Feminismus: MÄNNER, lackiert euch die Fingernägel!

4. Juni 2018 von in

„Ich trage gerne Unisex-Kleidung“, ist ein Satz den ich im Laufe meines Lebens nicht selten von mir gegeben habe. Eine persönliche Revolution, eine Bereicherung, ein erster Schritt aus dem Patriarchat. Eine Aufschmelzung der Geschlechterstereotype war das Unisex, das unter Anderem durch den Skandinavien-Hype und der Normcore-Bewegung vor vielen Jahren nach Deutschland kam. Was ich zu dieser Zeit außer Acht ließ war, dass Unisex in der Mode eigentlich nur hieß, dass Frauen sich anziehen wie Männer. Weg von der Körperbetonung, hin zu weiter Kleidung. Frauen ließen von ihrer stereotypisierten Weiblichkeit in den Outfits ab und kleideten sich nach dem Prinzip der stereotypisierten Männer: Jeans, T-Shirt, Sneaker.

Wenn ich mal Männer in stereotypischer Frauenmontur sehe, ist entweder Fasching oder Christopher Street Day. Männer in Miniröcken, Spaghettiträgertops, Kleidern oder High Heels sind verkleidet, gay oder trans – und nicht „unisex“. Sobald Männer ihrer Uniform, bestehend aus Jeans, T-Shirt, Hemd und Sweater, abfallen, müssen sie größtenteils einen Standpunkt vertreten, eine Rebellion verfolgen oder sich einer Sexualität zuordnen. Unisex ist noch überhaupt nicht unisex, denn eigentlich sollte der Begriff der geschlechterentkoppelten Kleidung für beide Geschlechter gelten, oder?

In der Mode sind Frauen den Männern ziemlich voraus. Sie können sich kleiden und ausdrücken wie sie möchten, ohne direkt in eine Schublade gesteckt zu werden. Ich kann also am einen Tag in einem riesigen, karierten Anzug in die Arbeit kommen und am nächsten Tag im Minikleid und Ballerinas Eis essen gehen. Keinen interessiert es. Keiner fragt mich, ob ich gay bin, wenn ich eine „Boyfriend-Jeans“ trage und gleichzeitig kann ich lesbisch sein, auch wenn ich Lippenstift und High Heels mag. Bei Männern sieht die Welt aktuell noch anders aus.

Selbst im weltoffenen Berlin, in der sich gefühlt kein Mensch für die Outfits des jeweils anderen interessiert und in der dementsprechend der modischen Freiheit keine Grenzen gesetzt sind, sieht man selten bis nie Hetero-Männer, die Miniröcke tragen, Lippenstift, High Heels oder Baguette Taschen. Doch eine Kleinigkeit ist mir hier in Berlin aufgefallen, die immer mehr die Runde zu machen scheint: Nagellack.

Nagellack ist nach der Farbe „Rosa“ und der „Metrosexualität“ à la David Beckham die nächste kleine Mode-Rebellion der männlichen Heteros, die sich ihrer äußerlichen Stereotype hinweg setzen möchten. Ein bisschen Lächerlich war der metrosexuelle Aufschrei damals ja schon, der im Grunde einfach nur heterosexuelle Männer beschrieb, die sich für ihren Kleidungsstil und Körperpflege interessierten. Selbst das, was heute selbstverständlich ist und definitiv kein Kennzeichen sexueller Vorlieben, war noch vor zehn Jahren so neu, dass es den Namen „Metrosexualität“ bekam. Und schon wieder wurde damit ein modisches Bedürfnis des Mannes mit einer „Sexualität“ betitelt. Absolut unnötig und die falsche Richtung. 

Dabei wäre es doch langsam mal an der Zeit, dass sich der Mann modisch entfalte, ohne damit ein Statement zu setzen, kategorisiert zu werden, oder einen Namen zu bekommen. Ist die Welt immer noch nicht bereit für Männer, die sich schminken und tatsächlich UNISEX kleiden, ohne eine Rebellion zu verfolgen oder eine sexuelle Vorliebe zu verkörpern?

Vielleicht bald. Jetzt, wo ich immer mehr Männer mit blauen, schwarzen, roten, metallischen, und glitzerfarbenen Nagellacken auf der Straße sehe, entfunkt nun wieder das kleine bisschen Hoffnung, das in der Mode auf mehr Vielfalt wartet. Bis dahin sei von meiner Seite aus gesagt:

Männer, lackiert euch die Fingernägel!

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12 Antworten zu “Feminismus: MÄNNER, lackiert euch die Fingernägel!”

  1. Liebe Amelie,
    du hast die Thematik meiner Meinung nach mit diesem Artikel auf den Punkt getroffen. Insbesondere dass die breitere Öffentlichkeit immernoch Sexualität mit Geschlecht gleichsetzt, was völliger Irrsinn ist. Und das Trends & Tendenzen, in welchem gesellschaftlichen Bereich auch immer, nach wie vor männlich dominiert festgeschrieben sind. Ein gesamtgesellschaftliches Defizit, dem sich Frauen anzupassen haben, weil heteronormativer, männlicher Standard.
    Aber das speziell hier auch die Unterdrückung des Mannes, durch geschlechtsspezifische Zuschreibungen, gekoppelt an Sexualität, angesprochen werden, finde ich super.
    Denn Feminismus beinhaltet meiner Meinung nach auch immer zweierlei Perspektiven, die schweigend in im Text angesprochene, gesellschaftspolitische Dogmen eingeschrieben sind.

