The Talk: Wenn Freundschaften enden

23. August 2016 von in

Kennengelernt hatten wir uns im ersten Semester. Inmitten der vielen Studenten waren Carolin und ich übereinander gestolpert, hatten zwei Sätze gewechselt und es war klar, dass wir die nächsten Schritte im Studentenleben nicht mehr ohneeinander machen würden. Angekommen in einer neuen Stadt waren wir unsere eigene kleine Familie. Wir hielten uns Plätze in der Uni frei, gingen zusammen in die Mensa und abends aus, lernten zusammen, erzählten uns von Herzschmerz und anderen Dingen. Wir wurden enge Freundinnen. Bis, ja bis es bei uns beiden stressiger wurde, ein neuer Mann ins Leben der einen einzog, die andere ein neues Hobby entdeckte. Aus „Ich muss dir dringend das Neuste erzählen“ wurde „Lass uns demnächst mal wieder treffen“. Ein Versprechen, bei dem beide beim Sagen und Hören wussten,  das es keines war. Wir verloren uns aus den Augen und irgendwann aus dem Sinn.

Ich habe Carolin seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Es gab keinen Streit, keine große Krise. Wir hatten uns auseinandergelebt. Hin und wieder erinnert mich Facebook an sie. Dann sehe ich, dass sie immer noch gerne Dinge macht, die sie damals schon mochte. Dass sie neue Freunde hat, die ihr gut tun. Dass sie ein – zumindest auf den Social-Media-Blick -schönes Leben hat.

Freundschaften enden. Die Gründe sind oftmals sehr vielseitig. Manchmal lebt man sich auseinander, gibt sich Halt und Kraft in einer bestimmten Lebensphase. Endet diese, endet auch die Verbundenheit. Jeder geht seinen eigenen Weg. Zurückbleibt die Erinnerung und die ein oder andere schöne Geschichte. Man blickt zurück ohne Groll, sondern mit ganz viel Wärme.

Und dann gibt es Freundschaften, die enden, weil es Streit gab. Weil man sich nichts mehr zu sagen hatte. Weil man sich nach all der Zeit verloren hat. Weil der eine den anderen gar nicht mehr kennt – oder kennen will. Manchmal gibt es den großen Knall, manchmal zieht man im Stillen weiter.

Menschen entwickeln sich unterschiedlich. Während der eine in die Richtung geht, marschiert der andere um die Kurve. Der gemeinsame Nenner wird kleiner. Nicht jede menschliche Verbindung bleibt dabei bestehen. Manchmal ist das Band stark genug. Man gibt sich gegenseitig Raum, das Interesse gegenüber einander besteht – trotz der Unterschiedlichkeit. Manchmal reißt das Band, es festzuhalten, kostet mehr Kraft, als es loszulassen. Plötzlich spricht der eine eine ganz andere Sprache. Man versteht sich nicht mehr. Jede Bemühung, jeder Versuch der Übersetzung mündet in noch mehr Chaos. Es ist Zeit zu gehen. Die Freundschaft, die gar keine mehr ist, loszulassen.

Es ist der Lauf der Dinge, dass Freundschaften enden. Menschen kommen und gehen in unserem Leben. In schweren Zeiten kristallisiert sich oft heraus, wer wirklich an der Seite steht. Und das ist manchmal überraschend. Oftmals aber auch reinigend.

Freundschaft bedeutet für mich, da zu sein. Nicht zwingend physisch, aber im Geiste. Dass ich zuhöre, dass ich, wenn es brennt, zur Stelle bin. Freundschaft misst sich bei mir nicht in Zeiteinheiten, sondern in der Qualität. Manche Freunde sehe ich jede Woche, andere wiederum nur alle paar Monate. Einen meiner besten Freunde sogar noch weniger. Aber wenn wir uns sehen ist sie da: die Nähe. Als hätten wir uns erst gestern getroffen und ausgetauscht. Ich bin sicherlich nicht immer die beste Freundin, allein durch den beruflichen Stress und meinen anderen Alltag im Vergleich zu meinen Freunden kollidieren immer mal wieder Zeiten. Während viele weit ins Voraus planen, bin ich eher spontan. Heute Abend Zeit? Okay!
Fehlerfrei ist niemand, aber ich glaube, ich bin trotzdem eine gute Freundin. Ich bin immer ehrlich, sehr loyal, höre zu, fühle mit und bin immer erreichbar. Man kann auf mich zählen, im Herzen bin ich meinen Besten immer sehr nah.
Druck und Stress sind für mich tödlich in Freundschaften. Sobald Treffen zur Pflicht werden und Erwartungen gestellt werden, die man nicht erfüllen kann, renne ich davon. Aber das ist wahrscheinlich wie in jeder guten Beziehung. Geht die Leichtigkeit verloren, muss man sie erst wieder finden. Oder ohne den einen weiterziehen.

Carolin und ich haben uns nach drei Jahren Funkstille nochmal getroffen. Es war ein netter Abend. Wir haben uns ausgetauscht, viel erzählt, über alte Zeiten gelacht. Weitere Versuche eines neues Treffen danach mündeten im Nichts. Wir waren keine Freunde mehr.

Photocredit: Brooke Cagle/Unsplash

17 Antworten zu “The Talk: Wenn Freundschaften enden”

  1. Ein wunderbarer Text. Meine Freundschaften aus dem Studium sind leider auch alle im Sand verlaufen und diverse Versuche sie wieder aufleben zu lassen waren leider erfolglos!

