Berlin Diary: Alle lieben Westberlin & die Sehnsucht nach Latte Macchiato

10. April 2019 von in

„Wenn ich es damals besser gewusst hätte, würde ich jetzt in Charlottenburg wohnen und nicht in Neukölln“, raunte mir mein Gegenüber sehnsüchtig entgegen. Er sah sich skeptisch in dem modernen Café an der Sonnenallee um und bestellte sich enttäuscht einen Cappuccino ‚ohne Hafermilch, ja genau, ganz normale Milch, ja“, wie er es meistens tat, wenn ich mit ihm Kaffee trank.

Manchmal entschied er sich für einen Latte Macchiato und erstrahlte in den Flat-White-Buden Kreuzköllns im Glanz einer Rassenkreuzung zwischen meiner Mama, der es ständig im Nacken zieht, und einem Bandmitglied von The Exploited, das mit seinem Heißgetränk gegen das System rebelliert.

Er hat es nie zugegeben, doch ich bin mir sicher, dass der Latte Macchiato nur deshalb so gut schmeckt, weil er in diesen gentrifizierten Straßen geächtet wird. Und mit jedem Schluck seines Cappuccinos ‚mit ganz normaler Milch‘ sehen seine Augen irgendwie noch trauriger aus. Ich möchte ihn in den Arm nehmen und hätte gerne tröstende Worte für ihn, doch ich weiß, dass seine Sehnsucht nach Westberlin zu groß ist.

„Westberlin“ ist das neue Nirvana für in Berlin ansässige Personen, die in meinem Umfeld vor ungefähr zehn Jahren als Jungspunte mit Sack und Pack vom Kaff in die Hauptstadt kamen und sich ihrem Bachelor-Studium an der UdK hingaben. Pleite, aber gut gelaunt, nahmen sie sich ein günstiges Zimmer in einer unrenovierten Bruchbude in Neukölln oder Kreuzberg und aßen fröhlich Falafel bis zum Abwinken.

Doch irgendwann näherte sich bei meinen Freunden und Bekannten in Berlin auch der Master-Studiengang dem Ende zu, die Jobs kamen, der ein oder andere Umzug war in den vergangenen Jahren ins Land eingekehrt und der Blick auf das Viertel veränderte sich bei ihnen. Jener Kiez quoll plötzlich über vor lauter Menschen. Die günstigen Falafelteller wurden immer rarer, die Bananenbrote dafür umso teurer und auch das Bier kostete mittlerweile 3,50 Euro. Die Gentrifizierung meldete sich zu Wort.

Gerade in Neukölln spürt man die Extreme, die aufeinanderprallen. Da sind die Menschen arabischer Herkunft, die die Sonnenallee, die Flughafenstraße oder die Karl-Marx-Straße mit Geschäften prägen. Obdachlose und Drogenabhängige, die sich an der U-Bahn-Station Boddinstraße die U8 entlang bis zur Heinrich-Heine-Straße hangeln. Junge Studierende, die immer aussehen, als kämen sie gerade aus dem Berghain und eben die, die seit zehn Jahren in ihrem Neuköllner Kiez wohnen und versuchen, auf dem Weg zum Biomarkt oder zum Yoga das Wirrwarr um sie herum auszublenden. Die versuchen, sich ihre eigene Blase in einem Viertel voller Extreme zu bauen, die allerdings andauernd platzt, weil die Realität ihnen andauernd in die Quere kommt.

Sie lieben ja ihren Kiez, sagen sie dann, aber an schlechten Tagen ist das schon etwas anstrengend, wenn man mit dem Kinderwagen an blechrauchende Obdachlose vorbei tuckert. Beim Formulieren dieser Worte fühlen sie sich sichtlich schlecht und auch irgendwie schuldig, schließlich waren die Drogenabhängigen zuerst hier, doch der Prenzlauer Berg ist mittlerweile zu teuer und die Freunde wohnen halt auch alle hier.

„Neukölln existiert gefühlt irgendwie erst seit zehn Jahren“, hat neulich jemand zu mir gesagt und trotz Übertreibung war der Satz im Vergleich zu dem kuriosen „Westberlin“, von dem vermeintlich alle sprechen, gar nicht so falsch. Wenn man bedenkt, dass der Name Neukölln erst seit 1912 existiert, ab 1949 erst die Infrastruktur in dem einst unbeliebten Viertel erbaut und ausgebaut wurde und sich nach dem Fall der Mauer sowieso nochmal einiges getan hat.

Westberlin, das umfasst, nach der Definition der unzufriedenen Latte-Macchiato-Neuköllner, hauptsächlich Charlottenburg und Schöneberg. Diese zwei beliebten Viertel repräsentieren das, was sich viele in Neukölln wohnende wünschen: Geschichte. Durchschnittlichkeit. Altes Berlin. Spießbürgertum.

Hier kann man im Schwarzen Café in der Kantstraße um fünf Uhr morgens heißen Apfelkuchen mit Vanillesoße essen und andere Lokalitäten besuchen, die sich ebenfalls auf die Fahne schreiben, seit über dreißig Jahren rund um die Uhr geöffnet zu haben. Hier wird die Berliner Mundart noch groß geschrieben. Hier jibtet noch bodenständije Küche wie jepökeltes Eisbeen, Erbspüree, Sauerkraut, Kohlrouladen und Quetschkartoffeln. Die Berliner Küche, eenfach schmackhaft! Stichwort Herr Lehmann.

