Berlin Diary: Wieso mache ich mich selbst so klein?

7. Februar 2020 von in

Nach nur einer Woche in Berlin aß ich mit einem Freund eine riesige Portion viel zu günstige Glasnudeln in einem Vietnamesen in der Nähe meiner Wohnung. Alles war neu und ich konnte kaum fassen, dass ich gerade mal 5,90 für einen Hauptgang gezahlt hatte, den ich aufgrund seiner Größe kaum aufessen konnte. Wir spazierten zum Maybachufer und tranken Rotwein, während wir der Sonne dabei zusahen, wie sie sich von uns verabschiedete. Meine Begleitung an diesem Abend war die erste neue Bekanntschaft, die ich in Berlin machte. Alles fühlte sich wie aus dem Ei gepellt an. Alle Routinen waren zerschlagen, mein Leben fühlte sich zurückgespult auf Anfang. Ich war positiv beflügelt, bis mein Kumpel diese Leichtfüßigkeit mit einem Schlag harter Realität zerstörte:

„Hier in Berlin bist du niemand. Und damit musst du klarkommen. Hier ist jeder besser und bekannter als du. Du wirst dich fühlen, als gehörst du nirgendwo dazu. Die wirst niemals ‚die Beste‘ sein. Damit musst du klarkommen. Ansonsten bleibst du eh nicht lange.“

Schluck. Diese Worte holten mich nicht nur auf den Boden der Tatsachen zurück, sie hallten auch Jahre später noch in meinem Kopf nach. Sie waren hart, gemein schon fast, und womöglich auch übertrieben und theatralisch. Doch zwei Jahre später stelle ich fest, dass viel Wahrheit in seinen warnenden Worten an mich steckte.

Ich habe die letzten zwei Jahre mehr geweint als je zuvor. Meine Tränen waren dabei meistens ein Ausdruck der Überforderung und der Verzweiflung, die ich spürte, wenn sich mein Selbstbewusstsein mal wieder von mir verabschiedete. Den Mangel an Selbstwert sehe ich auch in vielen meiner Freundinnen und Freunde. Die meisten Menschen, die ich in Berlin kennenlernte, hadern mit sich selbst. Sie sind ihrer Meinung nach zu unkreativ, zu langweilig, zu müde, zu schüchtern, zu schlecht, doch gleichzeitig sehe ich in ihnen die kreativsten, spannendsten, aufgewecktesten und aufgeschlossensten Menschen, die ich in dieser Masse jemals irgendwo kennenlernen durfte. Die Kluft ist unübersehbar. Ein Balanceakt der Extreme, der überhaupt keinen Sinn ergibt. Wieso finden wir uns alle so scheiße?

Die Konkurrenz schläft nicht

So inspirierend die Stadt auch sein kann, so sehr kann sie auch erschlagen. Es ist schwer, sich nicht zu vergleichen. Wir Menschen haben dieses starke Bedürfnis, uns zu vergleichen, damit wir wissen, wo wir stehen. Wo unser Wert liegt. Dass das toxisch ist, wissen wir ebenso. Doch dann geben wir uns dem Bedürfnis hin und beginnen wieder, nach links und rechts zu sehen. Was machen diese, was machen jene? Wir sehen die Menschen, zu denen wir aufblicken. Das Umfeld, mit dem wir uns identifzieren. Die zahlreichen Möglichkeiten, die ungreifbar wirken. Die Stadt ist ein riesiges Sammelsurium an unerfüllten Wünschen und unerreichbaren Zielen. Unerreichbar deshalb, weil die Ziele niemals aufhören. Haben wir endlich den perfekten Job, wird er langweilig. Haben wir die Wohnung, soll sie größer werden. Haben wir den guten Abend, haben andere den besseren. Die Konkurrenz schreit in jeder Reflexion der verglasten Schaufenster, die wir passieren: Hier ist jemand lustiger als du, erfolgreicher, vernetzter. Wer anfängt, sich in Berlin zu vergleichen, geht unter.

Und plötzlich verstand ich, was mir mein Freund vor zwei Jahren sagen wollte. Er versuchte, ein Gefühl zu beschreiben, das jeder Mensch in Berlin irgendwann mal spürt. Das kleine, eingeschüchterte Selbstbewusstsein, das leise flüstert: Du bist eine von vielen. Die Konkurrenz schläft nicht. Und gerade in einer Stadt, die niemals schläft, ist diese Konkurrenz besonders wachsam. Sie ist immer da. Vor der Haustür, beim Yoga, auf der Ausstellung. Hier kann man sich dumm und dämlich vergleichen, wenn man sich auf das schädliche Spiel einlässt.

