Komplett Gänsehaut: Im Gespräch mit Sophie Passmann

23. Juni 2021 von in

Dieser Artikel von Bernd Skupin erschien zuerst auf Vogue.de

Das aktuelle Buch von Sophie Passmann ist ein großer Rundumschlag. Kaum eine gegenwärtige Haltung oder Empfindung, die nicht provokant hinterfragt wird. Ihr Bestseller „Alte, weiße Männer“ und zahlreiche brillante Kolumnen, Podcasts und Radioshows haben Sophie Passmann zu einer Stimme ihrer Generation und aktueller Diskurse im Feminismus gemacht. In ihrem neuen Buch „Komplett Gänsehaut“ wirft die 27-jährige Autorin – oder ihre Erzählerin – jetzt einen gnadenlosen Blick auf sich selbst, die bürgerliche Prägung, auf den Zwiespalt zwischen Denken und Leben und auf viele gegenwärtige Haltungen und Buzzwords, die ihre Generation und die Diskussionen der Gegenwart bestimmen.

 

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Ihr aktuelles Buch „Komplett Gänsehaut“ liest sich als großer Monolog, der sich verzweigt, abschweift und doch voranschreitet – durch die Wohnung, auf die Straße, in die Stadt, durch Beziehungen, Erinnerungen, Haltungen. Wie würden Sie das beschreiben?

Es geht um eine Erzählerin, die die Welt, in der sie lebt, über rund 192 Seiten abhasst, ohne zu erklären, woher der Hass eigentlich kommt und warum sie glaubt, dass er berechtigt ist.

Sie beobachtet aktuelles, trendiges Verhalten. Überall stehen Bilder vom Leben herum, Lebensmodelle, die sich in alltäglichen Handlungen und Gegenständen zeigen. Ein Spiegelkabinett der Angebote, wie man sein könnte oder sollte.

In der Welt und dem Milieu, die in diesem Buch beschrieben werden, erlaubt Konsum Distinktion. Und das ist wichtig, weil die Erzählerin vor allem über Distinktion spricht. Da geht es viel um Leben in Relation zu anderen Leuten. Was habe ich? Was habe ich nicht? Was haben die anderen, und wie werde ich gesehen? Ständige Selbstbeobachtung und die Vermutung, dass einen alle anderen auch ständig beobachten.

„Ich war schon so unhöflich zu mir – und trotzdem bin ich noch bei mir.“

Was passiert, wenn so ein komplexes System auf ein zweites stößt, Stichwort Beziehung?

Die Antwort auf diese Frage liegt in ihrer Nichtbeantwortung. Es gibt in dem Buch zwei große Leerstellen: die beiden Männer, die diese Frau trifft. Mit dem einen hat sie eine Beziehung beendet – oder er hat sie verlassen –, und der andere will eigentlich gar nichts von ihr. Alles, was gegen sie verwendet werden könnte, wenn man merken würde, dass sie verletzbar oder traurig ist oder ihr vielleicht das Herz gebrochen wurde, lässt sie radikal aus. Da fügt sie lieber eine Anekdote ein.

Liebeskummer sei wie ein verlängertes Wochenende in Zürich…

…am Ende zu teuer und die Mühe nicht wert. In dem Satz zeigt sich, wie sie durch die Welt läuft, und auch ihre Arroganz, weil sie voraussetzt, dass alle wissen, wie ein langes Wochenende in Zürich so ist.

Es gibt eine Sexszene unter der Dusche – mit der Erkenntnis, dass man letztlich mit sich allein bleiben wird.

Dem Image der Einsamkeit wohnt heute etwas Armseliges inne, während die ursprüngliche Idee schlicht besagt, dass man immer mit sich selbst ist. Was ist das für ein schöner Gedanke, dass man immer sich selbst mit dabeihat! Natürlich findet man sich manchmal doof. Aber was habe ich mir schon alles verziehen? Ich war schon so unhöflich zu mir – und trotzdem bin ich immer noch bei mir.

„Vor allem so, wie Body Positivity in sozialen Netzwerken dargestellt wird, ist sie durchzogen von der Frage: Wie fühle ich mich endlich so, dass ich mir selbst glaube, dass andere mit mir ins Bett wollen?“

Daran schließt sich eine kritische Bemerkung über Body Positivity an. Was ist an dem Begriff schwierig?

Er vermittelt das Gefühl, mehrere Probleme zu lösen: dass dicke Menschen medizinisch vernachlässigt werden, dass Frauen ihre Körper hassen – und zugleich schafft man einen Markt für neue, coole T-Shirts. Man stülpt diesen einen Gedanken über drei Probleme und denkt, man ist fertig. Dazu kommt, dass er auch mit Fuckability zu tun hat. Vor allem so, wie Body Positivity in sozialen Netzwerken dargestellt wird, ist sie durchzogen von der Frage: Wie fühle ich mich endlich so, dass ich mir selbst glaube, dass andere mit mir ins Bett wollen? Das ist oft der Kern der Forderung, sich selbst schön zu finden. Warum sollen alle schön sein wollen? Wahrscheinlich möchte man von anderen attraktiv gefunden werden.

Den ganzen Artikel lest ihr hier auf VOGUE.de!

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