Kolumne: Muttersein ist kein Ausnahmezustand

7. Juni 2019 von in

Über Mütter wird viel geschrieben. Darüber, dass die Gesellschaft Unmögliches von ihnen fordert. Sie sollen alles können, alles wissen und dabei noch gut aussehen. „Muse, Mutter, Megäre“, so heißt ein Buch, das ich vor vielen Jahren einmal gelesen habe und das den angeblichen Druck im Titel wunderbar zusammenbringt. Ich bin Mutter und fühle diesen Druck nicht, von dem so viel neuerdings geschrieben und gesprochen wird. Ich glaube aber auch nicht an „die Gesellschaft“ als Instanz, die mich beobachtet, bewertet und bevormundet.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Vogue – von Mirna Funk.

Als ich mit meiner Tochter vor vier Jahren schwanger wurde, freute ich mich riesig. Ich freute mich darauf, dass jetzt ein Mensch in mir heranwachsen würde, ich freute mich darauf, dass dieser Mensch irgendwann aus mir herauskäme und dass ich ihn dann beim Großwerden beobachten dürfte. Was ich nicht tat, war „Schwangerschaft“ zu googeln, auch nicht „Kitaplatz“ oder irgendetwas anderes. Ich war einfach schwanger, wie Milliarden Frauen es vor mir gewesen waren. Ich aß, was ich essen wollte, trank, auf was ich Lust hatte, und machte, was ich auch ohne Schwangerschaft getan hätte. Selbstverständlich verzichtete ich auf Alkohol, geraucht hatte ich nie. Aber ich ernährte mich ansonsten ganz normal weiter. Dazu gehörte auch, beim Italiener Carpaccio zu bestellen und beim Japaner Sushi. Dass man keinen Rohmilchkäse essen dürfe und man besser auf Kräutertees verzichte, las ich erst, nachdem Etta überhaupt geboren war, und ich fand es total bescheuert. Schwangersein als Ausnahmezustand anzusehen, ist ein Zeichen von existenzieller Langeweile. Mehr nicht.

Immer noch so wie immer

Als ich im siebten Monat war, nahm ich eine Festanstellung an. Arbeiten tat ich bis zur Entbindung. Drei Wochen nach der Geburt ging ich das erste Mal wieder ins Büro, weil mir langweilig war. Ich nahm Etta überallhin mit. Las mit ihr in der Trage aus meinem gerade veröffentlichten Roman oder während sie neben mir schlief. Sie wurde ganz automatisch Teil meines Alltags, und wir wuppten das Leben gemeinsam. Das mag auch ein Grund sein, warum ich nie das Gefühl hatte, mein Leben habe sich verändert. Oder noch viel verrückter, ich habe mich verändert. Eine gute Freundin, die mich seit zehn Jahren kennt, sagte letztens, du bist wie immer, nur glücklicher. Und genauso fühle ich mich auch. Klar schlief ich ein Jahr kaum und ein weiteres Jahr schlecht. Und das war irre erschöpfend. Aber niemand hatte jemals behauptet, dass Kinderkriegen irgendwie easy ist.

Ich glaube an Entscheidungen und an Konsequenzen, die Entscheidungen mit sich bringen. Ich glaube auch daran, dass man für diese Entscheidungen, die man selbst getroffen hat, niemanden verantwortlich machen kann. Schon gar nicht das Kind und auch nicht eine vermeintliche Entität wie „die Gesellschaft“.

Mein Kind, ein Mensch

Als Etta sieben Monate alt war, telefonierte ich zehn Tagesmütter ab und bekam sofort einen Platz, 500 Meter von unserer Wohnung entfernt. Da hatte ich schon ihren Vater verlassen, weil das Leben ohne ihn einfacher war als mit ihm. Vielleicht hatte ich Glück, vielleicht klappte es aber auch, weil es einfach klappen musste. Wer weiß das schon. Die Vorstellung, Etta würde erst mal in einer kleinen Gruppe mit acht Kindern starten, fand ich super. Nur zwei Monate nach ihrer Eingewöhnung begann sie zu laufen. Wahrscheinlich, weil sie die anderen Kinder sah, die alle schon über ein Jahr alt waren.

Ich kommunizierte immer mit ihr wie mit einem normalen Menschen. Auch wenn sie noch nicht in unserer Erwachsenensprache reagieren konnte. Ihre unterschiedlichen Laute, die sie von sich gab und denen ich immer aufmerksam zuhörte, um sie zu entschlüsseln, waren längst relevante Antworten. Es ist an mir als Mutter, mein Kind zu entschlüsseln, und nicht anders herum. Es ist auch an mir, meinem Kind das Kausalprinzip zu lehren. Also, dass alles eine Ursache hat, dass es Konsequenzen gibt und dass sie gleichzeitig ein eigenständiger Mensch ist. Freiheit ist das Anerkennen von Grenzen, nicht das Sprengen dieser.

