Amelie in Afrika: Part 3 – Die moderne Hölle, Rückreise

6. Juli 2017 von in ,

30 Grad, 9 Uhr morgens. Wir sind bereits seit drei Stunden auf den Straßen Kenyas Richtung Flughafen, der Verkehr beeindruckend grauenvoll. Man hört ja immer Dinge. Viel Gehupe da drüben im Süden, Stau, missachtende Verkehrsregeln – da soll der Deutsche an sich Schweißausbrüche bekommen. Wortwörtlich, weil heiß. Sarah kauft sich an der Tankstelle Tabletten gegen irgendwas. Passend zum Abschied hat sie sich eine Grippe eingefangen (Cholera? Malaria?) und da wir beide den Weg nach Afrika wohlwissend bewappnet mit einem pflanzlichen Nasenspray antraten, müssen jetzt „Tabletten gegen irgendwas“ im Kiosk am Rande irgendeiner kenianischen Landstraße her. Etwas mit Calcium, das soll gut gegen Schnupfen wirken, oder war es Durchfall? Egal, drei davon, bitte, und Zigaretten mit Himbeer-Geschmack.

Um 15 Uhr betreten wir schwitzend und röchelnd (in Sarahs Fall) in der Innenstadt Mombasas, das „Jambo Village“. Ein einfaches Backpacker-Hotel, in dem uns eine letzte Dusche gewährt wird, bevor wir weitere 20 Stunden auf unterschiedlichsten Flughäfen verbringen dürfen. Wir duschen, fühlen uns unverändert schlecht und kurze Zeit später treten wir unsere letzte Reise des ewigen Wartens an: Der Flughafen-Marathon ist eröffnet.

Mombasa Flughafen. Stimmung: positiv, latent gereizt, aber das ist der Rückreise-Blues, da kann Mombasa nichts dafür. Wir machen es uns auf blauen Plastikstühlen bequem, ich bestelle eine Cola, Sarah einen Espresso, mit dem sie ihre erste Tablette vom Kiosk herunterspült. „Mal sehen, was die macht“, sagt sie dann. Kein W-Lan seit 18 Stunden, uns ist langweilig. Warten ohne Internet, so muss die moderne Hölle aussehen, denke ich mir. Eine Passantin erkennt die Armseligkeit meiner schniefenden und fluchenden Reisekompanin und bietet ihr freundlicherweise eine Aspirin-Tablette an und eine weitere „Tablette gegen irgendwas“. Ob sie die auch noch nehmen soll, fragt mich Sarah. Ich würd’s tun, antworte ich resignierend und schlage vor, gemeinsam einen Wodka zu trinken, in der Hoffnung, die kommenden Stunden nicht ganz so klar mitzuerleben (ich hasse Fliegen und Warten). Sarahs Zustand verschlechtert sich minütlich. Sie spült zwei weitere Tabletten mit dem Wodka herunter und kippt einen halben Liter lauwarmes Wasser nach. Boarding.

Wir steigen ein. Es läuft alles erfreulich unkompliziert, ich esse Hühnchen in irgendeiner Soße, abgepackt in einer Alu-Schale und Bohnensalat. Es läuft ein Film mit Will Smith, der schlechteste Film seit Langem. Drei Stunden später erreichen wir Addis Abeba. Es ist 21 Uhr und die kommenden drei Stunden werden wir hier verbringen. Wohlwissend aus den Erfahrungen des Hinwegs haben wir uns für den überfülltesten Flughafen, den wir je erlebt haben, Decken und Kissen der Ethiopian Airlines mitgehen lassen. „Wir haben dieselben Decken zu Hause“, mumelt Matthias leise in sich hinein, als uns ein Security-Mann skeptische Blicke zuwirft, als er die gebrandeten Business-Class Decken sieht. Business-Class Decken als Economy-Gast zu klauen fühlte sich in diesem Moment sehr nach Robin Hood an. Wir starten die Reise als Modebloggerinnen und beenden sie als kleptomanische Hippies. Sitzplätze keine Chance. Wir machen es uns auf dem Boden gemütlich und fallen in einen überraschend tiefen Schlaf. Der Wecker reißt uns aus der REM Phase. Eine halbe Stunde bis zum Boarding.

Wie konnte ein erstmals so voller Flughafen noch so viel voller werden? Das werden wir nie schaffen. Wir stellen uns an der Schlange der Gepäckkontrolle an, die sich wortwörtlich durch den gesamten Flughafen zieht und kapitulieren erneut innerlich. Die Stimmung ist am Tiefpunkt. Ich schwitze und rieche, Sarah ist so schwach, sie fällt glaube ich gleich in Ohnmacht. Keiner sagt einen Ton, bis uns Matthias rettet und einen Geheimweg findet, der uns nur noch zwei Minuten lang anstehen lässt – mich erinnert die Szenerie etwas an Mario Kart, wenn man in manchen Strecken Geheimwege einschlagen kann. Wir schaffen es pünktlich zum Gate, der Flieger hat eine Stunde Verspätung. Warten. Irgendwann ist es dann so weit, wir betreten um 23.00 das riesige Flugzeug, das heute Nacht komplett besetzt sein wird. Ich sitze eine Stunde auf meinem Platz und warte auf den Abflug, während ich mit inneren Panikattacken zu kämpfen habe. Die Vorstellung, jetzt nochmal sieben Stunden zu fliegen, macht mich in diesem Moment verrückt. ICH. WILL. HEIM.


Wir fliegen los. Ich lehne das Abendessen (gleiches Hühnchen wie im Flug zuvor) ab und schlafe ein. 5 Uhr morgens, ich wache auf, wir landen in Frankfurt. Ich treffe Sarah an der Gepäckrückgabe wieder, sie sieht fast schon erholt und frisch aus (im Vergleich zumindest). Unsere Pressereisefreunde haben einen Anschlussflug und ich habe dementsprechend verpasst, Tschüß zu sagen. Egal, ich bin sowieso schlecht in Verabschiedungen. Wir freuen uns, dass unser Gepäck angekommen ist, machen uns auf zu den Zügen und fallen uns in die Arme. Tschüß Sarah, baba, wir sehen uns dann im Internet.

Ich setze mich in den Zug Richtung München und kann nicht fassen, dass es nur noch 3,5 Stunden sind, bis ich zu Hause bin. Auf dem letzten Part des Rückweges (es sind bereits 27 Stunden reine Rückfahrt), höre ich meine „Kinda racist Africa Songs“ Playlist, die ich mit meinen Pressereisefreunden erstellt habe (Enya – Orinoco Flow, Toto – Africa, Wes – Alane,…) und lese die Nachricht von Sarah, die mal wieder genau das denkt und fühlt, was ich denke und fühle:

„Ich vermiss das alles jetzt schon.“


6 Antworten zu “Amelie in Afrika: Part 3 – Die moderne Hölle, Rückreise”

  1. Toller Bericht!
    Kann ich mir lebhaft vorstellen.
    Lange Flüge an sich sind schon schrecklich, aber dann noch überfüllte lange Flüge?
    Das geht nur mit Pillen :D
    LG Ava

  2. Amelie, das ist echt einer deiner besten Texte bisher. So lebhaft, so authentisch ge-/beschrieben – ich habe das Gefühl, selbst Teil eurer Odyssee gewesen zu sein.

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