If I can make it there I’ll make it anywhere

Die allgegenwärtige Konkurrenz kann sich überwältigend anfühlen. Doch sie kann auch eine große Lehre sein. Sie lässt mich über meine Grenzen hinaus wachsen und mich ein stabiles Konstrukt an Selbstbewusstsein bauen, das immer schwerer zu erschüttern ist. Es wächst langsam und kontinuierlich. Es lernt durch das regelmäßige Hinterfragen so viel dazu wie nie zuvor. Mein Selbstbewusstsein ist wie eine neu erlernte Sprache, die sich langsam aber sicher zusammen fügt.

Ich begreife heute, dass die Konkurrenz, die mich manchmal zu erdrücken scheint, nur ein Dämon in meinem Kopf ist. Sie existiert nicht wirklich. Sie ist in Berlin hübsch auf einem Präsentierteller drapiert, aber mehr auch nicht. Wir begegnen immer Menschen, die scheinbar mehr haben als wir. Doch im gleichen Atemzug sind da immer welche, die weniger haben. Egal was wir tun, egal wo wir im Leben stehen, egal wer wir sind: Wir befinden uns immer in der Mitte vom Großen und Ganzen. Die größte Lehre ist es, diese Mitte auszuhalten, anzunehmen und zu akzeptieren. Das, und nichts weiter, ist alles, was Selbstbewusstsein bedeutet. Aufzuhören, einer unausweichlichen Mitte entkommen zu wollen. Zu sein. Zu atmen.

„Egal was wir tun, egal wo wir im Leben stehen, egal wer wir sind: Wir befinden uns immer in der Mitte vom Großen und Ganzen. Die größte Lehre ist es, diese Mitte auszuhalten, anzunehmen und zu akzeptieren. Das, und nichts weiter, ist alles, was Selbstbewusstsein bedeutet.“

 

Wer aus dem Hamsterrad des Vergleichens aussteigt, wird sich gestärkter und befreiter denn je fühlen. Die Energie, die man durch das fehlende Strampeln im Hamsterrad übrig hat, kann man nun in sich selbst stecken. Sich einen eigenen Motor bauen, der den Antrieb aus eigenen Stücken gewinnt – quasi eine Solaranlage für sich selbst. Das eigene Tempo zu laufen macht nicht nur glücklich, weil es endlich machbar ist, sondern es stärkt nachhaltig den Körper und die Seele. Das Ich auf der Rennbahn kommt dadurch endlich voran – und das ist das einzige Ziel, das wirklich wichtig ist.

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11 Antworten zu “Berlin Diary: Wieso mache ich mich selbst so klein?”

  1. Als Berlinerin in der Medienbranche glaube ich, deine Worte sehr gut nachvollziehen zu können. Die Mitte (die ich manchmal „die Balance“ nenne) suche ich auch noch. Danke für diesen Text!

  2. Da ich sehr sehr lange in Berlin lebte, kann ich das wirklich gut nachempfinden. Das hast du gut beschrieben.
    Was mir irgendwann half, war bei mir selbst zu bleiben. Für mich selbst authentisch sein, denn es geht nur ums eigene Gefühl. Das herauszufinden, dafür war Berlin wirklich gut, denn kaum irgendwo sonst findet man mehr Facetten, mit denen man sich vergleichen kann, wenn man denn will (oder nicht anders kann).
    Wenn man viele Schuhe probiert hat, weiss man irgendwann ziemlich genau, welcher einem passt.

    Berlin ist und bleibt anstrengend, doch das war es noch nicht immer. Früher liebte ich Berlin über alles und konnte mir nicht vorstellen, je woanders leben zu wollen.
    Mittlerweile kann ich mir nicht mehr vorstellen in Berlin zu leben. Irgendwann macht es müde, diesem neuen Treiben zuzusehen, auch wie sich alle kaputtmachen – und man sich selbst vielleicht auch ein bisschen-.

    Wichtig ist, dass man genau weiss, warum man in Berlin leben will. Wenn man das vergessen hat, wird es blöd.

    Lieben Gruss Ava

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