Die feministische Doppelhaushälfte

26. Februar 2018 von in

Manche Frauen wollen heiraten. Sogar in einer Kirche mit einem weißen Kleid. Manche Frauen wollen sich jeden Tag exzessiv schminken und High-Heels tragen. Manche wollen den Namen ihres Freundes annehmen. Und – Gott bewahre – Hausfrau und Mutter sein. Können diese Frauen Feministinnen sein? Ja, selbstverständlich! Ich versteh die Frage nicht.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass es in unserer Zeit kaum einen Begriff gibt, der mit so vielen Mythen und Missverständnissen verwoben ist wie der Feminismus. Klar, das liegt einerseits an einem Mangel an Frauen, die uns im öffentlichen Raum erklären, was Feminismus überhaupt ist – oder alles sein kann – und wir werden alleingelassen mit der immergleichen Alice Schwarzer in immergleichen Ledersesseln bei immergleichen Talkshows, die immer noch einen Krawall-Feminismus vertritt like it’s 1977. Der war damals wichtig und hat Dinge ins Rollen gebracht – aber ist heute nur noch unpassend. Dass sie dabei rassistische und transphobe Aussagen in die Fernsehstudios brettert wie die Fuffies im Club und eine aus heutiger Sicht mehr als fragwürdige Meinung zum Thema Männlichkeit vertritt, interessiert da scheinbar niemanden: Noch immer ist sie in der breiten Öffentlichkeit das Gesicht des deutschen Feminismus. Aber auch der moderne Feminismus, mit dem wir inzwischen alle vertraut sind und der längst zur Popkultur und zum guten Ton geworden ist, sorgt an manchen Stellen für Irritation: Wo haben da Frauen ihren Platz, die sich in mancherlei Klischee ganz wohl fühlen?

Das Zauberwort heißt „hinterfragen“

Letzte Woche wurde viel über Nachnamen und Hochzeit diskutiert – und darüber, wie eine Entscheidung für oder gegen den eigenen Nachnamen aussehen muss, um eine gestandene Feministin zu sein. Immer, wenn eine Diskussion in diese Richtung driftet, wird der Feminismus falsch verstanden. Das Thema ist austauschbar: Mal geht es um Nachnamen, mal um Hausarbeit, mal um Klamotten, mal um Körperbehaarung, mal um die Berufswahl. Dabei ist es eigentlich nicht so kompliziert.

Als erstes und vor allem erwartet der Feminismus erst mal eine Sache: hinterfragen. Am besten alles, was uns beigebracht wurde – denn hinterfragen macht frei, und wenn man ein bisschen Übung hat, versteht man irgendwann, dass vieles, was einem als alternativlos verkauft wurde, überhaupt nicht alternativlos ist. Und oftmals mündet dieses Hinterfragen in einer ablehnenden Haltung: gegen bestimmte Erwartungen, Stereotype, Zuschreibungen und Rollenbilder.

So verhält es sich auch dem Thema Hochzeit: Den meisten von uns wurde von kleinauf suggeriert – ob nun von Eltern, Umfeld, Medien oder allen zusammen – dass die Hochzeit das Sahnehäubchen auf unserer Biografie zu sein hat. Klar, im weißen Kleid, und klar, mit dem Nachnamen des Prinzen auf der Pferdekutsche mit seinem perfekt sitzenden Haar und seinen süßen Grübchen. Das alles gilt es zu hinterfragen: Will ich den Namen von meinem Partner? Will ich heiraten? Will ich überhaupt eine Beziehung? Und steh ich überhaupt auf Grübchen und perfekt sitzendes Haar? Je weiter man mit seinen Fragezeichen an den Grund vordringt, desto besser – und das macht Feminismus aus. Lasst euch keine Blaupausen verkaufen! Stellt all das einmal ausgiebig in Frage, macht euch der Ursprünge solcher Erwartungen bewusst, hört in euch rein und lasst euch nicht unter Druck setzen.

