Kurze Frage: Haben Frauen über 60 eigentlich noch Sex?

26. Juni 2018 von in ,

Fotos aus der Collage ORF/Geyrhalter Film

Wir sind in einem Alter, in dem wir immer noch denken, wir sind der Mittelpunkt der Erde. Der Gedanke, dass Menschen um uns herum ein genauso ausgeprägtes Leben haben, Freunde, keine Freunde, Familie, Höhe und Tiefen, und ja, auch Sex, blenden wir die meiste Zeit aus. Wäre ja auch etwas überfordernd, sich die ganze Zeit Gedanken über Menschen machen zu müssen, die man nicht einmal kennt.

Die Sache ist: Wir werden älter. Wir alle werden älter.

Die Sache ist: Wir werden älter. Wir alle werden älter. So alt, wie die Rentnerin, die uns am Morgen beim Kaffeetrinken entgegenspaziert. So alt, wie die alten Frauen, die eingehakt die stark befahrene Straße entlang schlendern. So alt, wie die Frauen, für die wir in der U-Bahn aufstehen. Uns ist die meiste Zeit in unserem Leben nicht klar, dass wir auch diese Frauen sein werden und dass irgendwann andere Menschen für uns aufstehen werden (hoffentlich). Und da stellt sich einem schon gelegentlich die Frage, was Rentnerinnen so berührt. Worüber sie nachdenken. Was sie so erlebt haben. Um ehrlich zu sein, habe ich – mit Ausnahme der Geschichten meiner Mutter und meiner Oma – wenig Ahnung. Sie erzählen gerne von früher, wenn man interessiert fragt. Aber auch nur dann. Ansonsten halten sie sich recht verschlossen, was ihre Vergangenheit angeht. Und in der Gegenwart? Was ist da eigentlich so los?

Nur weil man alt ist, heißt es noch lange nicht, dass man kein Leben mehr hat. In die Jahre gekommene Menschen werden oft so dargestellt, als hätten sie das Leben bereits hinter sich und würden sich nun zur Ruhe setzen, stundenlang irgendwelche Horizonte ansehen und ab und zu in der Vergangenheit schwelgen. Das ist doch kompletter Bullshit. Und das lernt man spätestens, wenn man die Dokumentation „Die Lust der Frauen“ ansieht, die ich mir neulich angesehen habe, und die mich so berührt hat, dass ich vor lauter Freude weinen musste.

Die Sexualität des Mannes erhascht, egal in welchem Alter, mehr Aufmerksamkeit als die der Frau. Das ist eine Frechheit, aber das war schon immer so. Was noch frecher ist? Dass Frauen ab dem Alter von – sagen wir ungefähr 50-60 Jahren – als unsexuelle Wesen dargestellt werden. Da kommen die Menopause und fünf Enkelkinder, und das war’s dann. Mama ist Oma, und Omas haben gefälligst keine sexuellen Bedürfnisse zu haben! Omas haben immer Zeit für ihre Enkel und ihre Kinder. Sie sind dankbar, für jeden Funken Aufmerksamkeit, haben selbst eigentlich keine sonderlich nennenswerten Stationen in ihrem Leben und lesen gerne vor oder so. So ungefähr sehen viel zu viele Menschen Frauen an, die keine knackigen Wienerchen mehr sind – und das ist eine Schande.

Mama ist Oma, und Omas haben gefälligst keine sexuellen Bedürfnisse zu haben!

Denn trotz der eintretenden Menopause verändert sich im Alter, anders als beim Mann, die Sexualität der Frau nicht. Während die Lust des Mannes im reiferen Alter abnimmt und Männer mit Impotenz zu kämpfen haben, bleibt sie bei der Frau erhalten, da sie primär im Kopf stattfindet, und der verändert sich erstmal nicht.

Die österreichische Dokumentation „Die Lust der Frauen“ von Gabi Schweiger portraitiert fünf Frauen über 60, die sehr offen über ihr Liebesleben sprechen, das bei allen Protagonistinnen noch stattfindet. Sie suchen sich jüngere Liebespartner, daten auf Onlineportalen oder lassen Kreativität im Bett walten mit Männern, die mit Impotenz zu kämpfen haben. Der Film zeigt den Umgang der Frauen mit ihren eigenen alternden Körpern, erzählt von deren Vergangenheit, die fast alle mit Sex als Tabu-Thema zu kämpfen hatten, und zeigt das Liebesleben jener Frauen in der Gegenwart. Die Probleme sind unterschiedlich, und die Frauen selbst sind unterschiedlich.

