Als plötzlich alle offline gingen, oder auch: Instagram stirbt!

4. September 2019 von in

Noch nie habe ich diese Posts auf Instagram häufiger gesehen. Posts, die die Information teilen, dass es erstmal keine Posts mehr geben wird. Wem die Ironie dahinter genauso irritiert wie mich, der macht es gleich noch radikaler und teilt einfach gar nichts mehr auf Instagram. Kommentarlos. Die Instagram-Posts von September 2018 oder so liegen wie Brachland auf dem Insta-Feed, zurückgelassene Ruinen wie die Skelette von Familienhäusern auf den Fotos des letzten Kreta-Urlaubs. Die neuerdings nicht mehr auf Instagram zu sehen sind, sondern höchstens schüchtern und ausgewählt auf Insta Story online gehen, fein säuberlich analog fürs Fotoalbum geschossen wurden, oder oldschool auf iMessage oder WhatsApp an Freunde und Familie versendet wurden: „Liebe Grüße aus meinem ganz persönlichen Offline-Urlaub!“.

Ist Offline das neue Online?

Die Banalität des Ansatzes von Social Media scheint überhand zu gewinnen. Viel zu oft haben wir uns alle gefragt, was wir da eigentlich tun, wenn wir ein Selfie von uns hochladen und wem dieses Foto überhaupt etwas nützt. Egal, denken wir dann und ab dafür, das Bild von unserem Gesicht mit der Caption: Happy Monday! Doch sobald der Gedanke da ist, ist er nur schwer von der Bildfläche zu radieren. Um von der Selbstdarstellungssucht und dem blauen Licht, das uns permanent ins Gesicht strahlt, wieder herunter zu kommen, geben wir uns Digital Detox Wochenenden oder Urlaube und machen vom Screentime-Tracking Gebrauch, den wir an fröhlichen Abenden mit Wein und Spaghetti Bolognese und den besten Freunden dann vergleichen, als sei diese Screentime ein Quartett. Wer die höchste Zahl hat, hat verloren.

Instagram stirbt!

Instagram stirbt. Das sagen wir alle jetzt schon echt lange, aber so langsam stirbt es wirklich. Genauso wie Facebook gestorben ist, wird Instagram schon bald von unseren Mamas und Papas übernommen, die – so sehr wie sie zweifellos abgöttisch und bedingungslos lieben – die Community mit wackeligen Fotos vom alljährlichen Familienfest 2019 vertreiben wird. Mein Interesse am Teilen von Privatfotos sinkt stetig und das nicht nur, weil ich älter werde und deshalb was vom Leben verstanden haben oder gar wüsste, dass die Selbstdarstellung uns alle nicht glücklich macht. Die Selbstdarstellung bleibt natürlich! Sie verändert sich nur.

Erst war Social Media – und was kommt danach?

Social Media definiert sich neu und alle sitzen auf den vorderen Plätzen des Szenarios und essen fleißig ihr Popcorn in der Hoffnung, dass der große Knall kommt, der das Internet radikal verändert. Ja wo ist sie denn nun, diese neue Plattform auf die alle warten? Nein, ich spreche nicht von Vine oder Google Plus, die es mit herzzerreißend emotionalen Promovideos als Antwort zu Instagram versucht haben: Hier bei uns ist alles wie früher. Keine gesponserten Beiträge. Keine Influencer. Keine Werbung. Hier bist du Mensch. Hier bist du echt.

Passiert ist genau gar nichts, außer dass parallel dazu die Apps TikTok und Fortnite ohne Ende boomen. Apps, die ein neues Social Media erfinden.

Auf TikTok laden Kinder und Jugendliche perfekt geschnittene Kurzvideos hoch, deren Inhalt über Lipsync hinaus geht. Sie singen, tanzen, machen Witze, kurzum: Sie performen und zwar auf ziemlich hohem Niveau.

Auf Fortnite geht es zwar auch im weitesten Sinne sozial zu, aber in einem anderen Kontext. Die Gamingplattform lässt sich mit Freunden und Unbekannten spielen. Das Koop-Survival-Spiel zielt darauf ab, gemeinsam zu überleben. Sozial ist Fortnite zwar, aber halt in einer Welt, in der sich alle gegenseitig umbringen.  „Zeigt etwas, das euer Können und eure Interessen widerspiegelt und nicht mehr nur euch selbst!“, schreien die neuen Communitys, die mehr wollen als ein verschlafenes Selfie im Bett.

Stirbt Instagram? Ich sage ja. Die Frage, was danach kommt, bleibt natürlich, doch die Entwicklung ist deutlich. Das Internet verändert sich, genau so wie sich alles verändert und vielleicht wird es niemals das „neue Facebook“ mehr geben. Vielleicht sind die goldenen Zeiten von Social Media, angefangen von Schüler und StudiVZ bis hin zu MySpace, einfach vorbei. Es wird etwas kommen, so viel steht fest, aber es wird nichts sein, das versucht, etwas schon gewesenes zu imitieren.

Es wird neu. Wir hingegen werden alt und dann ist es allerhöchste Eisenbahn dazu zu stehen und zu sagen: Früher war alles besser.

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Eine Antwort zu “Als plötzlich alle offline gingen, oder auch: Instagram stirbt!”

  1. … bis wir eines Tages einsehen müssen, dass mittlerweile wir diese „Mamas und Papas“ sind über die wir gerade reden – die uns Facebook und Instagram als „abgehakten Trend“ erscheinen lassen. Wir sind fast schon die, die jetzt selbst den Jungen auf diese next-hot-Plattform hinterherhüpfen (oder es gar nicht erst mitmachen), von der die kids schon fast wieder Abschied nehmen, weil „die oldies da jetzt auch sind“.
    Der Gedanke kam mir grad beim Lesen deines Artikels – und mist, ist es nicht so? Wir halten uns für so mitten drin im Geschehen, dabei sind wir kurz davor, diese nächste Generation zu sein, die nicht mehr first adopted sondern late arrived. Hat auch irgendwie was entspanntes:)

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