Gerechtigkeit für alle: Wie intersektionaler Feminismus unseren Horizont erweitert

1. April 2019 von in

Gibt es einen falschen Feminismus? Und wenn ja, wie sieht der aus? Wie geht der richtige Feminismus? Und wer bestimmt das? All das sind Fragen, auf die ich genauso wenig eine eindeutige Antwort habe wie alle anderen. Wer sich mit Feminismus befasst, der merkt ziemlich schnell, dass es den „einen“ Feminismus nicht gibt. Alice Schwarzer hält Margarete Stokowskis Definition für falsch – und umgekehrt. Lena Dunham ist für die einen eine feministische Ikone und für die anderen eine Verräterin. Und mit Taylor Swift brauchen wir gar nicht erst anfangen. Allerdings scheinen die Gräben zwischen den verschiedenen Definitionen von Feminismus immer aufgrund einer Sache zu entstehen: Intersektionalität. Aber was bedeutet dieses Wort eigentlich? Und warum teilt es den Feminismus in zwei Lager?

Giftige Mixturen

Intersektionalität beschreibt die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen in einer Person. Eine intersektionale Diskriminierung tritt auf, wenn eine Person aufgrund bestimmter Persönlichkeitsmerkmale Opfer verschiedener Diskriminierungsformen wird – beispielsweise nicht nur von Sexismus, sondern auch von Rassismus oder Homophobie. Diese Diskriminierungsformen addieren sich nicht nur auf, sondern führen in Kombination zu komplett eigenständigen Diskriminierungserfahrungen. Soll heißen: Eine schwarze Frau erlebt einen anderen Sexismus als eine weiße Frau. Denn Sexismus und Rassismus werden in Kombi zu einer ganz neuen, noch giftigeren Mixtur. Ein intersektionaler Feminismus möchte in erster Linie eines: diese Tatsache anerkennen.

Seinen Ursprung hat der Begriff in der feministischen Bewegung der 1960er-Jahre in den USA, als schwarze Feministinnen ihre besondere Situation aufgrund rassistischer Diskriminierung betonten. Sie warfen der feministischen Bewegung vor, sie würde sich lediglich mit den Belangen weißer Mittelschichtsfrauen befassen. Denn während weiße Frauen immer öfter angehört wurden, wurden die Interessen von nicht-weißen Frauen unter den Teppich gekehrt – und das passiert bis heute. Es äußert sich nicht zuletzt in Lena Dunhams komplett weißem Cast in Girls, in feministischem Sweatshop-Merchandise bei H&M oder im Fehlen weißer Personen bei #BlackLivesMatter-Demonstrationen.

 

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Das „verlegene usw.“

1991 benutzte die amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw zum ersten Mal den Begriff Intersectionality, der daraufhin Eingang in unterschiedliche Forschungsfelder und Politikbereiche fand – auch, wenn die Idee dahinter nicht neu war. Seit ungefähr 20 Jahren gehört er fest zum feministischen Diskurs in der ganzen Welt und sorgt nach wie vor für Uneinigkeit. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Begriff schwer zu definieren ist: Denn es ist quasi unmöglich, Diskriminierungsformen zu kategorisieren. Neben Geschlecht, Race und sozialer Schicht könnte man ohne Weiteres noch endlose weitere Kategorien aufzählen, die zu einer Benachteiligung führen: Gesundheit, Aussehen, Alter, Religion, Nationalität, usw. Judith Butler hat dazu mal gesagt, dass dieses Projekt der Klassifizierung zum Scheitern verurteilt ist: „Theorien feministischer Identität, die eine Reihe von Prädikaten wie Farbe, Sexualität, Ethnie, Klasse und Gesundheit ausarbeiten, setzen stets ein verlegenes ‚usw.‘ an das Ende ihrer Liste (…), doch gelingt es ihnen niemals, vollständig zu sein.“ Ihr merkt: Vor dem „verlegenen usw.“ bin auch ich nicht sicher.

