Kanye West, während ihre pubertierenden Kinder peinlich berührt die Augen verdrehen. Heute zum Beispiel sind wir auf Elias Fünfzigstem. Es gibt Avocado-Brote, die mittlerweile wirklich schwer zu bekommen sind und Basil Smashs, die aus heutiger Sicht unausstehlich schmecken (Basilikum und Gin? Was haben wir uns dabei gedacht?), aber unter der sich zur Ruhe gesetzten Szene zu spannenden Gesprächen über „damals“ anregen. Wir sprechen über Instagram und erklären Elias Jüngstem – Heinrich – was ein Hashtag bedeutet. Das ist ein riesiger Spaß und eine ideale Abwechslung zu Juttas Quereinsteiger-Vertrieb. Auch ich tobe mich weiterhin kreativ aus und erstelle für jene Geburtstagsfeiern ironische Grafiken, die als Geburtstagseinladungen fungieren und analog an alle Freunde ausgesandt werden. Jutta und ich sind gleichermaßen froh, aus unseren Berufen ein Hobby gemacht zu haben.

Ansonsten widmen wir uns leidenschaftlich unseren Unternehmen. Denn wenn wir eines in unserem beschaulichen Leben gelernt haben, dann ist es wohl das: Unterschätze nicht das Mittelmaß.

 

8 Antworten zu “Short Cut: Unterschätze nicht das Mittelmaß – eine Geschäftsidee”

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