    Vielen Dank für Deine Artikel, Amelie.

  2. Liebe Amelie,
    mit diesem Artikel hast Du, meiner Meinung nach, genau den Nerv getroffen. Es ist immernoch erschreckend feststellen zu müssen, dass in unserer gegenwärtigen Gesellschaft Sexualität nach wie vor so austauschbar mit Geschlecht gleichgesetzt wird & kulturgeschichtlich so tief in unsere „Identität“ eingeschrieben ist. Das weist auf ein gesamtgesellschaftliches Defizit hin, ein systemisches Problem, dass mehrheitlich Frauen & „andersartigen“ Menschen von der heteronormativen Hegemonie auferlegt wird, weil Standard. Da denke ich jetzt ganz spontan an Frauen, die tattoowiert sind und man(n) setzt dieses Vorliebe für Körperkunst oftmals mit Charaktereigenschaften oder sexuellen Vorlieben, a la „untriebig, polygam, ungebildet“ gleich.
    Aber ich stelle auch fest, dass diese Fehldeutung auf alle Fälle akzeptiert ist, was mir wiederum zeigt, dass ich in einer elitären Blase lebe. Deshalb würde ich mir so wünschen, dass dieser Diskurs zukünftig auch auf eine breitere Öffentlichkeit trifft. Denn so war es doch fast immer schon, sobald etwas im Alltag tendenziell normalisiert wird, steigt die Akzeptanz dessen.

    Danke für Deine Artikel, Amelie.

  3. Nagellack an den Füßen ist für mich ein Mittel zum Selbstausdruck. Leider ist es mir vergönnt, ihn in der Schule, wo ich unterrichte, zu zeigen, da ich dann wohl meinen Job los wäre. Es ist eine Privatschule.
    Für etwas mehr Hirn in der Gesellschaft wäre ich äußerst dankbar, denn Grips ist das beste Mittel gegen Dummheit – und Engstirnigkeit.
    FORD

  4. Danke für den Artikel. Steter Tropfen höhlt den Stein.
    Als von Zeit zu Zeit Nagellack benutzender Mann kann ich sagen, dass es – jedenfalls für mich – ein sehr langer Prozess war und noch ist, Nagellack an Händen und/oder Füßen einfach so in der Öffentlichkeit zu tragen. Das ging beim Outing gegenüber der Ehefrau sowie Freunden usw. los und ist lange noch nicht abgeschlossen. Am wenigsten macht es mir in der Anonymität der Großstadt aus. Reaktionen sind selten und wenn dann höchstens leise hinter vorgehaltener Hand. Angst habe ich vor z. B. von Gruppendynamik gesteuerten lauten Beleidigungen oder Lächerlichmachen.
    Aber: Wo ein Wille, da ein Weg. Männer habt Mut dazu!

  5. Ich trage als Mann seit einigen Jahren Nagellack (Gel) an den Füßen und Händen. Da die Finger immer sichtbar sind, bleibt die Farbwahl eingeschrängt (Rose oder Nude). Bis jetzt auch immer positive Reaktionen bekomme ich in der Öffentlichkeit, wenn ich starke Farben zu besonderen Anlässen (z.B. Konzerte) auftrage. Schwarz oder Bluestone sind auffällige Farben. Aber in der Regel immer von den Frauen.
    Auch andere Sachen, z.B. körperbetone Jeans aus der anderen Abteilung trage ich gern und ich habe bis jetzt nie abschlägige Reaktionen bekommen. Also geht doch mehr als man als Mann denkt, nur die Schere im Kopf muss man ablegen.

  6. Einen so guten Artikel zu dem Thema habe ich lange nicht gelesen. Auch ich gehöre zu den nagellacktragenden Männern, überwiegend an den Füßen. Ich mache es nicht selbst, sondern leiste mir alle 4 Wochen einen Besuch im Nagelstudio. Meine Leidenschaft hat mich jetzt eine langjährige Beziehung gekostet, da meine Partnerin hierüber entsetzt war.

  7. Ich habe mit Nagellack angefangen weil meine Frau meinte das mir das sehr stehen würde! Und seit fast 3 Jahren mit ganz kurzen pausen imner lack auf den Nägeln gehabt!
    Ein super Artikel nur sollten es einfach mehr Männer tun.

