Coffee Break: Hilfe, ich zerdenke gerade das Kinderkriegen!

Coffee Break: Hilfe, ich zerdenke gerade das Kinderkriegen!

22. Januar 2020 von in

Vor ein paar Jahren schrieb unsere Autorin Anja in ihrer Kolumne noch über die Liebe oder was man dafür halten könnte. Nun haben wir Coffee Break neu aufgelegt – und diesmal dreht sich alles um das Thema 30 werden. Über Freunde, die gehen und andere, die dazukommen. Wie man immer mehr weiß, was man kann und trotzdem an manchen Tagen so sehr an sich zweifelt, dass man lieber im Bett liegen bleibt. Darüber, dass man Angst hat, kein Baby bekommen zu können und gleichzeitig totale Angst davor hat, jetzt eines zu bekommen. 30 werden ist anstrengend, aber vor allem eines: wahnsinnig spannend.

Schon in den Zwanzigern bekommt man von allen Seiten das Kinderthema widergespiegelt. Es fängt beim Familienessen an, bei dem man augenzwinkernd gesagt bekommt „Das nächste Mal aber mit Kind!“, wie Amelie es schon schön aufgeschrieben hat, es geht weiter bei der gemeinsamen Wohnungssuche, bei der bewusst oder unbewusst mit einem Zimmer mehr geplant werden muss, im Job, wo man auch nicht mehr alle Entscheidungen komplett egoistisch treffen kann und endet bei Freunden, die mit jedem Jahr mehr Eltern werden und einen ständig fragen: „Und wann bekommt ihr eines?“. „Eines“ –  das klingt ganz harmlos. Das klingt wie eine klitzekleine Entscheidung, dabei ist es die verdammt größte Entscheidung des Lebens.

Kinderkriegen ist eine rein emotionale Entscheidung, über die man wahrscheinlich nicht zu sehr nachdenken darf, oder?

Ich weiß, dass ich ein Kind möchte, aber ich weiß noch nicht, wie das mit einem guten Gefühl passieren soll. Im Moment bin ich eher dabei, das Thema vollkommen zu zerdenken. Dabei ist Kinderkriegen eine rein emotionale Entscheidung, über die man wahrscheinlich nicht zu sehr nachdenken darf, oder? Denn, wer zu viel nachdenkt, dem bleiben tatsächlich wenig rationale Argumente für ein Kind über. Es warten: lebenslange Verantwortung, eingeschränkte Freiheit, kaum mehr Zeit für sich selbst, der Körper verändert sich unwiederbringlich, man schläft schlecht bis gar nicht und das über Jahre, man muss als Frau immer noch zurückstecken – in seinem Job, in Freundschaften, in seiner Freizeit, man zahlt schlecht bis gar nicht in seine Rente ein, man ist für immer mit dem Partner verbunden und abhängig von ihm.

Viele dieser Probleme sollten sich im Jahr 2020 längst in Luft aufgelöst haben, möchte man meinen. Wenn ich aber in meinen Freundeskreis schaue, dann sind da immer noch wenige Paare, die das Thema Familie gleichberechtigt hinbekommen. Bei den meisten fühlt es sich eher an wie eine Zeitreise zurück in die 50er Jahre. Konservative Denkmuster à la „natürlich bleibt die Frau zuhause, natürlich lebe ich als Mann mein Leben weiter wie bisher, natürlich arbeite ich viel, fahre in den Urlaub, gehe mit den Jungs saufen und freue mich, wenn abends das Essen auf dem Tisch steht“ tauchen eben nicht nur bei Fünfzigjährigen auf, sondern auch bei Dreißigjährigen. Erschreckend, aber man kann eben nicht davon auszugehen, dass ein Mann modern und feministisch unterwegs ist, nur weil er eine Therapie macht und zum Einschlafen Die drei Fragezeichen hört. Deshalb lohnt es sich eben doch nachzudenken und vor allem miteinander zu reden, wie man sich das später alles einmal vorstellt.

Tatsächlich kenne ich wenige Paare, die das Thema Familie gut und gleichberechtigt hinbekommen. Bei den meisten fühlt es sich eher an wie eine Zeitreise zurück in die 50er Jahre.