Die Sehnsucht nach Spießertum und Identität kommt da plötzlich auf. Eine Sehnsucht, die nicht mehr von Extremen dominiert wird und nichts mehr mit Party, Veganismus oder Shawarma zu tun hat.

Nachdem die neuen VerfechterInnen der wohlhabenden Viertel viele Jahre lang die Welten in Neukölln haben aufeinanderprallen sehen, geht ihnen heute ihr polarisierender Kiez auf den Keks. Denn mit den steigenden Preisen kann man sich nicht mal mehr über seine saugünstige Miete freuen, die ist nämlich mittlerweile genau so teuer wie in Charlottenburg. Und da drüben ist alles so gediegen und nett. Galerien an jeder Ecke, die Vögel zwitschern lauter und man ist in seiner heimlichen Liebe für Springbrunnen und Gugelhupf endlich nicht mehr alleine.

Da sitzen sie dann, die Künstler und Künstlerinnen aus dem ehemaligen Neukölln, essen an einem lauen Sonntagnachmittag beschwingt ein Amarenaeis in ihrem heiß geliebten Westberlin, lauschen dem Springbrunnengeplätscher, lachen schüttelnd den Kopf über tollende Welpen hinter einem kunterbunten Tulpenbeet, bestellen einen Latte Macchiato und fragen sich ab und an: Scheiße, was ist mit mir passiert.

Sharing is caring

14 Antworten zu “Berlin Diary: Alle lieben Westberlin & die Sehnsucht nach Latte Macchiato”

  1. Wenn frisch Zugezogene denken, sie hätten das Leben in Berlin verstanden und den x-ten Berlin-Millenial-Text abtippen, den David Wagner schon viel besser vorgeschrieben hat.

  2. Hach, ich lieeeebe es, wenn du über Berlin schreibst!
    Ich finde ich immer wieder toll, Einblicke in verschiedene Welten zu erhalten – so auch ins aktuelle Neukölln, in dem ich eher etwas seltener bin.
    Als Ur-Berlinerin bin ich im Norden großgeworden (Stichwort Karow, Blankenburg, Pankow) und dann in der Ausbildungszeit in Kreuzberg in eine WG gezogen. Ich habe es geliebt dort und da war Neukölln natürlich immer nah dran, mit dem Freiluftkino Hasenheide und irgendwelchen Affären, die dort in abgeranzten Studentenbuden lebten.
    Dann lernte ich plötzlich die Liebe meines Lebens kennen und wir suchten uns eine gemeinsame Wohnung, in Berlin-Wedding. Nach mehreren Jahren im Wedding hatten wir dann aber auch nicht mehr so Lust auf den kalten, roughen Bezirk und es ging ins schicke Wilmersdorf. Und da leben wir jetzt sehr glücklich, wenn auch mit der langfristigen Idee im Hinterkopf, irgendwann in ein paar Jahren in ein (Tiny) Haus in den Garten meiner Mutter wieder in den Norden Berlins zu ziehen. Wegen Miete und Klima und älter werdenden Eltern und so … und ja, weil man sich auch verändert, erschreckender und gleichzeitig glücklicher Weise.
    Deshalb kann ich deinen Text super nachfühlen und ja, ich gehöre auch zu denen, die ein Eis schleckend am Springbrunnen sitzen und abends am Kudamm spazieren.:D

    • Liebe Sarah, danke für deinen Kommentar! Das klingt ja alles super spannend, ich finde es immer wieder krass zu sehen, wie unterschiedlich die Viertel in Berlin doch sind. Fast wie kleine in sich geschlossene Städte. Ich persönlich kann jedenfalls fast jedem Viertel hier etwas abgewinnen. Auch das Eck um den Kudamm herum finde ich toll. Liebe Grüße! <3

  3. So so treffend! Ich persönlich hätte mir zwar vor 10 Jahren schon denken können, dass mir Neukölln viel zu extrem wäre, aber den Text kann ich sehr sehr gut nachvollziehen. Ich lebe seit meiner Geburt im Wedding und sehne mich nach einer schicken Wohnung im Prenzlauer Berg – der Bezirk passt besser zu meinem Freundesnetzwerk und Lifestyle, ist einfach so. Was hält mich hier? Meine günstige Miete und die wiederum unbezahlbare im Prenzlberg -.-

  4. ,Dann kam die Gentrifizierung‘- lol ja weil ihr alle gekommen seid und sie gebracht habt und jetzt sehnt ihr euch doch die westdeutsche Spießbürgerlichkeit zurück.

    • Liebe Judith, auch darum geht es in diesem Text. Gut erkannt :)! Und trotzdem: Zugezogene in einer Hauptstadt, oder gar der gefragtesten Hauptstadt Europas, sollten keine Überraschung sein.

  5. Dabei sind Neukölln und Kreuzberg doch auch Westberlin.
    Ich hab nie verstanden, wieso es für die Leute, die nach Berlin ziehen, immer nur Neukölln, Kreuzberg, Friedrichshain, … als potentielle Wohnorte gibt. Wieso sind diese Bezirke so gehyped? Und dann hört man immer „na weil es das Zentrum von Berlin ist“. Aha. Ist das so, ja?
    Ich selbst bin in Treptow aufgewachsen und habe in Steglitz, Zehlendorf, Wilmersdorf und Lichtenberg gewohnt. War auch alles nicht verkehrt und vor allem ist jeder Bezirk so divers.
    Es wäre schön, wenn die Leute Ihre Scheuklappen ablegen würden und den Rest dieser tollen Stadt in Betracht ziehen würden. Köpenick kann ich auch nur empfehlen. Oder Pankow. Oder …

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.