  8. Unisex ist die Bezeichnung, dafür dass sich die Frauen im klassischen Männerbereich bedienen dürfen. In manchen Kleidungsgeschäften gibt es z. B. nicht mehr die Trennung Herren/Damen, sondern Damen/Unisex. Männern sind bestimmte Farben zugewiesen während Frauen alle Farben offen stehen. Selten bis nie würde ein Mann mit rosafarbenem Koffer reisen, ohne erstaunte Blicke auf sich zu ziehen. Eine Frau hingegen kann und darf mit einem blauen Koffer rumlaufen. Ob mit körperbetonten Jeans, sackartiger Hose, Halbschuhen, Krawatte wird die Frau von der sogenannten Gesellschaft akzeptiert. Sobald ein Mann mit Rock, kurzer Hose mit Strumpfhose in die Gegend läuft wird er sofort in eine Schublade gesteckt: „Er ist schwul“. Ist er nicht schwul, dann fällt er in die Kategorie „Metrosexuell“. Ich persönlich halte NICHTS von diesem Begriff. Warum sollte man alles sexualisieren? Ein Mann mit lackierten Nägeln ist nichts anderes als ein Mann mit lackierten Nägeln, sei er hetero- oder homosexuell. Ich habe sehr oft lackierte Nägel im Alltag und trage alle Farben je nach Lust und Laune. Für mich gibt es keine Tabu-Farben für Männer. Also, Männer lackiert Euch die Nägel, wenn Ihr das mögt!

  9. Ein Tolles Statement.
    Ich(31) habe mich nie expliziet darüber informiert ob es viele Männer gibt die Nagellack Öffentlich tragen. Ich habe selbst aber das Gefühl das es bei vielen eine Art Angst des Verlustes von Geschlechtertrennenden Merkmalen ist. Dadurch das ich als Mann häufiger mal Nagellack trage, ist mir dies natürlich aufgefallen.
    Oft höre ich Sätze und Tuscheln wie“So ein Schöner Mann… schade das der Schwul ist!“ Was ich nie zu hören bekomme/-n (hätte) wenn ich ohne Nagellack unterwegs bin/gewesen wäre. Es scheint Verlustangst über den Wegfall eines Poteziellen Typischen Männlichen Mann vom Markt zu sein. Mein Auftreten ist übersurschnittlich Sportlich, und nicht selten seit 11 Jahren mit meiner Partnerin. Aber warum muss ich wie oft gehört gerade deshalb einen bestimmten Stereotypen Interpretieren der ich nicht sein will?!
    Ich habe einfach irgendwann vor ein „P“aar Jahren Nagellack drauf gemacht, weil ich es einfach schön finde. Ich mache sie generell meist Bunt, fast egal welche Farbe nur „zu“ knallig mag ich nicht denn ich möchte nicht Polarisieren sondern mich nur Selbst ab und an etwas aufhübschen, wie Frauen eben auch. Mir ist es auch ein Dorn Im Auge das Männer was Kleidung angeht im Grunde keine Auswahl haben“dürfen“ Es gibt Nieschen- auch für Männer aber das ist häufig gleichbedeutend mit einem Bunten Vogel! Schuhe, Hosen, Oberteile.. beim Mann bedeutet das Jeans o.ä, T+Shirt/Hemd/Pullover, oder eben ein Anzug. Ich bin nicht der Typ der gerne ein Top, Kleid etc.tragen würde, ich mag Jeans u. T-Shirt ja gerne:-). Aber ich würde allgemein gern mal mehr Auswahl haben um vielleicht noch etwas anderes mögen zu können, was ergonomisch auch etwas besser zu einem Männerkörper Passt;-)! Warum darf ein Mann in der heutigen Gesellschaft keine Schminke, keine Hohen Absätze und keine Kleider tragen wenn er das möchte, ohne gleich einen Genderaufschrei auszulösen? Das ist etwas das kann ich mir auch nach Jahren in keinster Weise erklären. Ich verstehe es wohl deshalb nicht weil ich der Meinung bin, jeder endscheidet selbst wie er sich wohlfühlt, wenn er anderen damit nicht bewusst schaden möchte.
    Im übriegen habe ich als Straßenbauer (quasi zu unrecht eine nahezu“Männerdomäne“.) erst vorkurzem einfach gedacht nach dem Urlaub ich trage ihn ja sowiso in der Öffentlichkeit und zum ablackieren hab ich jetzt kein Bock. Ich war gespannt wie häufig als „richtige Kerle“ betitelte Männer darauf Reagieren…Ergebniss:Unerwartet; Extrem Locker etwas belustigt(im Positiven) und tatsächlich auch Interessiert daran wie das so ist, und warum das bei mir „jetzt“ so ist. Inclusive „Was sagt deine Liebste dazu die muss ja Tollerant sein“.Meine Kollegen haben es hingenommen als das was es is; Marco ist sehr offen und Neutral dazu etwas verrückt. Ich habe, was ich vorher nie gedacht hätte keinerlei Abwertungen „mir gegenüber“ festgestellt.

    Liebe Männer aber auch Frauen; Weniger Angst. einfach machen. Es ist euer Leben und wir haben Alle womöglich nur dieses Eine, egal wer wir sind oder sein wollen.
    Das war nebenbei meine allererste Öffentliche Meinungsäßerung im Netz dazu.
    Du bist im inneren was du immer warst. Und wirst sein was du Tust!
    LG Marco

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