The Talk: Warum wir Menschen brauchen

1. August 2018 von in

„Ich brauche keinen Menschen, ich bin auch so glücklich.“ Einen Satz, den man immer öfter hört. Wir, die alle nach Selbstoptimierung streben, sind es auch, die unabhängig und frei durchs Leben gehen wollen. Einen Partner von uns braucht niemand, schließlich sind wir stark und unabhängig. Wir bestimmen unsere Tage selbst, ohne Kompromisse, nur nach Lust und Laune, wie wir es wollen. Wenn wir einen neuen Menschen in unser Leben lassen, dann nur, wenn er uns so richtig, richtig ergänzt, mehr liefert, als wir uns jemals geben könnten, und überhaupt, abhängig machen von irgendjemand anderen, bitte auf keinen Fall.

Wertvoll erachtet wird heute der unabhängige Mensch. Bitte seid alle wirtschaftlich wie emotional unabhängig. Wer sich für das Gegenteil entscheidet, gilt als schwach. Ja – und Nein möchte ich dann immer sagen.

Lasst uns doch bitte dieses Mysterium des unabhängigen Menschens auflösen.

Stumme Blicke. Bitte was?

Ja, ich bin ein großer Verfechter dessen, dass man erst mit sich im Reinen sein soll, alleine gut klarkommen soll, sich lieben soll, bevor man sich bindet. Bitte keine Beziehung eingehen, weil man sich alleine wertlos fühlt, nicht alleine sein kann oder noch nie alleine war. Auch finanziell sollte man am besten unabhängig sein. Ist immer besser, glaube ich. Und dann wäre da noch die Sache mit dem Gleichgewicht: Ausgeglichen und auf Augenhöhe sollte das Gebrauchtwerden immer sein.
So zumindest die Theorie. Im Idealfall. Die Wahrheit liegt oft irgendwo dazwischen, denn mal ehrlich: Baustellen haben wir ja alle irgendwie irgendwo. Und manchmal spielt das Leben und es passiert einfach – und schwups, ein bisschen Unabhängigkeit ist dahin.

Ist das jetzt schlimm? Die Bankrotterklärung des modernen Menschens?

Da kommt schon mein großes Aber. Vielleicht die große Überraschung: Nein, denn wir alle brauchen Menschen. Egal, wie sehr wir uns selbst lieben, wie großartig wir alleine klarkommen und wie selbstständig wir sind. Und es ist völlig okay, das zu sagen.

An den See fahren, ins Kino gehen, das neue Restaurant ausprobieren, Urlaub machen, sich über den Job ärgern, Enttäuschungen wegstecken, durch ein Tief gehen, Erfolge feiern, stolz auf sich sein – all das sollte man im besten Falle alleine können. Aber: Mit anderen Menschen, die einen kennen und mögen, die an der Seite sind – egal ob gute oder schlechte Zeiten, mit diesen Menschen macht das doch alles sehr viel mehr Spaß. Und vieles wird auch leichter.

Ja, auch ich brauche Menschen. Tatsache. Nicht, weil ich nicht gerne alleine bin oder selbstständig bin. Nein. Im Gegenteil.
Ich brauche genau diese Menschen, weil sie mein Leben schöner machen. Meine Familie und Freunde tragen wahnsinnig viel dazu bei, dass ich glücklich bin. Sie machen mein Leben kompletter, sie spiegeln mich und lassen mich gleichzeitig so sein, wie ich bin. Durch sie kann ich wachsen, meine eigenen Wege finden, mich mit anderen Meinungen und Lebensideen auseinandersetzen, über den Tellerrand schauen und vor allem eine gute Zeit haben.

Und auch die weniger schönen Zeiten werden einfacher, wenn man diese annimmt und teilt. Wenn man sagt: Ich brauche dich gerade jetzt. Durch den dunklen Tunnel gehen fällt leichter, wenn man jemanden an seiner Seite hat. Sich nicht alleine durchzugehen trauen, Hilfe einzufordern und die Unabhängigkeit gegen Abhängigkeit tauschen, erfordert Mut, der am Ende belohnt wird.

Denn zusammen ist man eben doch immer ein bisschen weniger allein.

