Reader’s Note: Sexismus mit gewissen Vorzügen?

7. April 2020 von in

Der „positive Seximus“. Kleine Gefälligkeiten im Alltag, subtile Geschenke, unbeachtliche Rabatte, alles nichts dabei? Doch. Und das gilt es langsam zu begreifen. Ein Gastartikel von Frederike Hirt: 23, Jura-Studentin, Verfasserin vieler Testgutachten – und seit einiger Zeit auch von Texten, in denen andere Gedanken ihren Platz finden. 

Es gibt da diesen Kassierer. Vom Supermarkt um die Ecke. Ich bin nicht oft dort. Zuletzt begrüßte er mich mit den Worten: „Bist du nicht die, die nur einmal im Jahr kommt?“. Den Satz hat er geplant, als er mich am Ende der Schlange entdeckt hat. Das merke ich. Es fing an, als ich vor zwei Jahren bei ihm Proviant eingekauft habe, bevor ich nach Stockholm geflogen bin. Das nächste Mal war ich dort, als ich für eine Geburtstagstorte Besorgungen gemacht habe. Und den Proviant für London habe ich auch bei ihm eingekauft. All das weiß er noch, all das erzählt er mir. Auch ich weiß es noch – so oft werde ich an der Kasse dann doch nicht gefragt, wofür ich Mehl, Kakaopulver und Himbeeren benötige. Nach dem Bezahlvorgang eröffnet er mir, dass ich gerade einen Rabatt bekommen habe.

Es schließt sich ein ungewolltes Kompliment an, es wird erwartet, dass ich mich freue. Und ja, ich lache etwas verunsichert.

Dabei möchte ich diese Ermäßigung gar nicht. Ich habe keinen Anspruch darauf und weiß genau, warum ich sie bekomme. Trotzdem tue ich nichts, ich spiele brav mit und fühle mich vielleicht auch ein wenig geschmeichelt. Schließlich wollte er doch nur nett sein, oder? Nett sein – das will auch die gutmütige Bäckersfrau, die dem jungen Studenten mit einem Augenzwinkern ein Brötchen zu viel in die Tüte legt oder die freundliche Metzgerin, die dem Kindergartenkind eine Scheibe Mortadella über die Theke reicht.

Vom Einzel- zum Regelfall

Vielleicht wäre es das auch – vorausgesetzt es bliebe ein Einzelfall. Aber dann war da noch dieser Fitnesstrainer, mit dem es nach mehrfachem Ablehnen am Ende doch noch ein paar kostenlose Trainingsrunden gab. Dieser Unbekannte in der Bibliothek, der mir heimlich einen Bueno-Schokoriegel auf den Platz gelegt hat. Dieser Seminarleiter, der mich an einem grundsätzlich kostenpflichtigen Kurs unentgeltlich teilnehmen ließ. Häufig gibt es diesen einen Kellner, der eine Kleinigkeit dazulegt. Den Betreuer, der mir ein paar mehr Einblicke gewährt als den anderen Praktikantinnen und Praktikanten. Und die vielen Frauen, die ähnliches erleben.

Man mag es als alltäglichen Flirt oder schlichtweg als Kompliment klassifizieren, doch durch das aktive Gewähren eines Vorteils schwingt ein anderer Unterton mit. Ich bekomme einen Bonus, weil mein männliches Gegenüber in der Position ist, ihn zu gewähren und ich für attraktiv genug befunden worden bin. Zudem wäre ein Flirt zweiseitig statt einseitig, ein Kompliment würde alleine stehen und keine tätliche Unterstützung brauchen. Diese Situationen überschreiten die Schwelle zur Nettigkeit, die Grenze einer erfrischenden Koketterie. Sie sind weder auf das selbstlose Schenken noch auf ein Kennenlernen angelegt. Gleichzeitig belästigen sie nicht. Meine Männer spielen ungefragt, fast schon aufgedrängt ihre Position im Gegenzug für meine Äußerlichkeit aus.

Wäre es nicht objektiv vorteilhaft für mich, würde das ziemlich nach Sexismus klingen. Und wenn es das Konzept eines sogenannten positiven Rassismus gibt, existiert dann nicht vielleicht auch positiver Sexismus?

Ursprünge eines positiven Sexismus

Ja, er existiert. Befasst man sich konkreter mit unserer Kultur des Werbens, ist diese recht jung. Die Idee, dass einer unverheirateten Frau Respekt entgegenzubringen sei, stammt aus dem 19. Jahrhundert. Dort wurde das Weib von der Frau zur Dame – auch in der Sprache kennzeichnete sich diese neue Wertigkeit wieder. Mit der nach der Aufklärung aufkeimenden Frauenrechtsbewegung und dem neu gewonnenen Selbstbewusstsein von Arbeiterinnen mussten Wege gefunden werden, die es für alleinstehende Frauen attraktiv machten, weiter in dem Käfig der Ehe zu leben. Auch mussten durch die wachsende Anzahl von Frauen in der Öffentlichkeit Unterschiede der Geschlechter sichtbar gemacht und neue Muster geschaffen werden, wie sich Männer und Frauen zueinander zu verhalten haben. Das Tür-Öffnen, das öffentliche Unter-dem-Arm-Einhaken, das Ausgeführt-Werden, das Bezahlen, das Erheben aller Männer vom Tisch, wenn eine Frau aufsteht, waren willkommene Anzeichen, welches Geschlecht die aktive und welches die passive Rolle zu übernehmen habe. All das wurde indessen nur der „ehrenwerten“ Frau gewährt – der Frau, die sich in das strenge Korsett der gesellschaftlichen Spielregeln zwängte.