  2. Was für wahre Worte! Auf meine Ex-Freundschaften trifft besonders der Teil zu, in dem du davon sprichst, dass Treffen manchmal zur Pflicht werden. Ich habe mich bei zwei Freundinnen irgendwann gefragt, warum ich mich zu jedem Treffen zwingen muss, anstatt mich darauf zu freuen. Da stimmt doch dann irgendwas nicht mehr… Leider hatte ich nicht den Mut, die Themen offen anzusprechen, sondern habe den Kontakt im Sande verlaufen lassen. Man sollte öfter mutig sein und Dinge einfach ansprechen, das ist allerdings leichter gesagt als getan. Wahrscheinlich ist es wirklich so, dass einen manche Freunde nur eine bestimmte Zeit lang begleiten und dann neue hinzukommen. Das ist der Lauf der Dinge und kann ja auch sehr befreiend sein. Ganz liebe Grüße, Neele

    • Liebe Neele,
      Ich bin jemand, der immer Dinge anspricht. Ich kann gar nicht anders. Ich brauche Klarheit, sonst gehts mir nicht gut. Das ist manchmal schmerzhafter, aber sehr reinigend. Deswegen: ruhig mehr Mut.
      Und ja, manche Freunde begleiten einen für eine bestimmte Zeit, dann gehen sie. Manche bleiben für immer, andere kommen wieder. :)
      Liebe Grüße!

      • Da hast du Recht liebe Antonia, ich nehme mir das für die Zukunft auch ganz fest vor, die Dinge anzusprechen. „Passieren“ kann ja eh nichts… Und besser, als die Dinge ständig unausgesprochen zu lassen… Liebe Grüße und ein tolles Wochenende, Neele

  3. So toller und sehr berührender Text. Für mich ist es mit meinen noch nicht mal 18 meistens eine ziemliche unverständliche Sache, wenn es um das Ende von Freundschaften geht. Vor allem, wenn sie im Stillen auseinander gehen. Dann bin ich meistens die Verletzte, gebe mir aber trotzdem die Schuld. Und allem voran: Ich kann es oft nicht so einfach akzeptieren und halte dann an Freundschaften fest, die schon längst Geschichte sind.
    Aber ich mache mich. Langsam aber sicher, weiß ich, was Freundschaft bedeutet und was genau ich mir davon erwarte. Ich fange an einzusehen, dass ich nicht immer der Auslöser bin und es manchmal eben doch einfach der Lauf der Dinge ist, der Freunde trennt.
    Ich hoffe meine Einstellung dazu ähnelt irgendwann deiner – die gefällt mir nämlich wahnsinnig gut.

    Liebst, Seline
    http://selscloset.com

    • Liebe Seline,
      Je älter man wird, umso mehr weiß man, was man will und was man eben nicht will. Auch für den Bereich Freundschaften. Nicht immer ist man selbst der Auslöser, wenn Dinge auseinander gehen, manchmal sind es die Umstände, Lebensphasen, Gefühle oder auch einfach Örtlichkeiten.
      Es als Lauf der Dinge zu akzeptieren, für die wichtigen Freundschaften zu kämpfen, aber für sich auch einen Weg zu finden, zu wissen, wann es reicht, hilft :) Ich bin mir sicher, dass du das hinkriegst :)
      Alles Liebe,
      Antonia

  4. Vielen Dank für diesen wunderbaren Text.

    Es macht mich ab und an traurig an die verflossenen Freundschaften zu denken, aber die meiste Zeit bin ich unendlich dankbar – denn die Zeit mit ihnen war wundervoll <3 nur halt nicht für immer.

    Das Schöne an der Sache ist, dass es immer möglich ist neue Freundschaften zu schließen und von neuen Menschen zu lernen.

    • Liebe Stefanie,
      ja, verflossene Freundschaften können einen wirklich traurig machen – aber ich halte es dann immer danach: Weine nicht, weil schöne Tage vorrüber, sondern freue dich, dass es sie gab. Ätzender Poesie-Album-Spruch, aber doch ein bisschen wahr :)

      Und das tolle ist, wir lernen ein Leben lang neue Freunde kennen, merken, wer die wahren Freunde sind und lernen dadurch wahnsinnig viel über uns und die Mitmenschen!
      Liebe Grüße!

  5. So ein guter Text, das kennt sicherlich jeder. wenn ich mal schaue, wie viele Freundinnen ich mal hatte, mit denen ich seit Jahren kein Wort mehr geredet habe. Nicht wegen Streit, einfach weil man sich verändert und weiterentwickelt. Da haben sich schon einige angesammelt…
    Dafür habe ich meine beste Freundin aber schon seitdem ich das Licht der Welt erblickt habe. Wir sehen uns selten, obwohl wir beide in der gleichen Kleinstadt leben, sind beide halt viel beschäftigt…. Aber wenn wir uns sehen, dann ist es wie immer und das ist einfach das, was zählt.

    Beste Grüße, Malina
    http://malinaflorentine.de

    • Liebe Malina,
      ja, manchmal entfernt man sich einfach, ohne es zu merken! Aber wie wundervoll, dass du so eine langjährige Freundschaft hast. Genau das macht es aus! Alles Liebe!

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