Er so SIE so: Nils, ich habe Haare am Körper!

28. September 2016 von in

Screenshot H&M Herbst Kampagne

hi nils, wie gehZ dir? lang ned gelesen *löl*. Hier spricht mein 12-jähriges Ich. Mein Spitzname ist „Amsel“, ich spiele gerne Sims und chatte auf Knuddels.de. Meine Lieblingsband ist Tic Tac Toe und mein Schwarm heißt Jacob Underwood (ja, ja, google ihn nur). Ich bin vorpubertär und wünsche mir nichts mehr, als endlich meine Periode zu bekommen. Eines Tages ist es so weit: Ich habe zwar nicht meine Periode, aber es geht in die richtige Richtung: Das erste Achselhaar meines Lebens. Ich bin sehr stolz: „Mamamaaaaaaaaa!!! Ich habe ein Achselhaar!!!!!!“, „Toll Kindi!“, meine Mama ist auch sehr stolz.

Als ich schon zwei Achselhaare habe, ist es vorbei mit dem Stolz und der Freude. Der Zwiespalt bringt mich auf den Boden der Tatsachen und stellt mich vor die erste Trennung meines Lebens. Denn ich weiß, dass es bald vorbei sein wird, mit mir und meinen Haaren. Ich weiß, dass ich ab sofort den Rasierer in der Dusche nutzen werde – für immer.

Ein paar Jahre später sitze ich am Duschboden und schneide mich zum hundertsten Mal an meinem Knie, bis mir aus Wut über das blutende Bein die Frage in den Kopf schnellt: „Wieso muss ich mir eigentlich jeden Tag die Beine und Achseln rasieren? Wieso muss ich meine Augenbrauen zupfen? Was kostet Lasern?“, ich glaube, das war der Tag, an dem ich Feministin wurde, ohne es zu merken. Nicht, weil Feministinnen sich prinzipiell nicht rasieren, sondern weil sie gesellschaftliche Strukturen hinterfragen.

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Zign A/W 2016 Kampagne

Zwölf Jahre später sitze ich immer noch unter der Dusche und rasiere meine Beine. Ich schneide mich nicht mehr am Knie (das habe ich mittlerweile raus), aber ich verfluche das Rasieren weiterhin. „Hör‘ doch einfach auf damit“, raunt mir eine Stimme entgegen. Die Stimme eines H&M Models, das mit rosa gefärbtem Haar und Achselhaaren in meinen Bildschirm grinst. Die Stimme eines Zign Models der Hausmarke Zalando, dessen Achsel- und Intimhaare sich mit Stiefeletten aus Pelzimitat paaren. Körperbehaarung an Frauen ist, zumindest in der Theorie, wieder cool. In der Praxis bin ich aber noch nicht so weit und frage mich: Warum?

Mir fällt spontan kein anderes Thema ein, bei dem ich mich fremdbestimmter fühle, als bei Körperbehaarung. Denn es ist so: Mir sind meine Haare total egal. Ich rasiere mich nicht, weil ich meine Achseln unbehaart schöner finde. Ich rasiere mich, weil es von mir erwartet wird. Ich fühle mich gezwungen, meinen Körper glatt zu halten, um nicht als „eklig“, „unattraktiv“, „Hippie“ oder „Alice Schwarzer Jünger“, abgestempelt zu werden. Und eines sage ich dir, Nils: Ich will irgendwann damit aufhören. Aber würde ich es momentan tun, würde ich keine kurzen Röcke tragen und keine Klimmzüge vor Publikum machen (das passiert überraschend häufig). Ich würde mich für meine Haare schämen.

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Zign A/W 2016 Kampagne

Ihr Männer habt wenigstens die Wahl. Wenn du als Mann deine Brust rasierst, bist du ein Parfum-Model. Wenn du als Frau deine Beine nicht rasierst, bist du seit ein paar Jahren in einer Beziehung, und es ist Winter. Wenn überhaupt. Ich bin noch nicht bereit für 1 unrasiertes Life, weil Männer noch nicht bereit für unrasierte Frauen sind. Oder bilde ich mir das ein? Ist die Situation entspannter als gedacht? Ist es München? Muss ich nach Berlin ziehen?

Nils Antwort folgt nächste Woche.

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12 Antworten zu “Er so SIE so: Nils, ich habe Haare am Körper!”