Manche Sorgen lassen sich so mit dem Partner auflösen, bei anderen müssten Staat und Gesellschaft endlich einmal umdenken. Ich weiß, dass mein Freund selbst gleichberechtigt erzogen wurde und richtig Bock auf Zeit mit seinen Kindern hat. Trotzdem werde ich einmal diejenige sein, die arbeitsmäßig zurücksteckt. Weil ich weniger verdienen werde als er, weil ich als Selbstständige flexibler bin und weil Teilzeit in seiner Branche gar nicht möglich ist – eigentlich ein Skandal. Also sieht es so aus: Wenn ich mir in den nächsten Jahren nicht eine Führungsposition suche, die mich Vollzeit fordert, was ich gar nicht möchte, habe ich wenig Chancen, da rauszukommen. Einer muss ja daheim bleiben, einer muss die Arschkarte ziehen. Nicht falsch verstehen: Das ist ohne Frage die wunderschönste Arschkarte der Welt, aber mit dieser Entscheidung werden eben wiederum andere Entscheidungen in Bewegung gesetzt, die benachteiligen und abhängig machen. Finanziell wie sozial.

Ich weiß, dass ich ein Kind möchte, aber ich weiß im Moment noch nicht, wie das mit einem guten Gefühl passieren soll.

Um aus diesem Gedankenkarussell einmal auszubrechen, schreibe ich nicht nur diesen Text und informiere mich darüber, wie ich mein Geld schlau anlege, sondern versuche auch, mir ein Beispiel an einer lieben Freundin Anika zu nehmen, die 2020 zu ihrem Gap Year macht – nicht am anderen Ende der Welt, sondern im eigenen Kopf. Das ist natürlich ein bisschen schwieriger, als in den nächsten Flieger zu steigen, aber auch notweniger, weil einen dieses ganze Kinderthema sonst gar nicht mehr loslässt und damit auch das Grübeln über alles andere, was noch dranhängt: Job, Beziehung, Wohnung, Urlaub, Lebensplanung. Wenn ich also einen Vorsatz habe für dieses Jahr, dann ist es: Planen, was ich planen kann, aber nicht mehr zerdenken, was dann wahrscheinlich sowieso ganz anders kommt.

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14 Antworten zu “Coffee Break: Hilfe, ich zerdenke gerade das Kinderkriegen!”

  1. Liebe Anja,
    die „schönste Arschkarte der Welt“ ist es meiner Meinung nach nicht (wobei du mit dem Ausdruck sicher nur versucht hast, den Muttis nicht zu sehr auf die Füße zu treten).
    Ich bin selbst 30 und schon Mama von zwei Kindern und ich habe immer für Gleichberechtigung gekämpft und sie auch bekommen – dank meinem Mann, bei dem ich da offene Türen eingerannt habe. Es ist sogar so, dass er mehr Care-Arbeit übernimmt als ich. Ich muss aber sagen, dass dieser Kampf tatsächlich geführt werden muss, auch wenn es manch einer schwerer haben wird, als ich. Es wird sich ohne deutliche Forderungen von Seiten der Frauen nichts ändern. Auch der „Besserverdiener“ – in unserem Fall ich – darf und muss Care-Arbeit übernehmen, es darf keine Ausreden dafür geben. Auch für temporäre finanzielle Einbußen wird es eine Lösung geben. Wenn der Gutverdiener immer weiter arbeiten „darf“, wird die Schere mit den Jahren immer nur noch größer. Gnadenlos sein und Abstriche machen, wo sie sich lohnen. Sicher nicht bei der eigenen Rente und dem eigenen Wohlergehen, denn das alles wird sich nicht gut anfühlen, nicht wie die „schönste Arschkarte der Welt“, sondern eher wie die totale Misere, Abhängigkeit und Überarbeitung.
    Und: Keine Kinder haben kann auch sehr fein sein, denk ich. Wäre mir nicht der Zufall dazwischen gekommen, ich glaub ich hätte in mancherlei Hinsicht ein bequemeres Leben.

