Bodyshaming: Die Welt ist nicht bereit für alte Körper!

28. Juni 2019 von in

Es gibt Dinge, von denen habe ich keine Ahnung, weil ich sie nie am Leibe zu spüren bekam. Die kann ich mir nur beschreiben lassen und versuchen, ein Feingefühl für ein Thema zu entwickeln, das mir eigentlich fremd ist. So dudle ich fröhlich durch die Welt und versuche, keinem auf den Schlips zu treten. Das klappt meistens – hoffe ich – ganz gut und manchmal eben nicht. Als ich neulich als Bodyshamerin bezeichnet wurde, klappte es ganz offensichtlich nicht.

Der Begriff Bodyshaming bezeichnet das Anprangern oder Kritisieren von Konfektionsgrößen, die von dem seltenen Ideal des Schlank- oder gar Dünnseins abweichen.

Das kurze Video einer mir bekannten Frau höheren Alters, die mir den Rücken zukehrend zufrieden auf den See blickte, der sich vor ihren Augen erstreckte, erinnerte mich an meine Mama, die es schon früher nicht weiter ins kühle Nass schaffte als bis zu den Knöcheln. Stattdessen stand sie am Rand, beobachtete uns Kinder beim Spielen und beträufelte ihre Waden und Oberarme latent fluchend mit erfrischendem Wasser. Ihre Art zu baden war ein Balanceakt zwischen Erfrischung und Aufhitzen, den sie in anbetungswürdiger Perfektion betrieb. Dabei die Augen immer auf die Kinder gerichtet.

Auch jene Frau in dem Video entschloss sich für die Balance am Seerand. Mir gefiel dieser echte, für mich emotional aufgeladene Moment. Ihr schienen die kühlen Pfoten im Wasser, ein Blick über das nicht enden wollende Blau und eine gelegentliche Erfrischung an den Oberarmen zu genügen. An Baden war nicht zu denken. Ich assoziierte mit ihr meine Mama. Das Gefühl von Wohlbefinden und Sicherheit, die seltenen Momente totaler Zufriedenheit, Sommer. Ich stellte mir vor, selbst irgendwann diese Frau zu sein, da meine Tendenz hin zu „Wasserscheu“ definitiv vorhanden ist.

Die Entzückung von dem kurzen Moment der Ausgeglichenheit ging jedoch genauso schnell flöten wie sie gekommen war. Eine Bodyshamerin war ich plötzlich, die scheinbar die Privatsphäre der Frau stahl und den Körper der Person im öffentlichen Raum bloßstellte. Ziemlich fiese Anschuldigungen. Uff.

Als sich die schockierten Kommentare, Beleidigungen und Unterstellungen in der Kommentarfunktion sowie in meinen Privatnachrichten häuften, kamen Zweifel in mir auf: Hatte ich gerade etwas Falsches gemacht? Habe ich jemanden angegriffen? Was war geschehen? Wie konnte ein einfaches Video einer Frau so viel Gegenwind erzeugen? Ein kurzer Realitätscheck ließ mich zurück auf den Boden der Tatsachen fallen, der da sagte: Ich war nicht diejenige, die Bodyshaming betrieb. Instagram ist nicht bereit für erwachsene Körper, die von dem Ideal des schlanken Körpers bis zum 30. Lebensjahr abweichen. Die Views stiegen weiter an, als wollten sie viral gehen. Der Aufruhr ebbte nicht ab. Ein riesiges, ziemlich wütendes Fragezeichen kreiste in meinem Hirn umher: Warum regt ihr euch alle so auf? Weder machte ich mich über die Frau lustig, noch stahl ich ihre Privatsphäre.

Der riesengroße Misthaufen lag auf der Hand: Wäre auf dem Video eine schlanke Frau Mitte Zwanzig zu sehen gewesen, die auf’s Wasser sieht, hätte kein Hahn danach gekräht.

Verdammte Scheiße. Die Welt ist nicht nur nicht bereit für Konfektionsgrößen, die über seinem utopischen Ideal liegen, sie ist erst recht nicht bereit für Alterserscheinungen. Dabei haben wir doch alle so fleißig unsere Memes gepostet! Every body is a bikini body, Leute! Hat das etwa nicht gereicht? Die Antwort lautet nein.

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Das Video habe ich gelöscht, da ich einer zufriedenen Frau um die Sechzig nicht zumuten wollte, ungewollt eine virale Kämpfernatur gegen Bodyshaming zu werden. Weder das Video, noch sie selbst wollten einen politischen Hintergrund verfolgen. Beide wollten einfach nur da sein. Schön, zufrieden, selbstverständlich.

Doch wenn der Körper einer Frau höheren Alters noch nicht selbstverständlich sein darf, dann werde ich weiter darüber sprechen. So lange, bis ich irgendwann selbst meine sechzig Jahre jungen Hüften in Bademode vor die Linse halte und dann hoffentlich kein Hahn mehr danach kräht.

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14 Antworten zu “Bodyshaming: Die Welt ist nicht bereit für alte Körper!”

