THATS RACIST! – Cornrows an Weißen

30. Januar 2017 von in

Foto: Marc Jacobs S/S 17

Katy Perry, Miley Cyrus, Avril Lavigne, Iggy Azalea, Marc Jacobs und viele andere hatten sie bereits auf ihrem Kopf oder in ihren Shows: Cornrows, Rastas oder Dreadlocks. Eine Frisur aus der Black Community wird wieder einmal Trend, nachdem sie sich irgendwann in den Neunzigern beim Aufschwung des Hip Hops und RnBs, wieder für lange Zeit zu ihren ursprünglichen Trägerinnen und Trägern zurück verirrt hatte. Heute ist sie wieder angesagt, die Neunziger sind zurück. Und somit auch die orangefarbenen Brillengläser, Fischerhüte – und eben Rastas.

Die Beschwerden häufen sich: Die Frisur als weiße Person zu tragen, sei rassistisch, heißt es auf der einen Seite. Vermutlich sind die einzelnen Personen keine Rassisten, die jene Frisur stolz auf der Straße präsentierten – auch Frontsängerin der Band Jennifer Rostock wird womöglich falsch getan, würde man sie als Rassistin wegen ihres neuen Haarstyles bezeichnen. Da denkt man sich nichts, feiert die neunziger Jahre, möchte gar Teil der #blacklivesmatter Bewegung sein oder einfach nur ein starkes Instagram-Selfie veröffentlichen und plötzlich ist man Rassist*in. Es ist schwer, den Überblick zu behalten: Was ist richtig, was ist falsch? Wann bin ich sexistisch oder rassistisch, ohne es zu merken? Wieso sind plötzlich alle um mich herum so überkorrekt? Wir alle fangen gerade an, uns über unser Geschlecht, unsere Herkunft und unsere Religion und die unserer Nachbarn Gedanken zu machen und das, liebe Freunde, wurde höchste Zeit. Somit sind Diskussionen wie diese für manch eine Person anstrengend, für das Allgemeinwohl unserer Gesellschaft aber mehr als überfällig!

Gegner der Aussage, Cornrows bei Weißen seien rassistisch, argumentieren damit, dass alles für alle gelten soll. Dass Gleichberechtigung impliziert, dass jeder Mensch, egal welcher Herkunft oder welchen Geschlechts, die Möglichkeit haben soll, alles zu tun. Dass keine Grenzen mehr zwischen den Menschen liegen. Dass es streng genommen sogar rassistisch wäre, wenn Weiße keine Dreads oder Rastas tragen dürften. Das ist ein utopischer Gedanke, der oberflächlich gesehen wahr ist. Wenn wir in einer Welt leben würden, in der jeder Mensch, unabhängig seiner Herkunft, seines Geschlechts oder Einstellung, gleich gestellt wäre. Aber in dieser Welt leben wir nicht und das macht jenen Gedanken zwar nicht sofort rassistisch, aber unempathisch. Katy Perry, Miley Cyrus und wie sie alle heißen, wollten womöglich ein positives Statement setzen, oder sie haben sich keine Gedanken macht. Und da ist das Problem mit Rastas oder Dreads: Die weiße Community macht sich keine Gedanken über Haare, weil Haare kein Thema für sie ist, mit dem man sich ernsthaft auseinandersetzen müsste. Wenn ich mich über meinen Frizz an regnerischen Tagen beschwere, habe ich den Höhepunkt meiner Bad Hair Days erreicht. Dass es in anderen Kulturen ein tief sitzendes Thema ist, bei manchen sogar ein Defizit, ein Symbol, das mehr bedeutet, als nur eine Frisur, war mir lange Zeit nicht bewusst. Ich weiß nicht, wie es euch gleichgesinnten Whities da draußen geht, aber ich persönlich war nie stolz auf meine Frisur, meine Haarstruktur, meiner Herkunft oder meine Hautfarbe. Sie war halt da. Sie war kein Thema.

Ein Artikel von vielen, die ich in letzter Zeit gelesen habe, ist mir besonders hängen geblieben. Fabienne von This is Jane Wayne erklärt in ihrem Beitrag „Black Girl Confessions – Von Afrostolz und Alltagsrassismus“, wie es sich anfühlt, als Schwarze im Alltag der Weißen und wie es sich anfühlt, einen Afro zu haben. Spätestens bei diesem Artikel verstand ich zum ersten Mal, dass ich nie verstehen werde, wie es sich anfühlen muss, wenn ein weißes Model auf dem Laufsteg Rastas oder Dreadlocks trägt.