    • Liebe Elli,
      danke dir für deinen Blick. Und danke dafür, dass du „die schönste Arschkarten der Welt“ nicht falsch verstehst. Deine Worte und deine Geschichte machen auf jeden Fall Mut. Vermutlich hast du Recht: Um den Kampf und das viele Reden und Aushandeln und Einfordern kommt man als Paar nicht herum.

  2. Liebe Anja, hier fällt mir ein Zitat ein, was sich in vielen Lebenslagen als hilfreich für mich erwiesen hat: It always seems impossible until it’s done. Viele Dinge erscheinen einem oft als sehr weit weg und teilweise nicht umsetzbar oder einfach als unrealistisch und das bleibt auch bis zu dem Moment so bis man sie eben in die Tat umsetzt. Ich glaube für manche Dinge im Leben fühlt man sich nie wirklich bereit, ob das die große Liebe treffen, heiraten oder ein Kind oder eine ganz andere persönliche Herausforderung ist.
    Vielleicht hilft es dir ja auch.
    Liebe Grüße!

    • Liebe Carolin,
      danke für’s Teilen! Da ist tatsächlich viel Wahres dran. Die wirklichen Herausforderungen kann man sich im Vorhinein wahrscheinlich nie in der Realität vorstellen.

  3. Ich wollte eigentlich ganz lang kein Kind. Mit 30 hab ich doch eins bekommen und ich könnte happier nicht sein. Es ist, hallo Klischee, das Allerallerschönste, das ich mir vorstellen hätte können. Dafür stecke ich gern finanziell zumindest vorübergehend zurück, schlafe weniger, muss mehr denken, organisieren, mich sorgen. Trotzdem. Es gibt einfach nichts besseres als dieses kleine, schlaue und freche Mädchen, das es sich nun schon seit 1,5 Jahren im Bett zwischen uns bequem gemacht hat. Und das mit dem Körper nur so am Rande: Bei mir hat sich nix verändert, null. Und die Sportlichste bin ich übrigens nicht!!!

  4. Ich finde mich in dem Text auch total wieder und bin dankbar,dass du das aufgeschrieben hast.Mein Freund wird sicher auch seinen Teil dazu beitragen,aber leider verdient er aktuell um einiges mehr als ich.Ich werde dieses Jahr 35 und habe beschlossen das Thema Kinder 2020 ruhen zu lassen.Ich denke man es im Vorfeld noch so gut besprochen haben und ich glaube es meinem Freund auch total,dass er mich zu 50% unterstützen will…aber wenn man am Ende finanzielle Sorgen hat,geht der mehr arbeiten,der mehr verdient.Ganz klar.Erstmal sorge ich für einen neuen Job,damit ich mich zumindest finanziell besser aufgehoben fühle und dann muss man die Entscheidung treffen…mit ganz viel Liebe und dann wird sich der Blick aufs Eltern werden sicherlich auch für mich noch mal verändern.

    • Liebe Sandra, vielen Dank dir – und: sehr guter Plan! Zum einen, dass du das Thema erst einmal ruhen lassen möchtest und dich damit nicht verrückt machst. Zum anderen das mit dem neuen Job. Aber du hast Recht: Die Arbeits-Falle ist einfach da, wenn der Mann mehr verdient – und das ist nun mal sehr oft der Fall.

  5. Liebe Anja, danke für diesen Artikel! Ich bin 28 und wollte eigentlich ein Kind. Und zwar bevor ich 30 werde. Jetzt rückt es eben immer näher und man macht sich immer mehr Gedanken und wir haben uns ernsthaft angefangen zu fragen, ob das denn Sinn macht. Es klingt vielleicht hart, aber ich glaube es machen immernoch viel zu wenige. Ich denke viele leben weiterhin im Stereotyp – bestimmtes Alter, bestimmte Beziehungslänge, dann eben auch Kinder. Wir kennen weiterhin keine Antwort. Einerseits denken wir so ein kleines, süßes, unseres ;) aber das wir süße wird auch mal zum Teenager, und das kann ich mir irgendwie gar nicht vorstellen – was mache ich, wenn es in der Schule gemobbt wird oder schwer krank ist… dann noch das Thema mit der Klimakrise – will man in diese Welt ein neues Lebewesen setzten und, und, und… Was das finanzielle angeht, habe ich glücklicherweise einen Mann der sich sicherlich höchst gleichberechtigt beteiligen wurde. Jedenfalls empfehle ich das Buch „Mutterschaft“ von Shila Heti. Regt an… So, das Thema ist endlos, aber ich belasse es dabei ;)