You do you

Stellt man sich all diese Fragen ausgiebig, kann es passieren, dass mancherlei Frau trotzdem zu einem überraschenden Schluss kommt: Verdammte Hacke, ja, ich will den Prinzen und das weiße Kleid und die scheiß Grübchen! Ich will Hausfrau sein und ich steh’ auf High-Heels. Und ich habe vielleicht auch sehr triftige Gründe, meinen Nachnamen abzugeben. Und wenn das so ist, und ihr euch sicher seid: So be it! Dann – aber auch nur dann – kann es ein selbstermächtigender und feministischer Akt sein, genau dafür zu kämpfen. Der Feminismus selbst darf nicht zu einem eigenen Klischee verkommen, das es zu erfüllen gilt, wenn man eine „echte Feministin“ sein will. Das fängt mit Achselhaaren an und hört mit dem Nachnamen des Partners auf: You do you! Denn es ist gerade die Diversität, die diese Bewegung ausmacht.

Dass nur jede fünfte Frau bei der Hochzeit ihren Namen behält, ist trotzdem ein Indikator dafür, wie sehr patriarchale Strukturen noch in unserer Kultur stecken. Es ist, wenn man so will, sogar der Inbegriff des Patriarchats, denn traditionell geht mit dem Annehmen des Namens die „Obhut“ – also die Aufsicht – der Frau vom Vater auf den Ehemann über. Für viele Frauen, die ihren Namen aufgeben, stellt die Hochzeit vielleicht immer noch das Sahnehäubchen auf der Biografie und das ultimative Lebensziel dar – und der Nachname des Mannes sorgt dafür, dass jeder sehen kann, dass man es geschafft hat. Oder aber die Frage danach, wer welchen Namen bekommt, wird gar nicht erst gestellt, weil man es ja nun mal „so macht“. All das gilt es zu hinterfragen – auch wenn die Entscheidung am Ende eine persönliche bleiben muss. Aber: Es gibt auch ganz andere Gründe, die einen zu dieser Entscheidung bringen können, und selbstverständlich antifeministisches Denken zu unterstellen, wenn eine Frau ihren Namen abgeben möchte, ist genauso daneben, wie eine Frau zu verurteilen, weil sie sich Haus und Kinder und die traditionelle Familie wünscht.

Es ist, wie immer, etwas komplexer – und super individuell. Aber irgendwie auch wieder einfach – denn am Ende bleibt die Prämisse ganz simpel: Feminist*in ist, wer Gegebenes hinterfragt, sich keine Rolle mehr zuschreiben lässt, solidarisch ist, sich gegen Diskriminierung jeder Art positioniert und sein Recht auf Wahlfreiheit einfordert. Und das selbst, wenn diese Freiheit vielleicht die Formen von Doppelhaushälfte, Bausparvertrag, Golden Retriever, Mann mit perfektem Haar und Renault Twingo annimmt.

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13 Antworten zu “Die feministische Doppelhaushälfte”

  1. Was ich hinterfrage: Müssen wir wirklich immer ein Propaganda-Poster aus dem Zweiten Weltkrieg benutzen, um heutigen Feminismus zu illustrieren? Vielleicht kannst du ja auch mal einen Beitrag über »Rosie« schreiben und warum sie zum Donner überall zu finden ist – würde mich freuen.

