Bodyshaming: Your body is a battleground

2. November 2017 von in ,

Erinnert ihr euch an diese kurze Phase in eurer Kindheit, in der ihr euch noch nie Gedanken darüber gemacht hattet, wie ihr ausseht? Ob ihr zu dick, zu dünn, zu klein, zu groß, zu schwabbelig, zu knochig seid? Ob eure Augenbrauen komisch sind und ob es legitim ist, wenn ihr bauchfrei tragt? Kurz: Als euer Körper noch kein Austragungsort eines nie enden wollenden Krieges gegen euch selbst war?

Jede Frau ist anders von Bodyshaming betroffen, aber keine einzige ist nicht betroffen – und es fängt manchmal schon im Kindergarten an. Wieso eigentlich? Wie sind wir an diesem Punkt gelandet, an dem die Erwartungen an unsere Körper so spezifisch, so unerreichbar sind, dass selbst Frauen, die dem Ideal eigentlich entsprechen, in Selbstzweifeln und Optimierungswahn versinken?

Schon immer gab es bestimmte, kulturell unterschiedliche Schönheitsideale. Ungefähr genauso lange sind Frauen mehr Objektifizierung ausgesetzt als Männer. Dass allerdings der Körper zu einem derartigen Alleinstellungsmerkmal der weiblichen Identität und des Selbstbewussteins wurde, ist eine Entwicklung, die noch relativ neu ist. Sie hat etwas mit Sexismus und Kapitalismus zu tun.

Seit ihrer Entstehung entscheiden Konsumkultur und Massenmedien, welcher Körper als ästhetisch gilt und welcher nicht – sie konstruieren Ideale, um – Überraschung – uns durch Unsicherheit zum Kaufen von Produkten anzuregen, die uns diesem Ideal angeblich näher bringen. Verunsicherte Frauen ermöglichen einige der größten Wirtschaftszweige der Welt. Dabei ist der „schöne“ Frauenkörper derartig standardisiert, dass eine Art Schönheitshierarchie entsteht, die einen Großteil der Frauen ausschließt. An der Spitze dieser Hierarchie steht die große, schlanke, weiße, sportliche, ebenmäßige Frau in High-Heels, die uns als alternativlos präsentiert wird – als „adäquat feminin“. Wer dem nicht entspricht, fühlt sich erst mal ungenügend. Nur 2,4% der Frauen tragen Größe 34, im Durchschnitt sind Frauen nicht 1,80m, sondern 1,64m groß – als Normalität wird es uns trotzdem verkauft, schaut man sich Werbung, Filme, Magazine, Fernsehen an. Als Folge dessen definieren wir uns nicht mehr über das, was wir sind und wie wir aussehen, sondern über das, was wir nicht sind und wie wir nicht aussehen: ein ständiges Denken in Defiziten. Und das Schlimmste daran: Durch den ständigen Vergleich von sich selbst mit anderen und das Einordnen in die „Schönheitshierarchie“ sind Frauen selbst zu einem großen Teil diejenigen, die diese toxische Denkweise am Leben erhalten.

Hat man diese Systematik einmal erkannt, bedeutet das aber noch lange nicht, dass man mit seinem realen, schwabbeligen, lebendigen und nun mal natürlichen Körper Frieden geschlossen hat. Was dann folgt, ist ein jahrelanger – vielleicht jahrzehntelanger – Verlernprozess, in dem man sich immer wieder dabei erwischen wird, wie man sich doch wieder vergleicht und als fehlerhaft empfindet. Dabei ist das offensichtliche, laut ausgesprochene Bodyshaming nur die Spitze des Eisbergs – einen großen Teil fügen wir uns selbst zu, befeuert von dem medialen Bild der „adäquaten Frau“.

Hast du schonmal Erfahrungen mit Bodyshaming gemacht, wie wurdest du selbst schon auf deinen Körper angesprochen?

Offen und face-to-face geshamed wurde ich, soweit ich mich erinnere, selten. Dafür habe ich mir aber selbst über viele, viele Jahre Scham eingeredet – besonders schlimm war es natürlich in der Pubertät. Ich war nie „girlie“, weder in meinem Aussehen, noch in meinem Verhalten und meinen Interessen, wurde manchmal für einen Jungen gehalten und hatte allgemein ein sehr schwieriges Verhältnis zu meiner Weiblichkeit und meinem Körper – eben weil sie nicht dem Bild entsprachen, das mir in den Medien vermittelt wurde. Ich habe mich nicht als „echtes Mädchen“ empfunden und mich für meinen Körper geschämt. Ich erinnere mich daran, dass ich den Schwimmunterricht geschwänzt habe, weil ich nicht wollte, dass man meine Dehnungsstreifen an den Beinen sieht. Vor einigen Jahren nahm ich in kurzer Zeit relativ schnell zu und aß dann so wenig, dass ich mitten auf der Tanzfläche in einem Club zusammengeklappt bin. Seitdem habe ich zwar nie wieder eine Diät gemacht (und werde es auch nie wieder tun), aber immun gegen solche Unsicherheiten bin ich trotz der täglichen Beschäftigung mit Feminismus nicht.

