Coffee Break: Wunde Punkte und Höhenangst

13. März 2016 von in

Letztens meinte jemand zu mir: „Als Single ging es mir irgendwie besser.“ Normalerweise würde man sich dann denken: Na dann raus aus deiner Beziehung. Du solltest doch mit jemandem zusammen sein, der dich glücklich macht.

Das ist vielleicht einer der größten Irrtümer überhaupt: Endlich jemanden finden, der einen rundum glücklich macht. Ja, man kann mit dem Anderen glücklich sein, aber man kann nicht erwarten, dass er einen glücklich macht. Denn, wenn man alleine nicht wirklich glücklich ist, wird man es zu zweit mit großer Wahrscheinlichkeit noch weniger sein. Wer also ein Defizit in die Beziehung mitbringt, der kann sich sicher sein, dass es früher oder später (wieder) zum Thema wird. Und das ist als Single natürlich viel einfacher – da kann man nächtelang um die Häuser ziehen und seinen Defiziten immer schön aus dem Weg gehen.

Ich gehe jetzt mal so weit und behaupte, dass jeder ein Defizit hat, das er mit sich herumschleppt. Irgendeinen wunden Punkt, der schon von den verschiedensten Menschen immer wieder getroffen werden konnte. Das können Verlustängste sein, ein geringes Selbstwertgefühl oder Angst vor Kontrollverlust. Es kann die Angst davor sein betrogen, plötzlich ersetzt zu werden, nicht zu genügen, nicht mit all seinen Fehlern und Ecken akzeptiert zu werden. Angst davor, sich zu öffnen und dann stehengelassen zu werden. Und so weiter.

Ich glaube, Beziehungen sind nicht dazu da, uns immer nur glücklich zu machen, sondern auch uns eben jene Punkte und Defizite aufzuzeigen, sie anzuschauen und im besten Fall zu klären. Denn wer sein Thema nicht anschaut und es irgendwie schafft, seinen Frieden damit zu machen, dem wird es – ganz egal, wer da kommt – immer und immer und immer wieder begegnen.

Dieser andere Jemand sollte aber nicht nur deine Punkte drücken, sondern sie auch mit dir auflösen können. Und hier fällt dann schon mal ein Großteil der Kandidaten weg. Ein Beispiel: Wenn man panische Angst davor hat, betrogen zu werden, dann wird man mit jemandem, der immer wieder bis an die Grenze des Fremdgehens geht, zwar ganz toll immer wieder auf seinen wunden Punkt aufmerksam gemacht, aber es wird einen in keinster Weise heilen. Ganz im Gegenteil. Hier besteht eher die Gefahr, dass die Eifersucht noch größer, man selbst noch misstrauischer wird.

Es ist vielleicht wie, wenn jemand Höhenangst hat. Dann hilft es herzlich wenig, wenn man immer wieder so tut, als würde man ihn aus dem Skilift schubsen, sondern was dieser Jemand braucht, sind erfolgreiche, angstfreie Skilift-Fahrten – so oft, bis er geheilt ist. Dazu eine tröstende Hand auf der Schulter, die hat ja noch niemandem geschadet. Und wenn man das schafft, sich zu heilen, dann wird es einem immer besser gehen – ganz egal, ob man Single ist oder ein Paar.

3 Antworten zu “Coffee Break: Wunde Punkte und Höhenangst”

  1. Schöner Gedanke, liebe Anja. Allerdings glaub ich, das ist genau in vielen Beziehungen das Problem: Sich dem anderen mit allen Fehlern und Defiziten zu öffnen und zu sagen: Hör zu, ich bin betrogen worden, ich bin da eifersüchtig! Wir wollen ja immer erstmal tough und möglichst perfekt wirken. Aber ich denke, genau mit so viel Offenheit und Ehrlichkeit würde man sich vielleicht viel besser verstehen und gegenseitig wirklich heilen können.
    Liebe Grüße,
    Kathi

  2. Wahre Worte, die du da schreibst. Ich glaube, es ist erstmal schon der erste, schwere Schritt, sich selbst überhaupt seine „Defizite“ eingestehen zu können. Darüber möchte man selbst ja doch auch gern mal hinwegsehen, zumindest geht mir das oft so. Das macht es aber für das Gegenüber natürlich noch schwerer, da irgendwie eine Basis zu finden, auf der man sich wirklich gegenseitig vertrauen kann. Der Hauptpunkt ist wohl einfach Kommunikation, auch wenn’s schwer fällt..

  3. Ich persönlich schwanke immer zwischen Konfrontation und Heilung.
    Also entweder passiert einem Mist z.B. Betrogenwerden so oft, dass es einem egal wird oder es passiert gar nicht mehr (aber eben nur mit diesem einen Partner).
    Bei jedem neuen fängt man vielleicht doch wieder von vorn an, weil die Panik vor dem Betrogenwerden eben selten an einem / dem jeweiligen Partner, sondern vielleicht doch an einem selbst liegt. Verlustängste / Ängste vor der Ablehnung sind oft was generelles, als nur auf eine bestimmte Person bezogen.
    Ich weiss es nicht. Dachte ich mir nur so.

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