Wenn zwei Menschen sich entscheiden, in einer Partnerschaft emotional wie wirtschaftlich in eine Abhängigkeit zu gehen, ist das genauso okay, wie wenn zwei Menschen unbedingt ihre Unabhängigkeit wahren wollen. Wichtig ist am Ende immer, wie das Commitment zwischen den Beiden aussieht. Und vielleicht wie selbstbestimmt und frei jene Entscheidung war. Gleichzeitig ist es natürlich auch immer gut, wenn noch andere Menschen in dem eigens geschaffenen Kosmos agieren. So können sich Autonomie und Abhängigkeit per se gar nicht ausschließen.

Es ist so schade, dass die Aussage „Menschen brauchen“ so negativ konnotiert ist

Wer sich bewusst abhängig macht, aus freiem Willen, weil er Lust drauf hat, weil es sich richtig anfühlt, weil es aus keinem emotionalen Notstand heraus passiert, der gilt ja fast schon mutig in der heutigen Zeit, in der Sich-nicht-zu-sehr-drauf-einlassen, Austauschbarkeit und Freiheit das höchste Gut sind. Sich den Gefühlen ganz hingeben, nicht mit Handbremse in Liebes- und Freundschaftsbeziehungen schlittern, sondern mit vollem Bewusstsein alles hineingeben, verleiht so mancher Bindung Tiefe. Denn es ist doch schön zu wissen, man wird gebraucht. Derjenige macht das und das besonders gern mit mir und keinem anderen. Und alles immer nur mit sich alleine ausmachen, ganz ehrlich: Das klappt nur selten und kostet wahnsinnig viel Kraft. Es gibt sie, die Menschen, die das gerne mittragen. Ein- und zugestehen, dass man nirgendwo alleine durchgehen muss, muss man es sich nur selbst.
Das Wissen, für jemanden wichtig zu sein, Menschen zu haben, die für einen da sind, die das eigene Glück noch ein bisschen größer machen, ist am Ende noch besser als die Unabhängigkeit uns je geben wird. 

Vielleicht kann ja beides nebeneinander existieren – ohne sich gegenseitig zu verteufeln.

Natürlich können wir alleine durch die Welt gehen. Aber mal ehrlich: Ein bisschen Gesellschaft schadet nicht. Und das kann man getrost auch zugeben.

Foto: Heatwave Hair, Grafik: Leah Goren

 

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4 Antworten zu “The Talk: Warum wir Menschen brauchen”

  1. Ich mag deinen Schreibstil, liebe Antonia! Aber leider finde ich die Themen für eure the talk Reihe meist recht nichtssagend. Wir brauchen andere Menschen, um glücklich zu sein? Vielleicht beweg ich mich auch in anderen Kreisen, aber für mich ist das wahrlich nichts neues und im besten Fall trivial.

    • Liebe Ruma!
      Erst einmal danke dir :) Das freut mich sehr!

      Und zweitens: Ich weiß, was du meinst. Ich persönlich weiß das auch genauso wie mein Umfeld, in Feminismus-Kreisen aber auch in der Selflove-Bewegung, die ich zugegebenermaßen sehr verfolge, kommt der Gedanke aber manchmal zu kurz. Ja nicht auf andere Menschen bauen – erst einmal nur mit sich arbeiten. Nichtsdestotrotz ist es eben wichtig, manchmal auch einfach zu sagen: Trotzdem „brauche“ ich Menschen – so sehr das Wort negativ konnotiert ist. Aber ist vielleicht auch ein bisschen so ein „Bubble“-Ding.
      Seh The Talk vielleicht auch einfach als Wohlfühlort mit Gedanken zu kleinen Alltäglichkeiten in der Gefühlswelt, über die wir stolpern. Das kann und mag manchmal trivial sein – und das ist auch okay :)
      Liebe Grüße!

      • Ich finde es zum Beispiel super, dass es nicht immer nur schwere Gedankenkost gibt, sondern auch über die kleinen Dinge, die dann teilweise doch nicht so selbstverständlich sind, geschrieben wird. Lese The Talk sehr gern!

        • Das freut mich sehr!
          Genau das ist auch das Ziel – ein guter Mix zwischen wichtigen und schweren Dingen und dann wieder ein kleiner Reminder an kleine Dinge – ein bisschen leicht und fluffig! <3

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