Coffee Break: Über „Ghosting“ und „Slow Love“

12. Juli 2015 von in

Diese Woche habe ich zwei neue Begriffe gelernt. Zuerst einmal „Ghosting“, was bedeutet, dass man sich einfach nicht mehr beim Anderen meldet oder im schlimmeren Fall nach Jahren Beziehung einfach schweigt und verschwindet. Wie Amelie jetzt so schön sagen würde: „Hat sich einfach verlaufen“.

Ein ganz schreckliches Phänomen, das uns aber allen wahrscheinlich schon einmal passiert ist. Aktiv wie passiv. Obwohl es eigentlich verdammt feige und schon etwas seltsam ist. Dass man mit jemandem schlafen kann, sich nackt zeigt und das Intimste teilt, sich dann aber nicht traut, zu sagen, dass man sich in jemand anderen verliebt hat. Dass man sich der Aufregung eines ersten Dates stellen kann, tausend Tode davor stirbt und dann nicht den Mut hat mitzuteilen, dass es wohl doch nichts wird.

Oft möchte man den Anderen ganz einfach nicht verletzen. Was allerdings wirklich verletzend ist: Nie zu wissen, was eigentlich los war und den Fehler bei sich selbst suchen (wo auch sonst?). Irgendeinen Fehler findet man ja schließlich immer bei sich und dem gibt man dann die Schuld daran, dass das alles nicht geklappt hat. Eine ehrliche Erklärung tut vielleicht kurz weh, ist langfristig gesehen aber immer besser. Aber gut, ist ja keiner päpstlicher als der Papst und es ist manchmal schon sehr bequem, sich einfach nie mehr zu melden und nichts erklären zu müssen.

Der andere Begriff steht in keinem Zusammenhang, ist aber bei genauerem Hinsehen eigentlich das komplette Gegenteil – „Slow Love“, jemand, der schon seit langer Zeit in deinem Leben ist, wird plötzlich interessant. Und da ich nicht schon wieder schimpfen möchte in dieser Kolumne, sondern es auch einmal wieder um schöne Dinge gehen soll, hier die tollste „Slow Love“-Geschichte der letzten Wochen:

Meine Freundin A. war zuletzt zu Besuch. Wir sehen uns nicht oft, die Frage „Hast du einen neuen Freund?“ ist also vollkommen gerechtfertigt. Sie nickte nur grinsend: „Du kennst ihn!“. Wie sich herausstellte, war es H., ihr bester Freund, seit Jahren. Genau genommen seit sechzehn Jahre. Angefangen hat alles in Schulzeiten. Er stand schon immer ein bisschen auf sie, sie hat es mal mit einem Date versucht, aber ganz gepasst hat es irgendwie nicht. Als A. vor zwei Jahren umzog, war klar, dass H. auch mitkommt, so eng waren die beiden.

Wenn sie heute darüber nachdenkt, haben die beiden schon sehr viele Beziehungssachen gemacht, ohne es zu merken. Als er seinen letzten Arbeitstag hatte, bereitete sie den Kuchen vor. Als sie in eine andere Wohnung zog, war er der Erste, der beim Umzug half. Nun sind sie seit drei Monaten zusammen – ganz plötzlich hatte es Klick gemacht. Und lernen sich noch einmal ganz neu kennen, nämlich als Paar. A. ist wahnsinnig glücklich. Das könnte wirklich die ganz große Sache sein.

Als ich die Geschichte ein paar Leuten erzählte, schimmerte bei einigen die Meinung durch, „Slow Love“ sei irgendwie weniger „wert“ als „Fast Love“. Ein Gedanke, den viele Menschen bei Storys wie dieser haben: Wenn man sich die ganze Zeit über nicht richtig gesehen hat und toll fand, ist es auch nicht das Richtige. Ich halte das für vollkommenen Quatsch und glaube sogar, dass eine langsame Liebe oft mehr Potenzial hat, als die, bei der man sich sofort in jemanden verguckt. Zudem glaube ich, dass es in der Liebe oft weniger auf eine stimmige Chemie ankommt als auf Timing. Und wenn das Timing einfach nicht da ist, verpasst man sich schon mal – auch über sechzehn Jahre hinweg.

Wie ist das denn bei euch? Habt ihr euch schon einmal „slow“ verliebt?