Doch eines haben alle fünf Frauen gemeinsam: Sie strahlen vor Selbstbewusstsein und Lebenslust. Selten habe ich einen Film gesehen, der so viel Lebensfreude verbreitet wie dieser. Er bringt einen zum Lachen und zum Weinen. Der 60-minütige Film ist ein wahres Meisterwerk, das jeder Mensch gesehen haben sollte. Er macht glücklich, Mut und Hoffnung.

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4 Antworten zu “Kurze Frage: Haben Frauen über 60 eigentlich noch Sex?”

  1. Danke für das Thema :)
    Daran denken wirklich die Wenigsten, schade, denn Altern scheint noch immer eine Schande zu sein und in der Tat hat die Gesellschaft da kaum etwas zu bieten, obwohl „die Gesellschaft“ paradoxerweise immer älter wird und die Zielgruppen sich nach hinten verschieben.

    Aber es ist so, Frauen sollen bitte schön immer jung und schön sein (solange nimmt man sie wahr, bis auf wenige avantgardistische Ausnahmen), bei Männern reicht es, möglichst viel Geld zu haben. Immer noch.
    Aber ein bisschen hat das auch mit dem Selbstbild der Frau zu tun, denn was tun sie nicht alles, um das zu erhalten, was man von ihnen erwartet (nicht nur zu erwarten scheint).
    Das Filmgeschäft ist ein gutes Beispiel dafür.
    Frauen ab 40 spielen oft nur noch Mütter. Und ab Mitte 50 dann die Oma.

    Und ich ertappe mich dabei, darüber nachzudenken, für welches Alter man in der Bahn aufstehen sollte und bis zu welchem (subjektiven) Alter das noch eine Beleidigung darstellt.
    Naja, immerhin sensibilisiert ;)

    LG Ava

    • Liebe Ava, danke für deine Antwort. Das Filmgeschäft hat doch aber weniger etwas mit dem Selbstbild der Frau zu tun, sondern mehr mit der Erwartungshaltung der Gesellschaft. Sicherlich sollte die Frau sich gegen das Schönheitsbild ewiger Schönheit und Jugend widersetzen, doch geht damit häufig geringerer Erfolg oder Ansehen einher. Du hast natürlich recht, dass sich dennoch mehr Frauen trauen sollten, sich dem Bild zu widersetzen.

      Hast du dir die Doku mal angesehen? Tu das! Die ist echt toll.

      • Liebe Amelie,
        danke auch für deine Antwort.
        Natürlich hast du Recht, wenn du fragst, was das mit dem Selbstbild der Frau zu tun haben mag.
        Ich finde, hier schliesst sich der Kreis zwischen dem Selbstbild der Frau und der Erwartungshaltung der Gesellschaft.
        Viele verkaufen sich noch unter Wert, nur wenige sagen nein, wenn sie sich nicht in etwas wiederfinden oder ihnen etwas nicht entspricht.

        Ist mein Selbstbild ein durchweg anderes als das, was mir die Gesellschaft vorgibt, dann kann ich mich eher gegen etwas auflehnen, als es immer nur schulterzuckend hinzunehmen, weil „man es eben von einem erwartet und die Welt nun mal so ist“.

        Unbewusst ist noch zu sehr einprogrammiert, dass „wir“ Frauen doch auf ewig fruchtbar aussehen mögen, denn darauf läuft es doch am Ende hinaus.
        So ist eben der Lauf des Lebens, wird heute aber verzerrt.
        Ich empfinde, es ist eher bei uns (in der westlichen Kultur) etabliert, denn es gibt durchaus andere Kulturen, die das Alter und damit einhergehend, ältere Frauen sehr schätzen und ihnen dann auch andere Eigenschaften zusprechen als nur die der Gebärfreudigen, zB die der Weisen. Bei uns sind die Alten einfach unsichtbar.

        Ich habe mir die Doku markiert, ich werde mir diese auf jeden Fall ansehen :)

        Liebe Grüsse
        Ava

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