Kolumne: Ich bin faul, lenke mich hab und habe keinen Bock – die Prokrastination

27. März 2015 von in

Es ist Freitag, 10 Uhr. Ich habe heute Morgen um Sieben beschlossen, Home Office zu machen und nicht ins Büro zu gehen. Seit diese Entscheidung gefallen ist, liege ich im Bett und denke darüber nach, was ich heute so zu tun habe. Langsam bewege ich mich Richtung Küche, schmeiß die Kaffeemaschine an und spüle, putze, räume auf. Ich sitze am Tisch, trinke meinen Kaffee und scrolle durch Instagram und aus irgendeinem Grund, komisch, ist Instagram heute besonders interessant. Kim Kardashian hat wieder braune Haare.

Prokrastination. Mein persönliches Wort 2014 – seit ungefähr zwei Jahren ist es immer häufiger in Gebrauch. Das arme Wort verstaubte früher in der hinteren Ecke, bis unsere Generation endlich in der Altersspanne der Mittzwanziger kam und jetzt weiß das Wort gar nicht mehr, wohin mit sich, bei so viel Arbeit. Wir werden faul, wir lenken uns ab und haben keinen Bock; plötzlich ist alles interessanter, als das, was wir eigentlich tun müssen. Die Prioritätenliste verschiebt sich und statt dass ich meine Steuer angehe, ist meine Küche nun blitzblank. Während ich am Tisch sitze und über das Wort nachdenke, die Prokrastination, das Aufschieben von Tätigkeiten, die Ablenkung von Dingen, die wir tun müssen, frage ich mich, ob die Prokrastination ein Phänomen unserer Zeit ist oder ob es sie schon immer gab.

Ich denke, ich muss nicht erklären, dass wir (und mit „wir“ meine ich die Menschheit) schon immer eine ausgeprägte semi-Lust auf das Erledigen von Dingen haben, zumal die Dinge, die wir erledigen müssen, sich häufen und wir den Überblick verlieren. Das ist heute so, das war damals so, das wird auch in Zukunft so bleiben.

In Zeiten von Freiberuflern, Bloggern, Studenten, Journalisten, Instagrammern – eben dem „I do what I love“-Sumpf – verliert man häufig den Überblick von Freizeit und Arbeit. Die Berührungspunkte liegen enger aneinander als früher, die Sonntage werden zu Werktagen, und wir haben damit angefangen, uns mit unseren Aufgaben im Leben zu identifizieren. Es ist nicht mehr das Geld, das wir bekommen, es geht darum, sich selbst zu verwirklichen und das immer und überall. Es ist kein Job. Es ist kein Studium. Das bist du, denn die Dinge machen dich seit Neuestem aus.

Neulich war ich mit einem Freund im Kino. Ich habe es damals gehasst, wenn Menschen im Kino SMS geschrieben haben, und ich hasse es heute, wenn sie WhatsApp Nachrichten verfassen (Filmzeit ist mein persönliches Yoga). Das hat er beides nicht getan, nein, er hat eine E-Mail geschrieben. Keine Ahnung worum es ging, aber es schien wohl dringlich zu sein. Zugegeben war der Film schlecht, und es hat mich deshalb nicht gestört, aber ich fragte mich: Wann hört die Arbeit auf und wann fängt die Freizeit an? Haben wir noch irgendeine Richtlinie, an die wir uns halten können oder ist plötzlich jede Sekunde unserer Zeit, die wir nicht effektiv mit Arbeit verbringen, zur Prokrastination geworden?

Langsam trimmen wir uns auf ein Level von Effizienz, auf dem wir völlig vergessen, dass es etwas zwischen Arbeiten und Sich-Ablenken-von-Arbeit gibt. Nämlich die Freizeit. Die Zeit, die wir mit oberflächlich unsinnigen Dingen befüllen, wie Minigolfen, Klettern, Serien. Die Zeit, in der wir fünf Stunden nicht einmal das Bett verlassen, oder mit unseren besten Freunden vier Kaffees im Café nebenan trinken, einfach, weil es gerade so nett ist. Wir werden immer Dinge zu erledigen haben. Die Steuer wird immer anstehen, die Arbeit sowieso, das Studium hört so schnell auch nicht auf und wenn es doch aufhört, geht der ganze Stress erst richtig los.