  2. Deinen Artikel unterschreibe ich an vielen Stellen. Über den Teil mit Alice Schwarzer bin ich allerdings gestolpert. Nicht zum ersten Mal wird sie auf eurem Blog als Negativ-Beispiel für Feminismus herangezogen. Wie du sagst, sie hat Dinge ins Rollen gebracht. Sieh doch mal wo sie angefangen hat und wo Feministinnen unserer Zeit weitermachen.
    Ich denke nicht, dass es unserer Generation zusteht, sich über jemanden wie Alice Schwarzer lustig zu machen oder gar zu echauffieren, auch wenn man die Ansichten, das Männerbild oder ihre Meinung nicht vertritt.
    Alice Schwarzer wird Rassismus vorgeworfen, weil sie das traurige Frauenbild im Islam anprangert. Sie spricht aus und wägt nicht ab. Im Jahr der iranischen Revolution hat sie sich mit einer Delegation auf den Weg in den Iran gemacht, um sich selbst ein Bild von den Umwälzungen in der iranischen Gesellschaft zu machen und was diese für die dort lebenden Frauen bedeuten. Sie hat sich über Jahrzehnte mit dem Thema auseinandergesetzt, mit moslemische Freunden (Männer wie Frauen) diskutiert und weiß darüber etwas zu berichten. Sie sieht das Kopftuch nicht als Ausdruck einer emanzipierten Frau, was es mit Sicherheit sein kann. Sie sieht es als Zwang für eine große weibliche Mehrheit, die keine Stimme hat oder einen Blog oder Auftritte in Talkshows.
    Genauso kann man das Thema Prostitution heranziehen, das in einem Artikel auf eurem Blog erst kürzlich erschien. Hier gibt es natürlich Frauen, die freiwillig und überzeugt in der „Branche“ arbeiten. Die stumme Mehrheit, die es auf Zwang oder aus finanzieller Not heraus macht, hat aber nicht die Chance jederzeit auszusteigen, in sein bürgerliches Leben zurückzukehren und ein Buch darüber zu schreiben mit den Vor- und Nachteilen von Prostitution und was man daraus alles lernen kann.
    Dem heutigen Feminismums, allen voran den sog. Netz-Feministinnen reicht es oft, expressiv zu sein und es sich in Nischen gemütlich zu machen. Eine sehr bequeme Ansicht, meiner Meinung nach.

    • Da bin ich schlicht anderer Meinung. Für mich geht Alice Schwarzer an vielen Stellen zu weit, wird generalisierend und verallgemeinernd und gibt schlicht zu wenig Acht darauf, wie sehr sie mit ihren Aussagen rassistischen und transphoben Meinungen Zunder gibt – was zum Beispiel auch dazu führt, dass sich rechtsextreme Frauen, die unter dem Deckmantel des Feminismus gegen Migration wettern, auf sie beziehen (können). Dass sie viel für den Feminismus getan hat, will ich wie gesagt nicht kleinreden. Aber deswegen hat sie keine Narrenfreiheit. Bei vielem, was sie heute öffentlich sagt, stellen sich mir die Nackenhaare hoch. Ich halte ihre Meinung für antiquiert. Aber klar – das ist meine Meinung. Deswegen ist es eine Kolumne :)

      • Sie gibt „zu wenig Acht“? Meinst du, sie sollte sich besser mit ihrer Meinung und vor allem Erfahrung zurückhalten, damit dumme Menschen es nicht für sich benutzen können? Du sprichst da von einem Maulkorb. Die Dinge werden nicht weniger wahr, nur weil man sie nicht ausspricht.

        • Natürlich kann sie ihre Meinung äußern so oft und wo sie will. Aber ich teile ihre Meinung nicht und halte sie für gefährlich. Sie verteidigt Pegida und trifft sehr verallgemeinernde Aussagen über den Islam. Wie viel davon Provokation oder ernst gemeint ist, sei mal dahin gestellt – so oder ist ist sie damit mitverantwortlich dafür, wenn Rechte den Feminismus als Legitimation für islamophobe Stimmungsmache nutzen können. Das ist einfach nicht der Feminismus, mit dem ich persönlich in Verbindung gebracht werden möchte.

          • Weil Rechte sich von etwas gesagtem was rauspicken, was ihnen gerade in den Kram passt, ist das Gesagte falsch oder man ist selber rechts und man hätte es besser nicht gesagt? Krasse und gefährliche Aussage. Ich habe die Bezeichnung „Netzfeministinnen“ immer als hohle Beleidigung verstanden, aber langsam kapiere ich, was es damit auf sich hat.

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