    • Liebe Kasia, dann bist du ja gerade in einer sehr ähnlichen Phase wie ich. Und klar, das kommt ja noch dazu: Klimakrise, Krankheiten und Schicksalsschläge. Mir hat gestern eine gute Freundin geschrieben, die schon Mutter ist und das sie hier gelesen hat: „Kinderkriegen geht nur, wenn man nicht nachdenkt. Es wird dann schon alles gut!“ Ich tu mir damit ja auch sichtlich schwer, aber Kopf aus und Vertrauen an macht vor allem bei Horrorszenarien wie Mobbing, Krankheit, etc. absolut Sinn!

  6. Zum einen möchte ich mich mit meinem Kommentar an Carolin anschließen und betonen, dass man tatsächlich über viel nachdenkt das sich dann fügt wenn das Kind da ist. Dieses Gefühl das einen vom ersten Moment an packt kann man in all die Gedanken im Vorfeld nicht wirklich einbeziehen weil man es nicht kennt. Und das Gefühl für dein Kind ist aber der Schlüssel der vieles das sich negativ anhört doch am Ende erstrebenswert macht.
    Ich habe lange und viel über das Kinderkriegen nachgedacht und mit meinem Mann geredet (Ein zweiter Schlüssel zum guten Gefühl. Man strebt ja keinen Zustand als Alleinerziehende an, also denn Mann einbeziehen in die Gedanken. Unbedingt!). Wir haben uns recht schnell drauf geeinigt dass wir beide auf 80% reduzieren werden. Haben mit unseren Müttern gesprochen und eine mögliche Lösung für die Betreuung eines potenziellen Kindes gesprochen, mit Arbeitgebern Home-Office besprochen. Wenn keine Familie greifbar würde ich mir Kitas ansehen und deren Betreuungsmodelle und Kosten, würde mich in das Thema Elterngeld plus (länger bei Teilzeit-Arbeit) einarbeiten, vielleicht in der Stadt recherchieren ob es sowas wie Leih-Omas gibt und schonmal potenzielle Kandidatinnen kennenlernen. Es ist doch so, deine Gedanken kreisen zwar, aber du gehst ihnen jetzt nicht konkret nach weil du noch kein Kind erwartest. Wenn du dich jetzt aber schon eingehender damit befasst geht die Angst vor dem Unbekannten etwas verloren und du kriegst es leichter hin dass es in deinem Kopf „klick“ macht.
    Und diesen inneren Wandel brauchst du um dann mit gutem Gefühl die Entscheidung für ein Kind zu treffen. Wenn du dir deine Beziehung nicht mehr als Zweiergespann vorstellen kannst sondern jemand fehlt im Team.
    Natürlich kann man auch ohne das alles ein Kind kriegen und das alles wuppen. Man hat ja noch die Schwangerschaft. Die sehr gut zur mentalen und organisatorischen Vorbereitung auf das Kind geeignet ist. Aber ich hatte das Gefühl du bist auch jemand der Entscheidungen lange überdenkt, abwägt und plant. Für mich war das der richtige Weg und jetzt nach 1,5 Jahren mit Kind ist es schön zu sehen dass das was ich lange vor der Schwangerschaft geplant habe aufgeht und unser Leben anders ist, aber toll!

    • Liebe Katharina, sehr gute Tipps – danke dir dafür! Ich plane auch gerne und ich kann mir gut vorstellen, dass es beim Thema Kind tatsächlich vor allem hilft, das alles ein bisschen greifbarer zu machen und sich sicherer zu fühlen. Gute Idee!

  7. Zu diesem Punkt, dass man Job Entscheidungen abwarten wegen eines möglichen Kindes- sheryl sandberg schreibt dazu in „lean in“was sehr gutes. Ich fand das Buch, auch wenn ich nicht 100% d‘ accord mit allem bin , einen guten Gedanken Anstoß bei vielem

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