Wie würdest du dein Verhältnis zu deinem eigenen Körper einschätzen?

Ich erinnere ich mich eigentlich an keine Zeit, in der ich meinen Körper wirklich, ehrlich so geliebt habe, wie er ist. Zwar ist es jetzt – weil ich reflektierter bin als früher – besser als je zuvor, aber ein unvorteilhaftes Bikinifoto von mir kann mich trotzdem wieder wochenlang aus meinem Zen-Modus reißen, auch wenn ich genau weiß, dass all das im Endeffekt das Resultat einer Art Gehirnwäsche ist. Wir raufen uns seit über einem Jahrzehnt zusammen, mein Körper und ich, aber am Ende sind wir noch lange nicht – eben weil es nicht so einfach ist, toxische Denkweisen zu verlernen, die einem das ganze Leben lang eingebläut wurden und mit denen man immer noch täglich bombardiert wird.

Hast du jemals eine andere Frau auf ihren Körper angesprochen?

Erst vor ein paar Wochen habe ich mich selbst dabei erwischt, wie ich zu einer Freundin gesagt habe „wow, du hast abgenommen!“. Das ist zwar kein Shaming, aber auch positive Kommentare zu Körpern anderer halten diese toxische Denkweise am Leben, wenn sie sich an dem Ideal der schlanken, perfekten Frau orientieren. Wir müssen lernen, uns ehrlichere Komplimente zu machen, die nicht durchdrungen sind von dieser Idee von Schönheit, die uns unfrei macht. Anstatt durch die Blume zu sagen „Hey, herzlichen Glückwunsch, heute entsprichst du dem gängigen Schönheitsideal mehr als sonst!“ – wie wär’s mal mit „du siehst heute richtig zufrieden aus“, „ich mag dein Lachen“ oder „Beyoncé’s Flawlessness ist ein Scheiß gegen deinen unerschütterlichen Swagger“?

Studien: Verteilung der Konfektionsgrößen bei Frauen in Deutschland im Jahr 2012, Körpermaße nach Altersgruppen und Geschlecht.

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2 Antworten zu “Bodyshaming: Your body is a battleground”

  1. Ich würde niemals eine andere Person außerhalb meiner Comfort-Zone auf Ihren Körper ansprechen. Jeder solls so sein wie er will oder auch nicht will – aber es steht mir nicht zu darüber zu urteilen. Und ja ich finde es schade, dass „zu dünn“ akzeptiert ist und „zu dick“ immer kritisiert wird.

  2. Letzens musste ich darüber lachen, wie jemals auch nur eine Sekunde (oder noch schlimmer: den Großteil meines Lebens) denken konnte, dass mein Körper nicht genug sei. Für mich liegt die Schuld dieses kollektiven Selbst-Bodyshamings weniger bei patriarchischen Strukturen, als an dem von dir erwähnten Kapitalismus. Unsere Gesellschaft und Wirtschaft hat sich entwickelt, und ist irgendwann, vor ein paar Jahrzehnten schätze ich, an diesem perversen Punkt angekommen, wo sich mit Bodyshaming Geld hat machen lassen – und wo (ganz im Geiste des Kapitalismus) dies als wichtiger angesehen wurde, als dass wir gesund und glücklich leben. Und wir die Botschaften der Industrien irgendwann geglaubt haben. Wenn man das aber mal wirklich durchschaut und begriffen hat, dann kann man auch ganz gepflegt drauf scheißen; auf Skinny-Teas, auf Fitnesskurse, auf Proteinpulver und formende Unterwäsche. Heute kommt es mir lächerlich vor, dass ich mich von so etwas so in meinem Selbstbild und Wohlbefinden hab beeinflussen lassen… man muss sich nur immer wieder vor Augen halten, wie abstrus und bescheuert dieses ganze Konzept ist.. bis sich die Idee, dass es okay ist, so zu sein wie man ist, internalisiert hat – und man es tatsächlich okay findet.

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