Das macht den intersektionalen Ansatz allerdings nicht weniger wichtig, denn es geht um mehr als nur darum, Mehrfachdiskriminierung sichtbar zu machen und anzuerkennen, dass es neben Sexismus auch noch andere Themen gibt, die den Feminismus betreffen. Es geht auch um Konsequenz und Solidarität: Denn es wirkt widersprüchlich und paradox, an einer Stelle mehr Rechte einzufordern und die eigenen Privilegien an anderer Stelle selbst nicht an Benachteiligte abgeben zu wollen. Das ist der Vorwurf gegen den sogenannten White Feminism. Er scheint zu sagen: „Ja, wir wollen gleiche Rechte. Auch wenn das nur für weiße, mittelständische, heterosexuelle Frauen gilt. Der Rest ist nicht mein Problem!“

Am Fundament rütteln

Der intersektionale Feminismus der Gegenwart hat verstanden, dass es ohne Solidarität nicht möglich ist, Ungerechtigkeit zu beenden. Denn Geschlecht ist nicht die einzige Kategorie, die in unserer Gesellschaft Machtdifferenzen generiert. Und all diese Arten von Herrschaftsverhältnissen bedingen sich gegenseitig: Sie bilden ein komplexes Ganzes, das nicht zum Einsturz gebracht werden kann, wenn man bloß einzelne Bausteine herausnimmt. Will man soziale Ungerechtigkeit für alle beenden, dann muss man am Fundament rütteln.

Die US-amerikanische Soziologin Kathy Davis hat das mal folgendermaßen zusammengefasst:

„Intersektionalität thematisiert das zentrale (…) Problem in der feministischen Wissenschaft – die Anerkennung von Differenzen zwischen Frauen. Es berührt das drängendste Problem, dem sich der Feminismus aktuell gegenübersieht – die lange und schmerzliche Geschichte seiner Exklusionsprozesse.“

Es ist noch Platz am Tisch

Kurz könnte man auch sagen: Intersektionaler Feminismus meint einen Feminismus für alle. Das bedeutet nicht, dass er für alle sprechen will: Gerade die Erkenntnis, dass das überhaupt nicht möglich ist, gehört zu seinen Errungenschaften. Es ist der Versuch, Unterschiede anzuerkennen und uns nicht trotz, sondern wegen diesen Unterschieden zu einen. Das ist eine riesige Chance: Wenn man bereit ist, eigene Privilegien anzuerkennen und sie für jene einzusetzen, die weniger Ressourcen haben, dann rüttelt das tatsächlich ein bisschen am Fundament. Denn es ist nicht im System vorgesehen, dass man im Sinne der Gerechtigkeit bereit ist, für die Abschaffung der eigenen Vorteile zu kämpfen.

Auf das Wesentliche herunter gebrochen meint der intersektionale Feminismus einfach Solidarität. Und es gibt nichts Bestärkenderes als Solidarität. Leider gibt es kein Handbuch dafür, wie man diese „richtig“ übt. Aber es ist die halbe Miete, anzuerkennen, dass andere Menschen oftmals eine andere Diskriminierungserfahrung haben, die wir selbst niemals nachvollziehen werden können. Ich werde niemals wissen, wie es sich anfühlt, in Deutschland schwarz zu sein. Ich weiß auch nicht, wie es sich anfühlt, offen lesbisch zu sein. Ich wurde nie aufgrund meiner Herkunft diskriminiert. Deswegen sollte man nicht versuchen, für die zu sprechen, die es besser wissen. Sondern sollte lieber das Mikro abgeben, zuhören, lernen – und so am Fundament rütteln.

Somit liegt auch eine große Chance in der Kritik gegen weiße Feministinnen wie Lena Dunham, Alice Schwarzer oder Taylor Swift: Denn Uneinigkeit ist ein wertvolles Gut. Der aus Uneinigkeit entstehende Dialog ist die Voraussetzung für das Entstehen von Solidarität – vorausgesetzt, man hört sich gegenseitig zu, kann Kritik vertragen und damit umgehen, dass es Differenzen zwischen uns gibt. In diesem Sinne: Lasst uns aufhören, Mauern zu bauen und vergrößern wir stattdessen den Tisch – es ist Platz für alle.

 

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Bildcredits: Mica Williams / Unsplash

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2 Antworten zu “Gerechtigkeit für alle: Wie intersektionaler Feminismus unseren Horizont erweitert”

  1. danke liebe Jowa für deine tollen Artikel!! Immer sehr lesenswert! Ich fände es toll, wenn du vielleicht manchmal noch auf andere Artikel / Bücher hinweisen würdest bzw. mehr verlinkst,einfach zum weiterlesen :)

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