So wurde mit dem Vergolden des Käfigs das Gitter gefestigt.

Diese strukturell angelegten Geschlechterrollen wirken nach. Mein Kassenrabatt, mein Schokoriegel, mein Fitnesstraining sind in diesem Kontext zu lesen. Der Frau wird im gesellschaftlich gebilligten Kontakt ein Vorzug zuteil, weil sie als „anständig genug“ und begehrenswert eingeordnet wird. Auch wenn das im ersten Moment angenehme Folgen hat, läuft es auf eine Reduktion der Frau auf ihr Äußeres und auf die des Mannes hinaus, der erst „jemand“ ist, wenn er einen materiellen Vorteil schenken kann.

Sexismus bleibt Sexismus

Will der Feminismus sexistische Strukturen auflösen, so geht damit auch das Eingeständnis einher, dass das Miteinander der Geschlechter weniger vom einseitigen Geben und naivem Nehmen bestimmt sein darf. Auch positiver Sexismus ist Sexismus. Meine männlichen Begegnungen sind genau wie ich diesem Spiel unterlegen. Indem sie geben, fühle ich mich geschmeichelt und verpflichtet, diese „nette Geste“ anzunehmen. Indem ich, im Regelfall widerstandslos, annehme, geben sie erneut. Zum Beispiel der nächsten jungen Frau an der Kasse.

Auch wenn die Beteiligten keine unterdrückende oder unterdrückt-werdende Intention mitbringen, entspringt es dem Muster des 19. Jahrhunderts, was ich als Feministin doch eigentlich los werden wollte.

Man mag ein gewisses Spiel zwischen den Geschlechtern, eine Art des Hofierens und des Zurückziehens im Flirt evolutionspsychologisch analysieren und begründen können – gleichzusetzen mit dem materiellen Investment für eine ideelle Chance ist es nicht. Spannung lässt sich in einem koketten Gespräch erleben, Wertschätzung folgt aus der Begegnung, Begehren liest sich im Antlitz einer Person und Sicherheit vermittelt sich über ein gesundes Selbstbild. Dieser Habitus Frauen großmütig etwas auszugeben, hat wenig damit zu tun. Dass Männer wie Frauen dieses Muster unreflektiert ausleben, liegt damit nicht an einer natürlichen Weichenstellung, sondern an der sexistischen Form, in die es gegossen wird. Positiver Sexismus.

Das richtige Verhaltensmuster?

Und was mache ich jetzt mit dieser theoretischen Erkenntnis? Ich esse das Bueno. Rühmlich ist das nicht und konsequent sieht anders aus. Ich bediene die Rolle, die mir der positive Sexismus zuweist und bin dadurch ein Zähnchen im Rad, was dafür sorgt, dass es sich weiterdreht. Aber was wäre die Alternative – den Kassierer, nachdem er mir sein Verhalten nach dem Bezahlvorgang offenlegte, bitten, die Sachen zurückzunehmen und neu abzukassieren? Das Bueno liegen lassen oder – da sich in der Bibliothek eigentlich kein Essen befinden darf – ihn in den Müll werfen?

Ja, in der Theorie wären das die korrekten Reaktionen gewesen. Im Idealfall verbunden mit einer kleinen Aufklärung, was positiver Sexismus ist, damit die Beteiligten ihr Verhalten überdenken.

Gleichzeitig sind wir irgendwo alle Kinder dieser unsrigen Gesellschaft, die erst langsam aus dem Nest fliegen. Wir müssen uns und unseren Mitmenschen eingestehen sich selbstbestimmt zu emanzipieren, Weichenstellungen zur Reflektion bieten und darauf hinwirken, dass jede Generation einen Schritt nach vorne geht. Kann das nicht auch Feminismus sein – Emanzipation bis dahin, wo die Zwanghaftigkeit beginnt? Ja, einige dieser Vorteile hätte ich ablehnen müssen; mit der Entgegennahme habe ich einen unfairen, äußerlichen Vorteil genutzt. Bei anderen überwiegt dann vielleicht doch das reibungslose Miteinander. Ich werde in Zukunft meinen Weg suchen – irgendwo zwischen feministischem Ideal und angebrachter Gelassenheit. Denn eins steht fest: Das Bueno, das geht immer.

 

 

 

Sharing is caring

Eine Antwort zu “Reader’s Note: Sexismus mit gewissen Vorzügen?”

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.