Netflix: 10 wirklich gute queere Filme und Serien

15. Juli 2019 von in

Zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit gibt es ein Spektrum. Diese Erkenntnis ist für die meisten von uns nichts Neues, aber sehr wohl für Film und Fernsehen: Denn da herrscht nach wie vor eine binäre Welt vor, in der es nur Mann und Frau, Blau und Rosa, A und B gibt. Sexualitäten fernab der Heteronormativität kommen wenn, dann nur in sehr klischeebehafteter Art und Weise vor – in Form eines quirligen schwulen besten Freundes oder einer Kampflesbe mit Kurzhaarfrisur. Aber langsam, ganz langsam, kommt die Erkenntnis auch im populären Film an: Gender ist ein Spektrum und Sexualität etwas sehr Individuelles. Gerade Netflix hat erkannt, dass die Darstellung von Diversität viele Chancen birgt – und hat einige wirklich gute queere Filme und Serien im Katalog. Hier kommen meine zehn Favoriten!

Pose

 

In einer kleinen Halle in Harlem, New York der 80er-Jahre entkommen eine Handvoll Außenseiter der einengenden gesellschaftlichen Norm und schlüpfen in alle Rollen, die ihnen gefallen. Die sogenannte „Ballroom“-Szene kommt regelmäßig zusammen, um sich bei Veranstaltungen ähnlich wie Misswahlen gegenseitig die „Realness“ zu attestieren. In dieser Szenerie (die es tatsächlich so gegeben hat) spielt POSE und nimmt uns mit in die Welt der transsexuellen Blanca, die ihr eigenes „House“, also ihre eigene Ballroom-Community gründet. Sie und ihre „Children“ müssen dabei täglich kämpfen: Um ihr tägliches Brot, aber auch um Anerkennung, Würde und ihren Platz in der Gesellschaft. Noch nie wurden in einer Filmproduktion so viele Transpersonen gecastet – und noch nie wurde der Schmerz des Andersseins eindrücklicher illustiert. Die Serie fängt nicht nur die 80er-Jahre mit dem Aufstieg des Trump’schen, entfesselten Kapitalismus, der Musik, der Kultur und dem Aufkommen von AIDS perfekt ein, sondern geht auch unglaublich ans Herz und legt eine große emotionale Intelligenz an den Tag.

Nanette

Stand-Up-Comedian Hannah Gadsby ging letztes Jahr mit ihrem Netflix-Special „Nanette“ viral – zurecht, denn selten hat es jemand geschafft, dermaßen schnell und eindrücklich von einer pointierten Comedyshow in eine todernste, ehrliche, erschütternde Rede zum Thema Anerkennung, Würde und Selbstliebe in einer heteronormativen und sexistischen Welt umzuschwingen. Es ist das ehrlichste Comedy-Special, das ich je gesehen habe, und es lässt einen verändert und nachdenklich zurück – auf die beste Art und Weise, denn wir alle können uns von Hannah Gadsby eine Scheibe abschneiden, wenn es um Ehrlichkeit geht. Muss man gesehen haben!

Moonlight

Was bedeutet es, als junger, homosexueller Schwarzer in Armut und in täglicher Konfrontation mit Drogen und Kriminalität seine Identität zu suchen? Das wurde nie zuvor auf einer großen Leinwand so gut inszeniert und spürbar gemacht. „Moonlight“ ist ein Kinogedicht – und hat zurecht 2017 den Oscar für den besten Film bekommen. In drei Teilen erzählt der Film die Geschichte von Chiron, der schon „faggot“ genannt wird, bevor er weiß, was das Wort bedeutet. Auf seiner Suche nach Identität verfolgen wir ihn durch seine verwirrende Kindheit, in der er allein mit seiner drogensüchtigen Mutter fertig werden muss und im Vorstadt-Gangster Juan eine Vaterfigur findet, über seine von Mobbing und Gewalt geprägte Teenagerzeit bis ins Erwachsenenalter hinein – wo man ihn kaum wieder erkennt, als er plötzlich zum muskelbepackten Gangster mit Grillz geworden ist. Männlichkeit als Performance: Chiron versteckt seinen sensiblen Charakter unter Muskeln und Goldketten. All das gerät plötzlich ins Wanken, als sich Kevin nach 10 Jahren wieder bei Chiron meldet, mit dem er als Teenager seine einzige homosexuelle Erfahrung hatte.

Please Like Me

„Please Like Me“ beginnt mit einem ungewollten Coming-Out. „Maybe we should break up. Also you’re gay“ – sagt Joshs Freundin. Bald schon merkt er, dass sie Recht hat. Dennoch ist „Please Like Me“ keine Coming-Out-Serie, denn es geht um viel, viel mehr: Joshs depressive Mutter, die schwierige Beziehung zu seinem Vater, Freundschaft, Sex und Liebe – wie im echten Leben ist es einfach sehr viel auf einmal. Es eine entzückende Mischung aus Comedy und Drama – nie zu schwer, nie zu leicht und unglaublich liebenswert.