Hört auf eure Zeit, die ihr nicht mit dem Erledigen von Dingen verbringt, als Prokrastination zu bezeichnen. Es wird immer die Tage geben, an denen ihr nichts auf die Reihe kriegt. Erinnert euch daran, dass es Freizeit gibt und dass diese freie Zeit immer fehlende Zeit für die Arbeit ist und verdammt noch mal, das ist auch gut so. Seht die Prokrastination als das, was sie ist: einen Mußezustand. Ein Zustand, in dem ihr zur Ruhe kommt und euch sortieren könnt. Faul sein ist wunderschön, das hat Pipi auch schon gesagt, und wenn ich so darüber nachdenke, sollten wir uns alle mal ein Stück von Pipi Langstrumpf abschneiden.

Versaut euch nicht die Zeit mit schlechtem Gewissen, dafür ist sie viel zu wertvoll.

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7 Antworten zu “Kolumne: Ich bin faul, lenke mich hab und habe keinen Bock – die Prokrastination”

  1. Als Freelancer fand ich es manchmal noch schwer, den Cut zwischen Freizeit und Job zu machen und hab mich bestimmt schon mal im Kino mit einer Mail erwischt. Nicht, weil ich mir keine Freizeit einräumen kann, sondern weil es Auftraggeber nicht tun und ich muss mich zwingen diese „dringende Email“ zu ignorieren. Es ist 20:30. Heute nicht mehr! Oder? Ugh! Dann habe ich es vor mir hergeschoben und schlecht geschlafen. Nie wieder haha.

    Und ich kann nur zustimmen. Die Zeit, in der mal wieder jemand kundtut, dass er gerade „hart prokrastiniert“, könnte er sich einfach etwas Gutes tun. Ich verstehe auch „Langeweile“ nicht bzw. dass es für viele entweder „Pflichten“ oder „Langeweile“ gibt. Wie kann das sein? So fühle ich mich nie und bin froh drum.

  2. Ich habe da teilweise wirklich große Probleme uni Zeugs zu erledigen. In der einen Hand halte ich den Text, den ich lesen sollte und in der anderen mein iPad. Nach jeder gelesenen Seite „belohne“ ich mich mit einmal Facebook, whatsapp, instergram etc. Zu checken. Das kann teilweise richtig ausufern und dann kann’s schon sein dass ich den ganzen Tag an einem 100 Seiten Text sitze.
    Versuche da jetzt auch ein wenig entgegen zu wirken, in dem ich eigene uni-Tage und eigene Freizeit Tage angelegt habe. Wochenende gibts auf Grund meiner Arbeit nämlich auch keines.

  3. Wunderbar geschrieben! Ich hab die Sache noch nie aus diesem Blickwinkel gesehen und zugegeben – so ist es doch viel schöner. Mit einem guten Gefühl werde ich mich jetzt auf’s Sofa lümmeln, anstatt noch ein paar Skripte zu lesen, aus denen ich jetzt sowieso nichts mehr behalte.

  4. Ach, jetzt möchte ich wie Pippi Walderdbeeren auf Grashalme fädeln und mir die Sonne aufs Gesicht scheinen lassen :)

    Und du hast schon Recht Amelie, wir sollten uns mehr entspannen und weniger dieser Durchökonomisierung unterwerfen, die überall stattfindet. Besonders bei Tätigkeiten, die weniger mit Präsenz als mit Denken/Lernen/Kreativität zu tun haben, ist dieser Leerlauf superwichtig, glaube ich. Dass das Wort Prokastination so häufig gebraucht wird, ist definitiv ein Zeichen dafür, dass immer wir immer mehr darunter leiden, dass sich immer weniger Zeit gelassen wird. Da passierts dann schnell, dass man durch den Druck, immer motiviert sein zu müssen, schon von vornherein demotiviert ist.

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