Kolumne: Die (nicht vorhandene) Frau im Film

29. Januar 2016 von in

Ich liebe Filme. Wenn ich mir die imdb Liste der besten Filme aller Zeiten ansehe, stelle ich fest, dass ich nahezu jeden Film auf den ersten 50 Plätzen gesehen habe. Zu meinen Lieblingsfilmen gehören mitunter The usual suspects, 12 angry men, Fight Club und Tausende mehr. Welche Gemeinsamkeiten all diese Filme haben? Keine Frau hat eine namenhafte Rolle.

Nun kann man sagen, das stimmt nicht, in Pulp Fiction gibt es eine tolle Frau. Ja, eine. Sie ist die Quotenfrau, deren Charakter es ist, „die Frau“ zu sein. Der Bechdel Test – eine Theorie der Autorin Alison Bechdel, der die Stereotypisierung weiblicher Rollen in Filmen misst – wertet anhand drei Fragen den Charakter der Frau in Film, Fernsehen und Serien. Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?

Zwar ist der Bechdel Test keine wissenschaftlich anerkannte Theorie, aber eine gute Orientierung für das Problem. Sobald zwei oder mehrere Frauen mit mehr als einem Charakterzug (neben gutem Aussehen und der Schwachpunkt des vielschichten und komplizierten Mannes zu sein) vorkommen, handelt es sich schnell um das Subgenre „Frauenfilm“. Das Absurdeste ist, dass mir das Problem fehlender weiblicher Rollen in der Filmbranche erst auffiel, als ich in den letzten Jahren von positiven Gegenbeispielen überrascht wurde.

Angefangen mit Hunger Games. Man kann über den Film sagen, was man will, aber im Genderkontext hat der Blockbuster alles richtig gemacht. Eine Frau besetzt die Hauptrolle, ohne, dass es sich um einen Frauenfilm handelt. Die Frau kann sich verteidigen, sie macht eine Entwicklung durch, sie hat Charakter und bleibt dabei eine Frau. Neben der Protagonistin gibt es weitere weibliche Nebendarstellerinnen, gut und böse. Nicht zu vergessen die fantastischen männlichen Rollen in Hunger Games! Die Geschlechterverteilung ist ausgewogen.

Weiter geht es mit Serien. Die absoluten Vorreiter weiblicher Rollen: Broad City, Parks and Recreation, Orange ist the new Black und natürlich Jessica Jones. Und diese sind nur ein paar der Serien, in denen der weibliche Charakter über „die gut aussehende Quotenfrau“ zu sein, hinausgeht. Gleichzeitig sehen obige Serien tatsächlich auch Männer an, was ein Riesenfortschritt ist und eigentlich selbstverständlich sein sollte – aber eins nach dem anderen.

Dabei geht es nicht darum, Männer aus der Filmbranche zu drängen. Wir Frauen werden mit Sicherheit nicht ausschließlich Filme sehen, in denen Frauenrollen in der Mehrzahl sind. Es geht darum, wie in allem, ein Gleichgewicht zu finden. Der weibliche Filmcharakter soll in der Zukunft genauso wichtig sein wie der männliche Filmcharakter. Die Genderdebatte auf einem der wichtigsten kulturellen Kanäle zu spielen – auf dem Bildschirm – ist ein unumgänglicher Schritt. Filme prägen uns und unsere Gesellschaft. Wenn Frauen die Möglichkeit bekommen, sich mit starken weiblichen Charakteren identifizieren zu können und sich gleichzeitig Männer daran gewöhnen, dass weibliche Protagonistinnen außerhalb von „Frauenfilmen“ spielen, ist viel gewonnen. Für Frauen und für Männer.