Ab dem Moment, an dem sie laufen konnte, drückte ich ihr im Restaurant meine Kreditkarte in die Hand und schickte sie zum Kellner. Ab dem Moment, an dem sie „Eis“ sagen konnte – da war sie anderthalb Jahre alt – ließ ich sie allein ihr Eis bestellen. Auf dem Spielplatz sitze ich auf der Bank und lasse Etta ihr Ding machen. Sie ist ja nicht im Knast und ich ihr Aufpasser. In der Zeit, in der sie Kind ist, kann ich also Erwachsene sein und ein Buch oder einen Artikel lesen. Mit 18 Monaten kam Etta dann in einen bilingualen Kindergarten, und ich ging wieder Vollzeit arbeiten.

Selbstbestimmt, weil ich es kann

Ich selbst bin mit einer arbeitenden Mutter und zwei arbeitenden Großmüttern aufgewachsen. Das ist meine Sozialisation. Das ist meine Normalität. Nie kam ich auf die Idee, in meiner Vita mein Muttersein zu erwähnen, einfach, weil es für mich nicht erwähnenswert ist. Ich kam auch nie auf die Idee, dass mich Arbeiten zu einer Rabenmutter machen würde. Gehört oder gelesen habe ich es jedenfalls noch nie. Nur, dass angeblich Mütter darunter leiden, dass irgendjemand so etwas behauptet.

Vielleicht ist das aber vielmehr eine Projektion als Realität. Meine weirde Ost-Berliner Sozialisation hat mich zu einer finanziell unabhängigen Frau gemacht, die sich immer als selbstbestimmt und nie als fremdbestimmt empfunden hat. Die nie geglaubt hat, dass ihr Leben durch ein Kind enden würde, und deshalb auch nie das Gefühl hatte, dass es das tut. Unsere Gedanken, Ängste und Vorstellungen definieren und programmieren unser Leben, viel mehr jedenfalls als es irgendeine imaginierte Entität wie „die Gesellschaft“ tut. Seit drei Jahren bin ich nun alleinerziehend, arbeite Vollzeit und als freie Autorin. Oft fragen mich Frauen und Mütter, wie ich das eigentlich alles schaffe. Meine Antwort ist: Ich habe keinen Partner, um den ich mich kümmern muss, dafür aber ein Auto und eine Tochter, die ich von Anfang an als wertiges Mitglied der Gesellschaft behandelt habe. Wir sind ein Team, und als solches spazieren oder sausen wir durchs Leben. Immer gemeinsam, niemals gegeneinander.

Foto: Shai Levy

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5 Antworten zu “Kolumne: Muttersein ist kein Ausnahmezustand”

  1. Ich habe auch eine kleine Tochter und gehe mit dieser Situation mE relativ entspannt im. Jedoch Sätze zu lesen wie „Schwangersein als Ausnahmezustand anzusehen, ist ein Zeichen von existenzieller Langeweile“, finde ich unheimlich überheblich. Liegt eventuell auch in dem
    Kontext, in dem ich eben einen Artikel über ein schwerbehindertes Kind gelesen habe, das aufgrund eines Versehens während der Schwangerschaft geschädigt wurde, vorher aber gesund war. Daher sollte man sich vor Augen halten, dass ohne eben die Ratschläge, die Frau Funk hier augenscheinlich lässig als überflüssig abtut, wesentlich mehr behinderte Kinder zur Welt kämen. Dass sie keines hat, ist da schlichtweg Glück.

    Das gilt auch für die Betreuungssituation. Hier in Berlin ist es nichts anderes als Glück, einen Platz zu finden. Das Statement hier ist ein Schlag ins Gesicht aller Eltern, die vergeblich suchen.

  2. Dieser Satz! „Schwangersein als Ausnahmezustand anzusehen, ist ein Zeichen von existenzieller Langeweile. Mehr nicht.“ Schlimmer sind ist nur diese Phrase, „Schwangerschaft ist keine Krankheit“ Ich hätte meinem Gegenüber immer am Liebsten vor die Füße gekotzt. Schön, dass bei Mirna, abgesehen von etwas Schlafmangel, alles so easypeasy lief. Ich hatte Schwangerschaftsleiden aus der Hölle und mein Kind kommt jetzt aufgrund des Kitaplatzmangels erst mit 22 Monaten in die Kita, aber hey, alles bloß eine Sache der Einstellung, hm?

