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Kein Land sehen: Nils in Israel

10. Februar 2017 von in ,

Ein Land ist immer nur das, was es möchte, dass du siehst. Israel wollte sich mir auf einem kleinen ausklappbaren Plastikbildschirm über meinem Kopf offenbaren. Als Sitcom für dicke Omas, ohne Ton, dafür mit Werbeunterbrechung für Schmuck. Ich brauchte erstmal ein Sandwich in diesem Flieger. Sabich am besten. Bitte ein Sabich.

Fast wäre ich in Schönefeld geblieben. Der israelische Vin Diesel von der Passkontrolle hatte mich einer stundenlangen Psychoanalyse unterzogen, bis es 20 Minuten nach Abflug war. Die haben mir das alles nicht abgenommen. Autor. Auf dem Weg ins Gelobte Land. Nur Handgepäck. Manchmal hatte der Typ einfach nur in meine Augen geguckt und gewartet, ob ich zusammenbreche. Erst fand ich das unterhaltsam, aber bei der Grenzkontrolle zu lachen ist genauso wenig von Vorteil wie Neugierde als Reisegrund anzugeben. Heutzutage reist man wegen Tourismus oder Strandurlaub, wegen Sex oder billigen Drogen. Wegen der Sonne oder weil man mal wieder Burnout hat. Weil man weg will. Nicht weil man hin will.

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Immerhin haben sie es geschafft, mich und noch zwei Passagiere ins Flugzeug zu holen. Die anderen acht in der Kontrolle durften nicht mehr mit. Kein Wunder, dass Dana und ich uns gut fanden. Ich fand sie gut, weil sie ungefähr das Schönste war, was ich seit diesem einen Sonnenuntergang in Kapstadt gesehen hatte, außerdem schien sie das Psychogespräch wesentlich souveräner über die Runden zu bekommen wie ich. Und sie fand mich wahrscheinlich gut, weil ich ihr während der Kontrolle öfters ein Das-wird-schon zugelächelt hatte. Das tut gut in Stresssituationen, wenn einer lächelt. Wir hatten es zusammen geschafft, wir saßen nebeneinander im Rollfeldbus, und im Flugzeug hintereinander. Ich konnte die drei Flugstunden an wenig anderes denken. Es war immer Dana, Sabich, Dana. Wahrscheinlich habe ich zwei Stunden auf diesem Flug nur an sie gedacht. Und eine Stunde an Sabich. Ich liebe Sabich, das muss man dazu sagen.

„Don‘t go to Israel in August,“ hat mein israelischer Freund gesagt, „it is fucking hot and there is going to be a war. But Tel Aviv is crääsy“ Das sind wohl die Dinge, die man mir sagen muss, damit ich irgendwo hin fliege.

Von Krieg war hier im Flieger noch nichts zu sehen. Die Israelis hier waren alle dick und stopften Chips in sich rein. Die dicken Kinder, die dicken Eltern, die dicken Omas. Alle. Chips. Irgendwann kam das dicke Mädchen vor mir mit einer heißen Instantsuppe an, und dann warf sie sie über vier Sitzreihen nach hinten und drei Sitzreihen in die Breite. Ein bisschen Suppe landete auf meinem nackten Bein, auf der dicken Frau neben mir landete etwas mehr. Auf der Schlafkrause des dicken Mannes links von mir am Gang landete einiges mehr. Die war richtig voll. Der Boden war voll, die Sitze, überall war Instantsuppe, Chicken Deluxe. Des dicken Mädchens dicker Papa saß währenddessen vorne in der ersten Klasse und aß Chips Deluxe. The Show must go on, wie sie hier in Israel sagen. Also, ich weiß nicht, ob sie das wirklich so sagen, ich war ja noch nie hier, aber ich ging einfach einmal davon aus. Also klopfte der Typ links seine Halskrause ab, die Oma neben mir rieb sich die Suppe von ihrer gefälschten Gucci Tasche und putzte sich die Finger mit einem Feuchttuch. Das dicke Mädchen schüttelte ihre suppengetränkte Decke aus, während wieder ein bisschen Chicken Deluxe auf meinem Bein landete. Und dann fiel der Flieger ab und ab in Richtung der Landebahn und es wurde immer heißer und das Chicken Deluxe, das noch auf meinem Bein war, trocknete ganz langsam aus in der Sonne des Mittleren Ostens, die sich schwer auf deine Schultern setzt, wie ein Kamel mit Sonnenbrand.

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2 Antworten zu “Kein Land sehen: Nils in Israel”

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