Coffee Break: Lieben wie beim ersten Mal

31. Mai 2015 von in

Wir haben uns auf Tinder kennengelernt, sie ist erst seit einem Monat getrennt, er zieht nächstes Jahr weg – all das sind Anfänge, die wir von Anfang an zum Scheitern verurteilen. Denn aus unserer Erfahrung wissen wir doch längst, wie diese Dinge laufen: Dass Fernbeziehungen niemals, niemals funktionieren (schon das Wort an sich ist eines der Widersprüchlichsten überhaupt). Dass ein Typ, der bei Tinder herumirrt, sowieso nur unverbindlichen Sex sucht und ein Mädchen, das erst seit Kurzem getrennt ist, keine neue Beziehung will.

Auf der einen Seite ist das menschlich und irgendwie gut, denn es zeigt: Wir lernen aus unseren Fehlern. Wir verlieben uns nicht mehr Hals über Kopf in einen Mann, der mehr über seine Ex-Freundin spricht als über alles andere. Wir sind vorsichtiger geworden und erkennen Signale, die noch mit 17 komplett übersehen worden wären. Auf der anderen Seite ist das auch ein bisschen bescheuert, weil jeder Mensch, ebenso wie jede Trennung, die er hinter sich hat, vollkommen verschieden ist. Genauso wie jede Begegnung zwischen Zweien anders ist als alle Begegnungen zuvor. Und selbst die Motivation sich bei Tinder anzumelden nicht immer dieselbe sein muss. Keiner hat diese Regeln aufgestellt – dass etwas, das so beginnt, immer genau so laufen oder zu Ende gehen muss. Nur wir selbst.

Ja, wir sind schon so geschult, dass wir bei bestimmten Signalwörtern in Nachrichten meinen, erkennen zu können, wie der Andere tickt und ihn sofort einkategorisieren. Wenn er diese eine Bar, in der nur Männer abhängen, die jedes Wochenende ein anderes Mädchen abschleppen, als seine Lieblingskneipe bezeichnet, nicken wir wissend und sind uns sicher: Klar, ich weiß wie du so bist. Wir meinen, unsere Erfahrung hat uns zu perfekten Detektiven gemacht, die man nicht mehr hinters Licht führen kann – dabei hat sie uns vor allem zu Paranoiden gemacht, die sich vor lauter Unsicherheit an Halb-Wahrheiten klammern, um dann, wenn es vorbei ist, sagen zu können: „War ja klar, dass das nichts wird – die war doch eh erst einen Monat getrennt!“

Letztens dachte ich: Wären wir doch nur so unvoreingenommen wie bei der ersten Liebe! Oder zumindest ein bisschen unvoreingenommener. Ich bin mir sicher, in unseren Beziehungen würde mehr Leichtigkeit mitschwingen. Vielleicht würden sie manchmal auch erst dann zu Beziehungen werden. Denn, wenn ich davon ausgehe, dass der Andere aufgrund unseres Anfangs sowieso nichts Festes kann oder will, bin auch ich nicht mit vollem Herzen dabei und das Ganze wird automatisch zu so einer lauwarmen Angelegenheit, die sich irgendwann verläuft. Wer soll glauben, dass daraus etwas werden kann, wenn wir es selbst nicht einmal tun?

Bei der ersten Liebe wurde einfach gemacht, anstatt alles durchdacht. Vielleicht schaffen wir es ja, uns davon eine kleine Scheibe abzuschneiden. Lass mal wieder ein bisschen mehr drauf einlassen. Lass mal den Anderen erst kennenlernen, bevor wir all unsere Erfahrungsmuster auf ihn projizieren. Lass uns mal wieder von einem anderen Menschen überraschen lassen und zeigen, dass dieser und jener Weg nicht immer zum angelernten Ziel X führen muss. Und vor allem: Lass auch mal wieder von etwas Gutem ausgehen, anstatt immer von der letzten, miesen Erfahrung.

Natürlich gibt es die – diese Typen, die bei Tinder nur nach Sex suchen, Mädchen, die frisch getrennt sind und sich gerade nichts Neues vorstellen können, Menschen, die in verschiedenen Städten wohnen und deren Beziehung daran scheitert. Es gibt aber auch Tinder-Babys und neunjährige Fernbeziehungen, die in einer gemeinsamen Wohnung enden. Und ja, es gibt Menschen, die sich am Tag nach ihrer Trennung neu verlieben.

Alles von Anjas Serie Coffeebreak 

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12 Antworten zu “Coffee Break: Lieben wie beim ersten Mal”

  1. beste Kolumne. ich liebe sie jetzt schon. du findest so unfassbar passende Worte für so vieles, was mich selbst aber auch Leute aus meinem Umwelt betrifft. Ich schick schon immer nur den Link mit „Musste lesen“ weiter! Ganz Groß! :)

  2. Ich bin schon lange ein Fan von amazedmag und hatte bisher rein gar nichts vermisst, aber du bist eine unglaubliche Bereicherung! Danke danke danke

  3. Ohja da hast du Recht. Ich kenne viele Beziehungen, die schon eine wirklich längere Zeit halten und gut funktionieren obwohl man zuerst dachte, das wird ja nie was. Das erste Date nach einer Trennung wurde so tatsächlich zum jetzt langjährigen Freund einer Bekannten, Fernbeziehungen, die laaaange lange gut gehen, auch wenn es schwierig ist, und so weiter. Jeder ist anders und wenn es so sein soll, dann wird es auch!!

  4. Ich habe deine letzte Kolumne an alle Single Freunde geschickt und werde es mit dem Link genauso machen, toll geschrieben! Ich habe Tinder vor ein paar Monaten ebenfalls eine Chance gegeben und war positiv überrascht, wie viele sympathische Männer auf der Suche sind. Und was soll ich sagen, inzwischen erwarten wir Nachwuchs, ein Tinder Baby sozusagen :) Vorurteile ein bisschen lockerer zu sehen kann also funktionieren. Aber irgendwann hat man eben auch seine „Standards“ entwickelt. Ich selbst bin Nichtraucher und Rauchen wäre für mich schon ein No Go, aber ich verstehe absolut was du meinst, es geht ja nicht um die grundsätzlichen Werte, die müssen einfach passen. Aber bei allem anderen wird man vielleicht überrascht, wenn man es ein bisschen lockerer sieht!
    Franzi von http://www.beeminent.wordpress.com

  5. Wie immer treffend formuliert, das Wort zum Sonntag!

    In diesem Sinne werde ich mich auch weiterhin auf das nächste Date mit meiner Tinderbekanntschaft freuen, der ist nämlich eigentlich ganz toll und so gar nicht Tinder ;)

  6. Ein riesen Lob an dich! Ich finde deine Kolumne ist wirklich so eine große Bereicherung nicht für die Mädels von amazed, die meine Liebe auch schon seit Langem haben, sondern generell für die Gedankenwelt so mancher dort draußen. Ich freue mich jeden Sonntag einen Kullerkeks deine neuen, inspirierenden und meistens auch beruhigenden (beruhigend dahingehend, dass eigentlich alles gar nicht so schlimm ist und ich offensichtlich doch nicht so verrückt bin wie gedacht) Texte zu lesen. Für mich wirklich schon ein fester Bestandteil zum Ausklingen des Wochendes! Also vielen lieben Dank und hör bitte niemals auf!!

    Sei herzlich gegrüßt

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