The Talk: Romantisch oder lebensmüde?

12. April 2018 von in

Über den Begriff einer guten Beziehungen haben wir alle ganz klare Meinungen. Es gibt die, die einfach funktionieren. Die am Anfang als zarte Pflänzchen beginnen, die noch so unsicher sind, dass ein falscher Tritt sie ausmerzen könnte. Doch während man immer längere Zeit gut zueinander ist, sich gegenseitig glücklich macht und immer mehr gemeinsame Vergangenheit teilt, wächst auch der Stamm der Pflanze. Man zieht irgendwann zusammen oder geht einen der anderen Schritte auf der gesellschaftlich vorgeschriebenen Beziehungsleiter, und jeder, den man kennt, der sagt: Die beiden, die sind so toll miteinander! Da geht nie was schief, mensch, schau sie dir an, wie schön!

Es gibt diese Liebe, die von Anfang an wächst und gedeiht, in der höchstens ein paar Streits im Alltag mal die Wasseroberfläche kräuseln und in der sich beide einfach einig sind, dass sie sich gegenseitig, und welche Schritte sie gemeinsam gehen wollen. Zufällig bin ich selbst mit jemandem zusammen, mit dem es von Anfang an keine Zweifel gab, und manchmal ist es mir nach außen hin fast unangenehm, wie gut und glatt alles läuft. Denn ohne große Hindernisse gemeinsam glücklich zu sein ist nun mal nicht der Alltag, und Beziehungen wie diese setzen ganz ungewollt eine Messlatte, an der sich andere orientieren.

Wir kennen es aus Filmen: Man weiß sofort, der Tollpatsch, der ein paar Fehler macht, es aber nur gut meint, mit dem wird es was. Die andere mit den großen Gefühlen, die ihn im entscheidenden Moment stehen lässt – das kann nur schief gehen. Wir wünschen uns jemanden, der es von Anfang an gut mit uns meint, schließlich lief es ja bei diesen und jenen auch so. Und auf diese ganzen Spielereien, das Hin und Her und die Enttäuschung, darauf haben wir keine Lust. Und schützen uns nach all den Jahren mit all den Erfahrungen immer mehr davor.

Große Gefühle und große Ängste

In der letzten Zeit kamen mehrere Freunde, die mir sehr nahe stehen, in diesen großen Zwiespalt: Da ist ein Mensch, der große Gefühle auslöst, und das schon über sehr lange Zeit. Da sind auch die ebenfalls großen Gefühle dieses Menschen, der es immer wieder versuchen will. Und da waren aber so einige Abzweigungen und Enttäuschungen auf dem gemeinsamen Weg, die alles ins Wanken gebracht haben.

Natürlich gibt es die Dinge, die unverzeihlich sind. Die die eigene Schmerzgrenze überschreiten und etwas in einem zerbrechen, die die Pflanze zertreten, sodass sie nie wieder wachsen kann. Dann gibt es aber auch Unsicherheiten, Missverständnisse und eigene Hindernisse, die sich in den geradlinigen Weg einer Film-Beziehung legen, und der Weg ist plötzlich eher zickzackfömig, mit Abzweigungen und Kurven.

Kein Drehbuch mehr

Eine Beziehung ist allerdings nicht nur dann gut, wenn sie von Anfang an gut war und der gesellschaftlichen Vorstellung des Verlieben, Verloben und Verheiraten entspricht. Sie ist auch nicht besser als eine andere, wenn sie von großem Drama und noch größeren Gefühlen ins Positive und Negative begleitet wurde. Wir sollten ganz schlichtweg damit aufhören, Beziehungen zu vergleichen. Denn auch, wenn wir eine Vorstellung im Kopf haben, mit Freunden darüber sprechen und uns bestimmte Dinge wünschen – es geht am Ende immer nur um zwei Menschen und das, was zwischen ihnen passiert. Und dafür ein vorgefertigtes Drehbuch im Kopf zu haben, ist nie eine gute Idee.

Genau aus diesem Grund finde ich die Bewertungen in beide Richtungen falsch – nicht die glattlaufende Beziehung ist die bessere, genausowenig die mit großem Drama. Jede Begegnung zweier Menschen ist individuell, und am Ende kann man nie wissen, wann das Zusammensein enden wird. Jede noch so entspannte Beziehung kann vorbeigehen, und genauso jede komplizierte. Und: Jederzeit kann sich alles ändern, auch wenn es davor scheinbar in eine klare Richtung ging.

Was wir tun sollten, ist aufzuhören, uns zu vergleichen. Uns nicht schämen, wenn wir jemandem eine zweite Chance geben oder jemandem nochmal die Tür aufmachen, der uns verletzt hat. Die eigenen Grenzen kennen, aber trotzdem auf den Bauch und das Herz hören. Und das ganz unabhängig von jeder anderen Beziehung, die wir vor der Nase haben. Manche halten es für romantisch, manche für lebensmüde – was zählt ist aber nur, für was man selbst es hält.

Fotocredit: Jacquemus/Instagram

 

5 Antworten zu “The Talk: Romantisch oder lebensmüde?”

  1. Du triffst mit deinen Worten den Nagel auf den Kopf! Vielen Dank! Genau deshalb, sollte man seinen Entscheidungen auch immer versuchen ganz allein zu treffen, ganz unabhängig von den mehr oder weniger gut gemeinten Meinungen und Ratschlägen aller Außenstehenden. Denn am Ende musst auch nur du mit deinen Entscheidungen leben und im Idealfall glücklich werden :-)

    • Ganz genau – ich finde es trotzdem wichtig, sich Meinungen Außenstehender anzuhören, weil man manchmal glaube ich dazu tendiert, sich aus Angst vor kritischen Worten abzukapseln. Offen darüber zu sprechen aber trotzdem bei der eigenen Haltung zu bleiben, ist schwierig, aber am gesündesten!

  2. Der eigene Maßstab ist entscheidend. Selbst definiert, nicht von Filmen oder Personen Umkreis. Wenn man das geschafft hat, lebt man entspannter in einer Beziehung. Und vor allem, was ganz zu letzt zur Sprache kam, sich selbst zu finden, wissen wohin man möchte und dann kann man das mit einander vereinen. Wenn man das vorher schon nicht weiß, wird es sehr schnell stolpern.

  3. Wunderbarer Beitrag. Kurz und auf den Punkt.
    Ich finde es erstaunlich, dasss bezüglich Beziehungen so viel Intoleranz besteht. Schließlich gibt es nicht „das eine“ beziehungsmodell, das für alle bestimmt ist und als einziges Berechtigung erfahren darf. Ich habe das Gefühl, dass Leute oft intolerant sind, weil sie sich ungern mit der Vorstellung auseinander setzen wollen, dass man aus Mustern ausbrechen kann, dass man selbst seine Beziehung gestaltet. Ich glaube, dass diese Form von Macht diesen Menschen irgendwie Angst bereitet, denn es könnte bedeuten etwas Neues zu schaffen, auf unbekannten Wegen zu wandern. Leider verkennen vielen, dass genau auf diesen Wegen so viel Potenzial für die Beziehung liegt…

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