The Death & Life of Marsha P. Johnson

„The first pride was a riot“ – so steht es auf Protestplakaten am Christopher Street Day geschrieben. Und in diesem Riot in der New Yorker Christopher Street lief Marsha P. Johnson – eine transsexuelle Sexworkerin – in der ersten Reihe mit, entschlossen und ohne Angst vor der Polizei. Ohne sie hätte es das Gay Rights Movement so nie gegeben. Heute ist ihre zentrale Rolle im Kampf um Gleichberechtigung beinahe vergessen – genauso wie ihr mysteriöser Tod. 1992 wurde sie tot aus dem Hudson River gezogen. Einer möglichen Gewalttat ging die Polizei nie wirklich nach. In der Netflix-Doku geht Victoria Cruz, selbst New Yorker Transaktivistin, den Umständen von Marshas mysteriösem Tod eigenhändig auf die Spur. Dabei trifft sie alte WegbegleiterInnen, sichtet beeindruckendes Filmmaterial und spürt den Anfängen des Gay-Rights-Movements nach – das es ohne Marsha vielleicht gar nicht gegeben hatte, und das sich dennoch von ihr abwandte.

Queer Eye

Das Konzept von „Queer Eye“ ist schnell erzählt, aber es geht in der Dokuserie um so viel mehr als ums Umstylen: Die „Fab Five“ – also Anthony, Tan, Karamo, Bobby und Jonathan – blicken jeder der Personen, deren Leben sie umkrempeln sollen, erst mal kurz in die Seele. Sie kentern das Leben der KandidatInnen und krempeln eben nicht nur die Optik um. Zwar liegt das Augenmerk trotzdem auf dem Sichtbaren: Klamotten, Haare, Beauty und Einrichtung. Aber es geht eben auch um das eigentlich Wichtigere dahinter: Selbstakzeptanz, Zusammenhalt und den Neubeginn. „Queer Eye“ ist Balsam für die Seele, denn jede Folge zeigt einem aufs Neue auf, was wirklich wichtig ist.

Carol

New York, Dezember 1952: Die junge Verkäuferin Therese und die ältere Carol begegnen sich in einem Kaufhaus und verlieben sich ineinander. Aus einem Impuls heraus schickt Therese Carol eine Karte zu Weihnachten, auf die sie wider Erwarten eine Antwort erhält. Verbunden durch das Gefühl der Einsamkeit beginnen die beiden Frauen, immer mehr Zeit miteinander zu verbringen. Ihrem Mann gefällt das gar nicht – deswegen setzt er einen Privatdetektiv auf die beiden Frauen an, um Carol das Sorgerecht für die Kinder zu entziehen. In „Carol“ geht es zwar auch um das heuchlerische Amerika der 50er-Jahre, aber vor allem geht es um eine schwierige Liebe: „Carol“ ist kein Skandalfilm, sondern eine pointierte Liebesgeschichte.

Brokeback Mountain

Es war ein kleiner Skandal, als „Brokeback Mountain“ 2005 in die Kinos kam. Selten wurde eine schwule Beziehung in Hollywood so explizit dargestellt wie von Heath Ledger und Jake Gyllenhall. Der Film erzählt geduldig und bedacht von der Liebe zwischen zwei Männern im ländlichen Amerika der 1960er-Jahre, die beide ihre Sexualität leugnen und doch nicht ohne einander sein können: Ein Drama, das von zwei Leben berichtet, die aufgrund von verinnerlichter Homophobie zum Scheitern verurteilt sind.

Steven Universe

 

Steven Universe ist fraglos die queerste Cartoonserie aller Zeiten. Geschlechterrollen und Identitäten gibt es hier nur im Plural und auf einem breiten Spektrum – ganz selbstverständlich, ohne es explizit zu thematisieren. Kurz zusammengefasst geht es um den kleinen Steven, der von drei Frauen großgezogen wird. Alle haben Superkräfte. Genauer genommen sind sie Crystal Gems: Magische Außerirdische, die die Erde vor ihrem eigenen Volk bewahren wollen. Steven selbst ist halb Gem, halb Mensch: Seine Mutter Rose, selbst Crystal Gem, starb bei seiner Geburt. Mit den Gems erlebt er wahnwitzige Abenteuer und erfährt langsam die Hintergründe eines interstellaren Krieges, bei dem seine Mutter eine wichtige Rolle gespielt hat – und entdeckt seine eigenen Kräfte. Die Serie ist unglaublich liebevoll, unterhaltsam und witzig und bietet etwas, das bisher kaum eine andere Cartoonserie bieten kann: Echte Diversität – für Kinder und Erwachsene.

Paris is Burning

Dieser Dokumentarfilm aus dem Jahr 1990 ist zurecht ein echter Klassiker der Filmgeschichte, ein einmaliges Zeitzeugnis und damit ein absolutes Must-See. Die bereits oben erwähnte Serie „Pose“ nahm sich dem Mythos an, von der „Paris is Burning“ berichtet. Im New York der 1980er-Jahre bildete sich ein queerer Schutzraum, der bis heute riesigen Einfluss auf Kultur und Kunst hat: Die Ballroom-Szene. In dieser Subkultur treffen sich Queere, um Spaß zu haben, in neue Rollen zu schlüpfen und sich gegenseitig zu feiern – aber auch, um Zeit mit ihrer Ersatzfamilie zu verbringen. Ach ja: Und nebenbei wurde das Vogueing erfunden.

Bildcredits: Focus Features, Color Force/Fox 21, Pigeon Fancier Productions, Netflix, A24.

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