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7 Antworten zu “Coffee Break: Über „Ghosting“ und „Slow Love“”

  1. So was ist mir leider noch nicht passiert, aber ich finde die Vorstellung sehr, sehr schön. Jemanden den man sehr gut kennt und schon sehr lange mag – das ist in meinen Augen eine tolle Beziehung, weil man ganz man selbst sein kann. Und mit dem Timing hast du auch Recht – ich habe schon sehr, sehr tolle Menschen kennen gelernt, aber die äußeren Umstände haben keine Beziehung zugelassen. Und auch wenn man sagt: Man kann es immer irgendwie möglich machen, sag ich ganz ehrlich: Nein, manchmal ist es einfach nicht möglich. Weil es noch viel mehr weh tun würde, es zu versuchen. Da ist eine Liebe, die sich so langsam entwickelt einfach was ganz tolles. Und ich hab auch noch eine tolle Slow Love Geschichte:
    Die Eltern einer Freundin haben sich getrennt (nein, nicht so schön, aber das ist nicht die Geschichte), weil ihr Vater seine damalige Jugendliebe von vor 25 Jahren wieder getroffen hat. Und die beiden sich immer noch toll fanden, neu verliebt haben, und jetzt, nach einem halben Leben, tatsächlich ein glückliches Paar sind. Soooo schön die Vorstellung
    Liebe Grüße,
    Kathi

  2. Ganz ganz tolle Kolumne!
    Ich denke auch, dass es ganz oft auf das Timing ankommt und sich manche Dinge erst einmal „passend“ fügen müssen, bis es klick macht. Ich finde, dass von Wertigkeit sowieso keine Rede sein kann. Liebe ist Liebe und immer romantisch. Wenn es jemand ist, denn man schon so lange kennt ist das irgendwie echt recht sehr romantisch und rührend, wie ich finde :)

  3. Habe meinen Freund auch schon viel früher kennengelernt & irgendwie hat es von ihm aus aber nie klick gemacht. Nach 3 Jahren war dann erstmal Funkstille & als wir wieder mehr Kontakt hatten, waren wir schneller als gedacht ein Paar. Das Ganze hält jetzt seit 4 Jahren & ein Ende ist noch lange nicht in Sicht :) Meine Beziehungen davor waren immer „fast loves“ und im Nachhinein würde ich sagen, dass es daran lag, dass man sich einfach nicht kannte. Wenn man eine längere Vorgeschichte hat, kennt man seinen Partner einfach – auch die zickigen & schwierigen Seiten. Man weiß schon, was wie die Katze im Sack aussieht & das macht alles tausendmal entspannter :)

  4. Das Phänomen kommt mir bekannt vor. Stecke gerade mittendrin, wenn man so will. Bei mir waren es zwar keine Jahre oder eine Freundschaft, die mich der Person verband, aber eine monatelange Zusammenarbeit auf Arbeit. Attraktiv und zugleich sehr sympathisch war mir die Kollegin auf anhieb. Ob dies auf Gegenseitigkeit beruhte – ich hatte keine Ahnung, aber versuchte die Zeichen einfach zu deuten. Nach eine Auszeit der Kollegin aufgrund eines Praktikums im Zuge des Studiums, habe ich sie gut 3 Monate nicht mehr gesehen und auch nicht wirklich vermisst. Als sie dann irgendwann doch wieder vor mir stand und mich innig begrüßte, versuchte ich wenige Wochen darauf mein Glück und fragte sie nach einem unverbindlichen Treffen außerhalb der Arbeitswelt. Seither kam es zu eineindeutigen Sätzen, vielen netten Gesten und total schönen Momenten. Sobald nun ihre Prüfungsphase vorbei ist, wollen wir zusammen einige Tage verreisen und uns so richtig kennenlernen. Ich freue mich auf das, was da kommen mag. Und ob der „Deckel“ nun heißer sein darf, als der „Topf“? Ich denke schon. Am Ende muss es einfach passen.

  5. Mit dem Timing stimme ich nicht so recht zu. Sich verlieben ist auch eine Sache des wollens. Loslassen, geschehen lassen. Die moderne Psychologie beweist. Wer sich aktiv dagegen sperrt kann den Hormonschub im Gehrin unterdrücken. Der Zeitpunkt ist immer der richtige. Leider kenne auch ich viele Geschichten wo es gneau der Fall war, dass eine Seite es nicht geschehen lassen wollte. Slow-Love ist natürlich sonst ein super Gedanke. Finde ich auch irgendwie authentischer.

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