  1. Habe den ganzen Aufruhr nicht mitbekommen, aber: Du hast ein Video von einer Dir unbekannten Frau an einem See gemacht und es auf Deinem Instagram-Kanal veröffentlicht? Hast Du als Online-Redakteurin schon einmal etwas vom „Recht am eigenen Bild“ gehört? Hast Du sie gefragt, ob Du das tun darfst? Hat sie ein Model-Release unterschrieben, in dem sie Dir das gestattet hat?

      • Sorry, Amelie. Hatte das „mir bekannte Frau“ tatsächlich falsch gelesen. Bei Fotos von Fremden auf Social-Media-Kanälen gehen bei mir irgendwie immer sofort die Alarmglocken an. Diesmal wohl zu Unrecht.
        Zum Thema Bodyshaming: Traurig, aber passiert einfach immer (noch) und überall. Bin auch immer wieder erstaunt, sobal ich meinen Kopf aus meiner #Bodypositivity Instagra-Blase stecke.
        Der „perfekte Körper“ ist so fest im Kopf vieler verankert, dass sie jede Abweichung davon als geradezu beleidigend empfinden. Als jemand, der noch nie über einen solchen „Beachbody“ verfügt hat (noch nie nie), begegnet mir das jeden Tag.
        Ich fände eigentlich ganz schön mal an den Strand zu gehen und dabei einen Bikini zu tragen, ohne dass es gleich ein Statement für irgendetwas ist.

  2. @Julia: Amelie schreibt, „..einer mir bekannten Frau…“

    Auch wenn deine Motive der Veröffentlichung des Videos in keinster Weise böswilliger Natur sind – hat die besagte Frau, ob dir bekannt oder unbekannt, ihr Einverständnis zur Veröffentlichung eines Videos ihrer Person nicht gegeben, kann man durchaus von einer Verletzung ihrer Privatsphäre sprechen.

    • Liebe Isabelle, und wieso denkst du das? Mit Einwilligung ist das definitiv keine Verletzung ihrer Privatsphäre. Und wie auch im Text geschrieben habe ich das Video gelöscht, weil sich so viele wegen ihres Körpers beschwert haben. Dann wurde es für mich tatsächlich eine Verletzung ihrer Privatsphäre, weil es nie um irgendeine Körper-Debatte dabei gehen sollte.

      • Liebe Amelie, bitte auch erst lesen, dann beschweren. Ich habe nicht geschrieben, dass du keine Einwilligung geholt hast.
        Ich habe geschrieben: „….hat die besagte Frau, ob dir bekannt oder unbekannt, ihr Einverständnis zur Veröffentlichung eines Videos ihrer Person NICHT gegeben, kann man durchaus von einer Verletzung ihrer Privatsphäre sprechen. “
        Dieser Punkt kommt für mich aus dem Text nicht klar hervor.

  3. Ich finde es sehr schade, dass du diese schlechte Erfahrung gemacht hast und dass sich nun auch hier wieder Leute beschweren! Ältere Menschen strahlen sehr häufig eine derartige Gelassenheit aus – davon könnten sich viele etwas abgucken.

  4. Liebe Amelie,
    dass du die Frau kanntest und ihr Einverständnis für das Video und die Veröffentlichung eingeholt hast, beruhigt mich.
    Trotzdem verstehe ich die Menschen, die so hart da drauf reagiert haben. Es erinnert einfach zu sehr an Videos von nicht-normschönen, beHinderte oder trans Personen, die ohne deren Einwilligung heimlich gefilmt und ohne deren Kenntnis gepostet werden, um sich über sie, ihre Körper und ihre Naivität, wie sie sich trauen könnten sich so in der Öffentlichkeit zu zeigen, lustig zu machen. Es grenzt auch an Inspiration-Porn, zB wenn beHinderten oder dicken Menschen im Gym ohne deren Wissen Bilder gemacht und veröffentlicht werden oder eben von dicken Menschen in Badeklamotten, von wegen „wow so toll, dass sie sich das nicht nehmen lässt“.
    Ich widerspreche dir, dass die Welt nicht bereit ist für den Anblick eines alternden weiblichen Körpers, ich bin es alle Male, meine Friends auch. Ich finde das eine sehr naive und auch irgendwie dumme, polemische und verkürzte Schlussfolgerung aus dieser ganzen Geschichte. Solch ein Video kommentar- und kontextlos zu posten, ruft einfach zu starke, negative Erinnerung an die davor erwähnten Formate hervor… und den Artikel finde ich auch merkwürdig, einen solchen polemischen Ton nehme ich grundsätzlich nicht ernst. Das hat immer was von „das darf man doch wohl noch sagen dürfen“ oder wie du es beschreisbt „die Welt ist nicht bereit für so viel Realness“.
    Body- und Fatshaming, sowie jede andere Diskriminierungsform und der Kampf dagegen geht darüber hinaus dicke Körper, alte Körper, beHinderte Körper, nicht-binäre, trans, nicht-weiße Körper gut und schön zu finden. Sondern den Kontext und die Geschichte der populären Darstellung dieser Körper zu verstehen. Und wenn eine dünne Person Bilder oder Videos von dicken Körpern in Badekleidung posten, die von hinten gefilmt wurden und anmuten lassen, als ob du die Person nicht kennst, als ob du heimlich gefilmt hättest, haben im Internet leider eine traurige Tradition und du warst dir dieser nicht bewusst und machst jetzt polemische Vorwürfe gegen Menschen, die diese Geschichte kennen (eventuell selber Opfer dessen wurden) und zu recht irritiert sind.. Es wäre vielleicht anders gelaufen, würde die Person in die Kamera schauen, signalisieren, dass sie ihren Consent gibt oder hättest du einen Kontext, Intention, Geschichte dazu gepostet..