  3. Oh, das ist aber ein sehr provokativer Artikel. Zu suggerieren, dass hauptsächlich die falsche Einstellung der Mutter ihr eine schwierige Schwangerschaft oder belastende Babyzeit beschert, finde ich mehr als ungerecht. Der Körper ist in einem Ausnahmezustand mit gesundheitlichen Risiken, die z.T. genetisch noch gefördert werden (z.B. Blutgerinnungsgeschichten, Schwangerschaftsvergiftungen, etc.). Nicht selten hat die Schwangere einen zu früh verkürzten Gebärmutterhals, der die Frau zum wochenlangen Liegen zwingt. Ein Schreibaby oder gar durch Toxoplasmose behindertes Kind – Ja, das gibt es auch heute noch – wünsche ich auch keiner entspannten Mutter … Egal wie positiv man gestimmt ist, manchmal läufts eben trotzdem nicht und dann ist es legitim, nervös und ängstlich zu sein. Mich persönlich würde auch das schlechte Gewissen plagen, wenn ich das Kind zu dem ganzen Erwachsenenkram und zur Arbeit mitschleppen würde, wo es dann irgendwie funktionieren muss. Allerdings bin ich in der glücklichen Lage, nicht alleinerziehend zu sein und habe dadurch auch die Wahl.
    Aber: Wenn ich den überheblichen Ton des Artikels ignoriere, kann ich darin auch einen Ansporn finden. Denn auch mir als Mutter von zwei Kindern fällt auf, dass weniger Jammern und mehr Machen auch beim Thema Kind gut tut und sich viele Probleme dadurch bewältigen lassen, indem man sich aktiv für einen gemeinsamen Weg mit dem Kind/der Familie entscheidet und anpackt.

  4. Ich bin normalerweise stille Mitleserin.

    Ich habe in der langen Zeit die ich diesen Blog verfolge noch nie so einen arroganten und überheblichen Artikel gelesen.
    Vorweg ich bin selbst noch keine Mutter. Genug Frauen in meinem nahen und entfernten Bekanntenkreis allerdings schon. Es freut mich total das deine Schwangerschaft easy verlief.
    „Schwangerschaft ist keine Krankheit“…stimmt, aber es ist ein Ausnahmezustand für den Körper auf den jeder/jede anders reagiert und das hat nichts mit Langeweile zu tun. Ärzte raten aus guten Gründen auf bestimmte Lebens- und Genussmittel zu verzichten. Eben weil Milliarden andere Frauen in der Vergangenheit genug Anhaltpunkte geliefert haben diese Lebensmittel zu meiden. Diese Aussage ist ein Schlag ins Gesicht für jeder Frau die kotzend über der Kloschüssel hängt wegen Überlkeit.
    Zu suggerieren Frauen seien selbst daran Schuld wenn die Schwangerschaft schwierig ist, weil sie sich zuviel Druck machen, finde ich mehr als arrogant.

    Auch die Betreuungssituation so als Nebensache abzutun ist einfach ein soo soo überhebliches Signal. Es fehlen in Deutschland (Stand 2018) 300.000 Kitaplätze für unter drei Jährige. Tagesmütter gibt es zu wenige, auf die man ausweichen kann. Es gibt regional so große Unterschiede dass ich Freunde habe die das Kind auf die Kita-Warteliste gesetzt haben als die Frau noch schwanger war. Dies geschah auf Anraten des Jungendamtes um wirklich einen Platz sicher zu haben und die zwei ziehen das Kind gemeinsam groß, also nichtmal der Druck wirklich einen Platz zu brauchen wie bei Alleinerziehenden, die ja sonst nicht arbeiten gehen können. Nicht jeder kann seinen Säugling mit zur Arbeit nehmen. Das es sich in einer Redaktion vielleicht besser umsetzten lässt als im Einzelhandel oder Aussendienst, merken Sie selbst Frau Funk.
    Ich spende Applaus für ihre Situation. Echt toll gemacht wenn Ihnen die äusseren Umstände in die Karten gespielt haben aber dann andere so abzuwerten ist schamlos.
    Female empowerment sieht anders aus. Anstatt uns gegenseitig Geringzuschätzen wäre ein bisschen gegenseitige Unterstützung wichtiger.
    Zum abgewöhnen!!

    Ich könnte mich

  5. Lisa, ich stimme dir zu – unheimlich arroganter Standpunkt. Welche Putzfrau kann bis zur Entbindung Toiletten schrubben und welcher weibliche Fahrradkurier kann ihr Baby mitnehmen?? So etwas kann man echt nur sagen, wenn man aus super privilegierten Verhältnissen spricht… Finde echt krass, dass ihr bei amazed so etwas veröffentlicht.

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