Nun können wir Weiße weiterhin auf Facebook darüber diskutieren, ob die Reaktionen auf Rastas in unserem Alltag übertrieben seien. Oder wir hören auf, etwas als „übertrieben“ zu deklarieren, wovon wir überhaupt keine Ahnung haben. Wir können denen zu hören, die uns etwas darüber zu erzählen haben: Eine unterdrückte Geschichte, die ihnen tief in den Knochen sitzt und für die im Endeffekt die Weißen verantwortlich sind – wenn auch nicht die einzelnen Personen. Man könnte sich die andere Seite der Geschichte anhören, Respekt und Empathie zeigen, Neues dazu lernen und alte Lebensweisen überdenken und -arbeiten. Und das Neunziger Comeback nicht mit Rastas feiern, sondern mit Buffalo Plateaus. Zum Beispiel.

5 Antworten zu “THATS RACIST! – Cornrows an Weißen”

  1. Sehr sensibles Thema! Mutig, dass du darüber schreibst.
    Eigentlich denke ich, dass jeder die Frisur tragen soll, die er möchte, trotzdem würde ich nie Rastas, Dreads usw. tragen.
    Wobei ich ja ehrlicherweise sagen muss, dass ich einfach geflochtene Zöpfe à Bauernzopf und französischer Zopf usw., wie es gerade modern ist, bisher immer automatisch mit alten europäisch verwurzelten Traditionen assoziiert habe, wenn ich bei uns jemanden so eine Frisur tragen sehe.

  2. Ich muss sagen, dass mich diese Diskussion schon geärgert hat, als sie nach der Marc Jacobs Show aufkam, vor allem in den amerikanischen Medien. Es wurde viel die „cultural appropriation“ dabei kritisiert, das Rastas ect. ein Haarstyle mit Hintergrund sind, und dass es nicht gut sei das als „Weißer“ zu tragen.
    Jetzt stimme ich dir in dem Punkt zu den du nennst, und zwar das das eine Sichtweise ist, die ich selber nicht nachvollziehen kann, weil mein Aussehen immer dem gängigen Standart entsprach und das man sich als Afroträger ärgert, jahrelang den Zwang verspürt zu haben, sich die Haare glätten sich wollen. Ich sehe, dass es hier ein Problem gibt.
    Ein Problem sehe ich dabei aber noch wie vor nicht darin, Dinge, die man von anderen Kulturen cool findet zu kopieren. Und wir klauen da ja nicht nur bei den Afroamerikanern: Mal tragen wir Norwegerpullis, dann Indiostyle-schmuck und Aztekenmuster, dann tragen wir Bronzer um gebräunt zu wirken, nächstes Jahr Kimonos. Die Mädchen in Indien bleichen sich die Haut, wir gingen jahrelang ins Solarium, Frauen in Asien wollen sich „westlich“ kleiden, und wenn ich an die Riviera fahre, packe ich weiße Hosen und Streifenshirt ein, um auszusehen wie eine Französin (oder was ich mir darunter vorstelle)….
    Ich glaube es wird klar, was ich damit sagen will: Mode macht Spaß, und weil wir uns von allem was uns gefällt inspirieren lassen und das tragen wollen, ist es doch schön, wenn wir auch Trends anderer Kulturen tragen. Weil wir die Kultur cool finden. Sie schätzen. Uns das, was die Frauen und Männer da tragen, damit verkörpern, gefällt.

  3. Toller Post zu wichtigem Thema. Ich hatte diesen Aha-Moment, den du nach „Black Girls Confessions hattest“, als ich den Roman „Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie gelesen habe. Ein wunderbarer Roman, in dem gerade auch über das Thema Haare klar wird, dass man niemals verstehen wird, wenn man nicht betroffen ist…

  4. Ich sehe das ähnlich wie Lisa. Mode macht Spaß! Außerdem lässt sich die Debatte nicht direkt auf Deutschland/ Europa übertragen. Die Kultur des Rassismus ist in den USA in wesentlichen Teilen verschieden – einfach aufgrund der Geschichte der Sklaverei/ Rassentrennung und allg. der extremen sozialen Ungerechtigkeit, die dort herrscht. Alltagsrassismus, strukturellen Rassismus etc. gibt es natürlich auch bei uns und es ist ein wichtiges Thema, aber die Diskussion über Frisuren sollte mE einen kleineren Raum in der Debatte einnehmen.

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