Alle Kolumnen

Facebook // Bloglovin // Instagram // Twitter

 

 

15 Antworten zu “Kolumne: Die (nicht vorhandene) Frau im Film”

  1. sehr gute Kolumne!
    du hast absolut recht. das empfinde ich als viel wichtiger, als die sinnlose Umbenennung von Einrichtungen, die unglaublich viel Geld kosten.
    Eine „klassische Filmfrau“ unterhält mich vielleicht 1,5 Stunden, aber sie gibt mir nichts. Hunger Games hab ich gelesen und ich konnte eine Verbindung zu ihr aufbauen, weil ihr starker Charakter michc berührt hat. Das können wir mehr gebrauchen, weil diese Verbindung mit Sicherheit auch ein Mann zu einer Frau aufbauen kann!

    LG Katrin

  2. Puh…ja ich verstehe worauf du hinauswillst.
    Nimm es mir nicht übel, aber gerade bei deinen Beispielen von Hunger Games und Jessica Jones muss ich sagen: Die beiden Rollen der Protagonistinnen haben für mich in etwa das Facettenreichtum und die Tiefgründigkeit eines Knäckebrots. Sorry für den gemeinen Vergleich. Da gibts deutlich schönere Rollen, gerade auch in anderen J.Law Filmen.
    Ist vielleicht auch mein subjektives Empfinden. ;)
    Liebe Grüße!

    • Liebe Melina, ich verstehe deine Kritik wirklich sehr. Das Problem ist für mich in den oben aufgeführten Beispielen, dass es sich um Blockbuster im Film- und Serienformat handelt. Also um kommerzielle Produktionen. Ich möchte eigentlich nicht pauschalisieren, aber in solchen fetten Blockbustern wird der Charakter eher selten tiefgründig und fein herausgearbeitet. Trotzdem sind kommerzielle Blockbuster in meinen Augen wahnsinnig prägend in unserer Gesellschaft und selbst wenn die Charaktere flach sind, sie sind weiblich, stark und nicht dem Klischee „der Frau“ entsprechend. Wir stehen da in meinen Augen noch relativ am Anfang, aber es kommt immer mehr und zwar in ganz unterschiedlicher Art und Weise – wenn du mal Lust auf eine lustige Serie hast, dann empfehle ich dir Broad City. Hunger Games und Jessica Jones sind ganz einfach Formate, die jeder kennt. Die JLaw Filme, die nach dem Bechdel Test feministische Filme sind, würden mich aber trotzdem sehr interessieren! Und auch generell Filme, in denen Frauen deiner Meinung nach facettenreichere Charaktere haben.

      • Danke für dein Feedback! Dem kann ich 100% zustimmen. Das Blockbuster Argument ist schon richtig. Und danke für den Serientipp! :)
        Da fällt mir gerade ein: Ich mag die Rolle von Claire Underwood in House of Cards und natürlich Carrie Matthison in Homeland. Absolut keine schwachen Figuren, die dem Klischee entsprechen. ;)

  3. Schöner Kommentar, der einen wichtigen Punkt anspricht. Genau aus diesem Grund hat mich der neue Star Wars Film auch dermassen begeistert: Nicht wegen der Geschichte, sondern weil in einem der wichtigsten Blockbuster dieses Jahr eine coole toughe Heldin die Hauptrolle spielt, die nicht in sexy Kostümen rumrennt und auch nicht „gerettet“ werden muss oder sich in einen anderen Helden verlieben muss.

      • Star Wars ist wirklich gut, sowohl was Frauen als auch was People of Color angeht.
        Es gab ja schließlich schon beim ersten Trailer, der einen schwarzen Stormtrooper zeigte (Fin <3) genug Rassisten, die aufgeschrien haben, dass das ja nicht ginge. GLeichzeitig hast du auch mit Oscar Isaac einen Latino als weiteren HAuptdarsteller.

  4. Falls du dich weiter damit auseinadersetzen willst, kann ich dir einerseits den Text „Visual Pleasure and Narrative Cinema“ von Laura Mulvey ans Herz legen oder das frisch-erschienene „Frauenfiguren des zeitgenössischen Mainstreamfilms“ von Alice Fleischmann. Es geht um den männlichen Blick im Kino, also Fetischisierung der Frau, und im zweiten Buch zusätzlich auch um die fehlende Sprache der Frau (wie beim Bechdel-Test).
    Viele Grüße,
    Kristina

Schreibe einen Kommentar