  1. Ich fürchte es sind nicht mal so arg die Männer, die noch nicht bereit sind…Ich bin der von dir beschriebene Fall von schon-lange-in-der-Beziehung. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Freund praktisch nicht merkt, was auf meinem Bein wächst oder nicht. Ich glaube eher, dass WIR noch nicht bereit sind, zu sagen: scheiß drauf, heute morgen hatte ich besseres zu tun. Lebt mit meinen Stoppeln! Dieses Selbstbewusstsein muss zumindest ich mir noch angewöhnen.

    • Hahaha, sehr schön. Allerdings ist für mich eine Beziehung eine Ausnahmesituation, wie ich auch in dem Artikel beschreibe. In Beziehungen waren es meinen Männern öfter mal egal, ob ich behaart bin oder nicht :). Außerdem ist leider ein Unterschied zwischen Stoppeln und richtiger Behaarung! Und ja. Das Selbstbewusstsein brauch ich auch noch von irgendwoher.

      • Das stimmt, ein Unterschied ist da! So ganz hab ich mich an die Ästhetik von langen Haaren an Beinen oder Achseln aber auch noch nicht gewöhnt, genauso wie ich mir langsam wieder das Gefallen an einen Körper im normalgewichtigen Bereich antrainieren musste.

  2. Mir geht’s ganz ähnlich. Definitiv noch nicht bereit fürs Wachsen-lassen! LEIDER! Denn so wie du es richtig beschreibst, ist es eigentlich totaler Schwachsinn, was wir Frauen uns da tagtäglich antun. Und mal ganz ehrlich betrachtet wenig emanzipiert. Eine richtige Antwort auf das Warum habe ich nicht. Nur soviel, dass ich Haare an Beinen und im ‚Bikinischritt‘ nicht wirklich hübsch finde. Aber vielleicht ist auch das schon eine anerzogenen ‚Meinung’….ein bisschen zum Mäusemelken!

    Bin sehr gespannt, was Nils dazu zu sagen hat.

  3. Ich bin von Anfang an relativ standhaft geblieben und habe nur irgendwann als Teenie angefangen, mir mit Enthaarungscreme die Achseln zu enthaaren. Und auch nur dann, wenn ich ärmellose Kleidung getragen habe. Ob meine (Sexual-)Partner meine Achselhaare sehen, war mir egal. Vor wenigen Jahren habe ich angefangen, meine Augenbrauen zu zupfen, weil ich so viel mehr Augenlidfläche zum Schminken hatte.;)
    Ansonsten habe ich nichts rasiert, keine Beine, keine Arme, keine Bikinizone … und es war für niemanden ein Problem. Zumindest für niemanden, der mir wichtig war. Natürlich merke ich im Sommer, dass mir fremde Frauen (!!! –> nie die Männer) auf die Beine starren, aber da muss ich durch. Ich finde Rasieren schrecklich, würde mich dauernd schneiden und mag das stoppelige Gefühl nicht. Andere Methoden sind entweder schmerzhaft oder stinken (das nervt mich ja schon bei den wenigen Malen mit der Enthaarungscreme im Jahr) Und mit Haaren sind meine Beine viel weicher.:)

    Go for it! Es ist alles nur eine Frage der Gewöhnung.:)

    lg,
    Sarah

  4. Ich rasierte meine Achseln neulich einige Wochen nicht und habe mich pudelwohl damit gefühlt. Es hat mich nicht gestört und meinen Freund auch nicht. Ich schaute zwischendurch wie lang sie schon geworden sind. Doch als ich gestern wieder ein Top und kein langärmeliges Shirt trug, rasierte ich mir meine Achseln wieder. Ich hätte mich definitiv noch nicht getraut so raus zu gehen. Wobei ich die Vorstellung und die verdutzten Gesichter meiner Mitmenschen auch ganz ulkig fände :D

    Liebe Grüße,
    Susanna
    _____________________________
    http://www.susannavonundzustil.de

  5. Die einzigen Haare die ich toll finde sind die kleinen blonden, die mir ums Knie und am Oberschenkel wachsen. Weil ich da nie rasiert habe, sind die ganz fein und scheinen in Sommer in der Sonne ganz golden. Die haben mich tatsächlich nie gestört und ich mag es, sie im Sommer zu sehen. Den Rest rasiere ich auch- obwohl ich auch absolut kein Problem habe meine Beine mal 5 Tage nicht zu rasieren.
    Schießt drauf, mädels!

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