    • Liebe Aysegül,
      es mag sein, dass ein Kontext oder eine Hintergrundgeschichte den ein oder anderen beruhigt hätte. Und natürlich ist es sehr wichtig darauf zu achten, zumal in Zeiten von allgegenwärtigem Instagram, dass Privatsphären aller Personen gewahrt werden. Aber warum muss man denn immer direkt vom Schlimmsten ausgehen? Warum dirkt beschuldigen und anklagen wenn man noch nicht alle Infos hat (Find ich übrigens nicht nur in dem Kontext ein großes Problem..). Warum nicht einfach kurz nachfragen? Heftig reagieren und dafür einstehen was man denkt das Richtig ist ist prinzipiell eine tolle Sache. Aber man muss schon genau wissen, dass man da auch jemanden öffentlich persönlich angreift, dass Beleidigungen nicht einfach im leeren Raum untergehen. Und das man möglicherweise nur einen Ausschnitt des ganzen sieht, das Prinzip von Instagram.
      Man kann und muss darauf aufmerksam machen und natürlich soll auch seine Meinung kundtun. Nur vielleicht geht das auch ein bisschen netter und weniger bösartig? Wie du geschrieben hast ist Bodyshaming in sozialen Netzwerken ein so wichtiges und großes Thema. Und dafür ist ein respektvoller Umgang miteinander wichtig. Auf allen Seiten.
      Liebe Grüße
      Klara

      • Liebe Klara,
        da stimme ich dir vollkommen zu! Ich glaube es herrscht generell ein Zeitgeist, der vom Schlimmsten ausgeht (ertappe mich selbst leider auch häufig dabei). Ich denke den Beschuldigungen und der Wut liegt eine Angst zu Grunde, dass wenn man Dinge in Ruhe und mit Distanz und Vernunft erläutert, die Personen widersprechen und den besagten Content weiter stehen lassen wird und dass es dann irgendwie unaushaltbar wird für alle. Ich finde solch wütenden, aufbrausenden Reaktion häufig unangemessen (gerade, wenn es nur um Kleinigkeiten geht, anders wenn es sich zB um reale Gewalt handelt) und kindisch. Einfach nur zu behaupten „DAS ist Bodyshaming/rassistisch/sexistich“ ist auch kein Argument und bedarf immer Kontext, Analyse und Erläuterung, Aussagen wie „Du BIST rassistisch/sexistisch/bodyshamened“ finde ich grundsätzlich schrecklich und essentialisierend. Trotz allem habe ich bei dem besagten Post von Amelie bei mir selbst gemerkt, dass mir sofort die Wut in den Kopf geschossen ist, weil das Video eben zu sehr an dieses Format erinnert hat wo Leute heimlich Fotos machen und ins Netz stellen und ihre Intention absolut nicht ersichtlich war..
        LG

        • Liebe Aysegül,
          mir geht es leider auch sehr häufig so, vor allem im ersten Moment der Empörung und des Ärgers. Da stimme ich dir voll zu, dass die Auseinandersetzung möglicherweise nicht zum gewünschten Ergebnis führt und das bei Amelies Post einiges (unbeabsichtigt) schief gelaufen ist. Ich habe nur den (subjektiven) Eindruck, dass vor allem im Netz es immer häufiger passiert, dass durch die Möglichkeit schnell seine Meinung mitzuteilen dies Leute sehr unüberlegt und, wie du schon sagtest, unangemessen tun. Es ist völlig verständlich sich aufzuregen, zumal bei solchen Themen (oder auch eben bei irgendwelchen komischen Kleinigkeiten) und das dies auch emotional sein kann. Nur artet dies oft so schnell aus und nimmt sehr hössliche Formen an. Du hast völlig recht, dass die Form der Diskussion die man zuletzt recht häufig angetroffen hat, keine validen Argumente mehr beinhaltete sondern nur noch plakative Aussagen und Beschuldigungen. Nur führt uns das leider nirgendwo hin und hilft beim großen Ganzen irgendwie auch nicht weiter. Mir geht mit emotionalen Reaktionen oft sehr ähnlich wie dir, aber vielleicht schaffen wir es ja irgendwie kurz einen Schritt zurück zu treten, kurz durchzuschnaufen und erst dann was dazu zu sagen. Und das ist natürlich viel leichter gesagt als getan, aber vielleicht kann man das ja irgendwie probieren :D
          Liebe Grüße und danke für diese nette und anregende Diskussion!

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